Der «Roi du Doubs» ist der Fisch des Jahres 2013. Vom extrem seltenen Flussbewohner existierten letztes Jahr nur noch 52 Exemplare, wie der Schweizerische Fischverband erklärt. Die Organisation ruft mit der Nominierung des extrem seltenen Fisches die Bedrohung der Gewässer in Erinnerung. Lesen sie in der folgenden Geschichte, wieso es dem König des Doubs so schlecht geht und was zu seiner Rettung getan werden muss.

Quelle: Mathieu Bruno/Biosphoto

Die Fahrt zum Doubs gleicht einer Zeitreise. Nach der Berg-und-Tal-Fahrt über bewaldete Juraketten fällt die Landstrasse steil ab und führt nach St-Ursanne. Ein Gefühl der Abgeschiedenheit stellt sich im mittelalterlichen Städtchen ein. Auf dem Weg zum Fluss passiert der Besucher Fachwerkhäuser, denen man ihr Alter ansieht, und schreitet durch ein mächtiges Tor. Unter der Steinbrücke glitzert der Doubs, zweifellos einer der schönsten Flüsse der Schweiz in einer der prächtigsten Landschaften.

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Flussabwärts, Richtung Frankreich, öffnet sich das Tal, flussaufwärts beschreibt der Wasserlauf eine Spitzkehre. Wer ihm in dieser Richtung folgt, kommt an lauschi-gen Abschnitten vorbei, in denen das Gewässer, gesäumt von Wald und Auen, über Steine rauscht und sprudelt. Hier tummelt sich der Apron. Der Roi du Doubs, wie man ihn im Jura auch nennt, ist eine schwimmende Sensation: Nur im Clos du Doubs, in der Flussschlaufe um St-Ursanne, kommt der extrem seltene und streng geschützte Fisch in der Schweiz noch vor. In dieser abgeschiedenen Region haben 100 bis 200 Exemplare der Spezies Zingel asper überlebt. Weitere Populationen finden sich im französischen Einzugsgebiet der Rhone. Seinen Namen hat der Vertreter der Spindelbarsche nicht vom König («roi»), sondern vom französischen Wort «roide», was übersetzt «steif» heisst. Denn das 16 Zen­timeter kurze Tier hat einen starren, unbiegsamen Körper. Wie der Fisch ist auch sein Lebensraum einzigartig und bedroht.

Quelle: Mathieu Bruno/Biosphoto

Ein Pilz tötet Tausende von Fischen

Das Unheil machte sich vor drei Jahren bemerkbar. Damals zogen Fischer vereinzelt tote Forellen und Äschen aus dem Fluss. 2010 wiederholte sich das Phänomen, und vor einem Jahr kam es zum Massensterben. Tausende von toten Forellen und ­Äschen trieben auf dem Doubs. Ein Pilz namens Saprolegnia parasitica war dafür verantwortlich. «Der Anblick dieser toten Tiere war herzzerreissend», sagt Olivier Schmidt. Der passionierte Fliegenfischer aus Basel kennt den Doubs seit seiner Kindheit. Doch nach dem Fischsterben hat er sein Hobby aufgegeben. Stattdessen widmet er sich nun dem Kampf um den Doubs. «Der Doubs ist praktisch tot, es braucht dringend Massnahmen zu seiner Revitalisierung», sagt er.

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Vor einem Jahr hat Schmidt auf Facebook die Gruppe «Rettet den Doubs!» gegründet und damit einen Nerv getroffen. Über 400 Fischer und Sympathisanten haben sich angeschlossen. Im Mai 2011 nahmen mehr als 1000 Menschen an einer weither­um beachteten Demonstration im jurassischen Goumois teil. Sie forderten die Behörden auf, den Doubs vor dem schleichenden Tod zu retten.

Dem Besucher, der die wilde Landschaft geniesst, entgeht dieses Drama. Das Wasser fliesst im Schritttempo an ­St-Ursanne vorbei. Das ist aber nicht Zeichen von natürlicher Anmut und Gemächlichkeit, wie man annehmen könnte, sondern Resultat energetischer (Über-)Nutzung: Am Oberlauf befinden sich mehrere Kraftwerke. Der 450 Kilometer lange ­Doubs ist ein Lehrbeispiel dafür, wie sich negative Einflüsse gegenseitig verstärken.

«Es gibt nicht nur ein einzelnes Problem», sagt Lucienne Merguin Rossé von der jurassischen Sektion von Pro Natura. «Es sind die Kraftwerke, die Landwirtschaft, die Industrie, das Klärwasser und die Freizeitaktivitäten der Menschen, die alle zusammen dem Fluss schaden», erklärt die Naturschützerin. Die Untätigkeit der nationalen und lokalen Behörden erzürnt sie. «Das Problem mit den Kraftwerken ist seit Jahrzehnten bekannt, aber getan wird nichts.» Ab La Chaux-de-Fonds bildet der Doubs auf einer Länge von 45 Kilometern die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz. Der Fluss windet sich auf dieser Strecke 500 Meter hin­ab in die Karstlandschaft; innert Millionen von Jahren hat er das enge Tal gegraben. Allein auf diesem Abschnitt befinden sich drei Flusskraftwerke.

Vor allem das von der Firma Groupe E betriebene Werk Le Châtelot ist berüchtigt wegen der Flutwellen, die es verur­sacht. Wenn das Wasser aus dem Stausee durch die Turbinen jagt, steigt der Pegel des ­Doubs. Bis weit unterhalb von St-Ursanne ändert sich der Wasserstand massiv. Ruht das Kraftwerk, sinkt er wieder. Dieses Phänomen ist sowohl für die Fische wie auch ihren Laich verheerend, weil sie hin und her und ans Ufer geschleudert werden.

Gesetz zur Sanierung erst ab 2030

Seit 1969 gibt es eine Vereinbarung zwischen Frankreich und der Schweiz, um das Problem der Pegelschwankungen zu entschärfen. Dieses Règlement général sieht vor, dass ein Teil des Turbinenwassers in den Staubecken der stromabwärts gelegenen Kraftwerke aufgehalten werden muss. «Das Règlement hat noch nie funk­tioniert», kritisiert Umweltschützerin Merguin Rossé. Beim Bundesamt für Energie, das die binationale Wassernutzung überwacht, gibt man ihr teilweise recht. Zurzeit untersucht man geeignete Massnahmen zur Dämpfung der Schwallwellen. Zum Beispiel durch einen Rückhalt in den Staubecken von Le Refrain und La Goule. Hoffnung auf eine rasche Verbesserung der ­Situation wäre allerdings verfrüht. Die Kraftwerkgesellschaften besitzen langjährige Konzessionen und treffen Sanierungsmassnahmen auf freiwilliger Basis. Erst ab 2030 schreibt sie das Gesetz vor.

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Die Belastung des Wassers mit Chemikalien und Düngestoffen ist ein weiterer Streitpunkt zwischen Naturschützern und Behörden. Laut Christophe Noël vom jurassischen Umweltamt in St-Ursanne gibt es keine Hinweise auf gefährlich hohe Schadstoffkonzentrationen. «Aber die aktuellen Analysen genügen nicht für eine genaue Diagnose des Flusszustands», räumt er ein. Deshalb starte dieses Jahr ein erweitertes Programm zur Untersuchung der Wasserqualität.

Die Umweltschützer sprechen von ­einer reinen Verzögerungstaktik. «Der Doubs war und ist Abfallkübel für belastete Abwässer», sagt Lucienne Merguin Rossé. Hätte man in der Vergangenheit die Sedimente untersucht, wären mit Sicherheit Mikroverunreinigungen zutage getreten, chemische Stoffe aus Industrie, Gewerbe und Haushalten. Entlang des Doubs stehen Gewerbebetriebe, und nicht alle halten die Bestimmungen ein.

Selbst die Geologie scheint sich gegen den Fluss verschworen zu haben. Die poröse Karstlandschaft ermöglichte zwar den wilden und imposanten Taleinschnitt, doch fehlt ihr die Filterfunktion dichter Gesteine: Die Abwässer und Chemikalien aus den Freibergen und der französischen Region Franche-Comté fliessen ungehindert durch die Kalkschichten und sammeln sich im Doubs. Hinter vorgehaltener Hand sprechen viele Einheimische von Schweinezuchten und verbotenen Güllepraktiken, dazu kämen schlecht geklärte Abwässer aus den Siedlungen. Offen darüber reden will aber niemand.

Der Fliegenfischer Olivier Schmidt fasst zusammen: «Es ist doch offensichtlich, dass die vielen Belastungen den Doubs beeinträchtigen. Die Fische sind geschwächt, und der Parasit hat leichtes Spiel.»

In Bezug auf den Pilz stellen sich neue Fragen. Gemäss ersten Analysen sei es eine neue Form, die sehr ­aggressiv und gefährlich sein könnte, gibt das kantonale Amt für Umweltschutz bekannt. Und wehrt sich ­vehement gegen den Vorwurf der Untätigkeit. «Wir reagieren sehr wohl proaktiv», sagt Christophe Noël. Aber die Aufgabe sei nicht leicht zu lösen. «Zur Verbesserung der Wasserqualität des ­Doubs ist eine ­Koordination aller beteiligten Gemeinden nötig. Der Kanton Jura hat die Behörden Frankreichs und Neuenburgs angehalten, entsprechende Massnahmen zu ergreifen.»

Aktivisten klagen beim Europarat

Angesichts all der Belastungen verwundert es, dass der Roi du Doubs bis jetzt überlebt hat. Doch niemand wagt eine Prognose, wie lange die wertvollen Exemplare sich noch behaupten können. Fischer und Umweltorganisationen haben den Fisch zum Symbol im Kampf für einen sauberen ­Doubs gemacht. Im vergangenen Herbst klagten die Aktivisten beim Europarat in Strassburg gegen die Schweizer Behörden, da diese nicht genug zum Schutz des gefährdeten Aprons unternähmen. Die Ak­tion hat Hektik ausgelöst. Mitte Januar verabschiedete der Bund einen Aktionsplan, und das kantonale Umweltamt hat ein Fangverbot für Äschen erlassen. Arbeitsgruppen aus verschiedenen Ämtern sind am Werk, um den ­Doubs und sein Kleinod zu retten. Ein unbiegsamer Exot, der zum Jura und seinen Originalen passt.

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