Baby und Népal – ihr Schicksal bewegte die Grande Nation. Dabei handelte es sich nicht um die Geliebten eines Würdenträgers, sondern um zwei Elefantenkühe. Tests hatten ergeben, dass die beiden an Tuberkulose erkrankt sein könnten. Die zuständige Präfektur beschloss, die Tiere einschläfern zu lassen. Frankreich wurde von Protestwellen erschüttert. Tierschützer machten mobil, der Zirkusdirektor, der die Elefanten dem Zoo von Lyon anvertraut hatte, reichte bei Präsident Hollande ein Gnadengesuch ein und zog vor Gericht. Doch am ­publikumswirksamsten legte sich Brigitte Bardot ins Zeug: Die einstige Filmgöttin drohte, nach Russland auszuwandern, sollten Baby und Népal eingeschläfert werden. Ob die Mächtigen vor dem Zorn der Diva erzitterten, bleibt dahingestellt. Tatsache ist: Das oberste Verwaltungsgericht verfügte, die Elefanten leben zu lassen. Ein Sieg für die Tierschützer – vor allem für Brigitte Bardot.

Die ist längst eine verlässliche Marke im Tierschutz­geschäft, die Rettung der zwei Elefanten nur ihr jüngster Coup. Anfang der Siebzigerjahre brachte sie sich mit einer Kampagne gegen kanadische Robbenjäger in Position, später gründete sie die Fondation Brigitte Bardot. Die Stiftung bekämpft das Abschlachten von Grindwalen vor den Färöer-Inseln ebenso wie Tierversuche an Hunden und Kaninchen in französischen Labors. Die Zahl der Spender liegt bei 70'000, Tendenz steigend – ein Indiz dafür, dass die Tierschützerin Brigitte Bardot glaubhaft bleibt, selbst wenn die Ikone BB aufgrund ihres reaktionär-konservativen Weltbilds zum Symbol für die politische und gesellschaftliche Dauerkrise Frankreichs geworden ist.

Hoher Frauenanteil in Tierschutzorganisationen

Die reife Diva mit dem Doppelinitial ist nur eine von unzähligen Frauen jeden Alters, die sich mit der Leidenschaft einer Jeanne d’Arc für Tiere in die Bresche werfen. Zoomen wir in unser eigenes Umfeld, stellen wir fest: Jeder von uns kennt mindestens eine Frau, die sich für die leidende Kreatur engagiert. Da ist die Freundin, die in der Nacht rausgeht, um Igel vor dem Tod auf der Strasse zu retten; die Nachbarin, die gleich drei Katzen aufnimmt, die sonst womöglich getötet würden; die Kollegin, die jede freie Minute im Tierheim verbringt, einen Rottweilerwelpen adoptiert und mit ins Büro nimmt, damit er in einem (Menschen-)Rudel aufwachsen kann – auch wenn die Menschen vor ihm ­zittern. Männer zeigen viel seltener ein solches Engagement. Ist Tierschutz Frauensache?

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Eine Umfrage bei Schweizer Tierschutzorganisatio­nen stützt die These: Gut 75 Prozent aller Mitarbeiter bei kantonalen und regionalen Tierschutzvereinen, in Tierheimen und Auffangstationen sind Frauen, bei den ­ehrenamtlich Tätigen sind es sogar 90 Prozent. Haben Frauen womöglich ein Tierschützergen?

«Ich denke, es liegt in der Natur von uns Frauen, andere Lebewesen zu schützen, Empathie und Mitleid für das Tier zu empfinden, während Männer sich eher als dessen Bändiger und Beherrscher verstehen», sagt Helen Sandmeier, 59, Sprecherin des Schweizer Tierschutzes. Vielen ihrer Kolleginnen sei es ein Bedürfnis, sich um Tiere zu kümmern und ihnen zu helfen. Das zementiere zwar das Klischee der empathischen, sich aufopfernden Frau, ein Bild, gegen das sich heute viele Frauen wehrten. «Aber so emanzipiert wir auch sind: Hier trifft das ­Klischee wohl tatsächlich zu.»

Verletzt man das Tier, tut man auch der Frau weh

Livia Boscardin, 27, Doktorandin in Human-Animal Studies an der Universität Basel, sieht den weiblichen Hang zum Tierschutz weniger in der Natur als in der Sozialisation der Frau begründet. Frauen würden immer noch den Löwenanteil der typischen Care-Aktivitäten ausrichten, Kinder erziehen, ältere Menschen und eben auch Tiere pflegen. Sie identifizierten sich von Kindesbeinen an mit dem gesellschaftlich legitimierten Ideal der empathisch-schützenden Frau und leisteten häufiger Teilzeitarbeit als Männer, um daneben sogenannten «weiblichen Tätigkeiten» nachgehen zu können. Irgendwann im Leben – zum Beispiel, wenn die Kinder ausgeflogen sind – würden sie sich dann «mehr Zeit für Freiwilligenarbeit nehmen».

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Die Nähe der Frau zum Tierschutz ist laut Boscardin auch historisch begründet: Im 19. Jahrhundert ging in Grossbritannien und den USA mit der Frauenrechts­bewegung die Anti-Vivisektion-Bewegung einher. Die Frauenrechtlerinnen forderten den Stopp der grausamen Tierversuche, die im Namen der Medizin und der Grundlagenforschung am lebenden Tier durchgeführt wurden. «Sie sahen in der Ausbeutung der Tiere ein Symbol für ihre eigene Unterdrückung», sagt Boscardin. «Die Befreiung der Tiere und die Emanzipation der Frau stehen somit in einem direkten Bezug zueinander.» Dieser Zusammenhang ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch Boscardin weiss von einigen Frauen, die sich im Tierschutz engagieren, weil sie sich mit den Tieren «solidarisch» fühlen. Offenbar gilt heute noch: «Verletzt man das Tier, tut man auch der Frau weh.»

Aufgabenfelder von Frauen und Männern

Nicht alle Sparten des Tierschutzes werden von Frauen dominiert. «Fest in Frauenhand ist einzig der klassische Haus- und Heimtierschutz», erklärt Heidi Randegger, 48, Leiterin Kommunikation der Stiftung Tierrettungsdienst. «Das liegt daran, dass der praktisch vor der Haustür geschieht und somit gut mit den jeweiligen Lebensumständen der Frauen vereinbar ist.» Sobald es um Wildtiere geht oder um Einsätze jenseits der europäischen Grenzen, steigt der Männeranteil rapid an. Zudem engagieren sich Männer häufig als Rettungsfahrer oder Gehegebauer, oder sie sind in Kontrolldiensten tätig, überprüfen etwa Nutztierhaltungen oder überwachen Tiertransporte.

Laut Randegger fühlen sich viele Frauen zur Freiwilligenarbeit im Heimtierschutz hingezogen, weil sie ihr Leben als hektisch und nicht selten als leer empfinden. «Mit dem Engagement für Tiere lässt sich dieser Mangel auf eine gute Art kompensieren», sagt sie. «Es ist, als ob man sich damit ein Stück Leben zurückholt. Man übernimmt Verantwortung für ein Lebewesen, ­gewinnt dadurch ein Gefühl von Nähe und vor allem die Gewissheit, etwas Sinnvolles zu tun.»

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Doch das birgt auch Risiken: Es kommt vor, dass sich Frauen aus Enttäuschung oder Liebeskummer abschotten und sich nur noch Tieren zuwenden – das soll auch Brigitte Bardot in den Tierschutz getrieben haben. Oder dass sie Dutzende von Katzen bei sich aufnehmen, ohne zu merken, dass sie den Tieren gar nicht mehr gerecht werden können. «Tierliebe bedeutet auch, sich ehrlich zu fragen: Für wen mache ich das? Geht es um mich oder um das Tier?», betont Rand­egger. «Tut man das nicht, kann aus einer sinnvollen Sache schnell Tierquälerei werden.»

Tierschutz wird emotionalisiert und verniedlicht

Vielleicht ist die Emotionalisierung des Tierschutzes mit ein Grund dafür, dass die professionelle Arbeit von Tierschützerinnen geschmälert, Tierschutz in der Öffentlichkeit oft verniedlicht wird. Susy Utzinger, 45, Gründerin und Geschäftsleiterin der Susy-Utzinger-Stiftung für Tierschutz, erlebt selten, dass Journalisten sich über ­Themen und Projekte informieren wollen. «Die Medien wollen nur die traurige Frau zeigen, die das Tierchen auf dem Arm hält, das sie gerettet hat.» Dieses Bild werde ­ihrer Arbeit nicht gerecht. «Tierschutz setzt Fachwissen voraus und bedeutet langfristige Hilfe und eine nachhaltige Veränderung der Umstände.»

Nun, die beiden Elefantendamen Baby und Népal erfuhren ein doppeltes Happy End – sie wurden nicht nur von einer einstigen Filmdiva gerettet, ihre Situation hat sich auch entscheidend geändert: Sie leben heute in einem eigens errichteten Gehege auf einem Grundstück der Fürstenfamilie Grimaldi an der Côte d’Azur. Ihre neue Schutzherrin? Prinzessin Stéphanie von Monaco.

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