1. Home
  2. Umwelt
  3. Flora & Fauna
  4. Wunschreportage: Gute Waldgeister

WunschreportageGute Waldgeister

Dank dem Einsatz von Freiwilligen kann die Bündner ­Gemeinde Langwies vor Lawinen und Steinschlag geschützt werden. Trotz körperlicher Anstrengung – die Helfer geniessen die Arbeit in der Natur.

Von

«Das ist meine Wellnesswoche», sagt Marlene Hégelé lachend. Die fröhliche Dame holt aus und schlägt mit dem Beil kraftvoll einen Nagel ins Fichtenholz. Der Stahlstift stabilisiert die Konstruktion aus drei Rundhölzern, die Mar-lene Hégelé zusammen mit Fritz Moser in den Steilhang oberhalb Langwies gezimmert hat. Das abschüssige Gelände erfordert Geschicklichkeit, Hégelé sucht nach einem festen Tritt. Es riecht nach frischem Holz und Walderde. «Eine Arbeitswoche im Bergwald kann ich nur empfehlen – ich erhole mich bestens», sagt die tatkräftige Frau, die in ihrem Berufs­alltag Kleider entwirft und schneidert.

Der Blick von unserem Standort auf rund 1700 Metern hinunter ins Schanfigg – ins Tal zwischen Chur und Arosa – ist eindrücklich. Anfälligen Leuten kann es hier schon mal schwindlig werden. Der extrem steile Hang zieht sich 300 Meter bis zur Strasse hinab. Der Abhang ist spärlich bewachsen, schützende Fichten fehlen. Genau das ist der Grund, weshalb hier eine Handvoll Leute sogenannte Dreibeinböcke im Hang erstellt. Die einfachen Holzkonstruktionen aus zwei horizontal und einem vertikal liegenden Holzstück ersetzen die fehlenden Bäume und sollen im Winter Schneerutsch verhindern, der Bahn und Autoverkehr gefährdet.

Die bunte Truppe von jungen und älteren Menschen, die sich im unwegsamen Gelände abrackern, leistet einen freiwilligen Einsatz. Rekrutiert hat sie die Stiftung Bergwaldprojekt, die sich seit über 20 Jahren für die Wälder einsetzt. «Mir geht es um Mithilfe und Solidarität mit der Bergbevölkerung», sagt Marlene Hégelé. «Diesen Beitrag leiste ich gerne, solange ich kann.»

Hinter ihr im Gelände steht Martin Vonlanthen. Er misst die Ausrichtung des Dreibeins und räumt Äste weg. Vonlanthen ist Betreuer in einem Heim. Hier in den Bergen kann er für einmal körperlich arbeiten. Dafür gibt er sogar eine Ferienwoche her. «Es tut mir gut, die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit kennenzulernen.» Eine Erfahrung, die viele Freiwillige suchen und schätzen. Statt im Büro Aktenberge abzuarbeiten, helfen sie, den Bergwald zu pflegen. Anders als im Büro ist das Resultat unmittelbar sichtbar – eine Abwechslung zum Alltag, in dem sich die Arbeiten häufig wiederholen.

Buntgemischte Arbeitstruppe

Philipp Würth ist Förster und beaufsichtigt den eine Woche dauernden Einsatz in Langwies. Die Freiwilligen haben die unterschiedlichsten Berufe und Hintergründe. Die 15-köpfige Gruppe setzt sich zusammen aus jungen Erwachsenen und Pensionierten; die meisten haben noch nie im Wald gearbeitet. Würth instruiert die Leute ausführlich, zeigt, wie Rundhölzer zu einem Dreibein zusammengesetzt werden oder wie herumliegendes Schlagholz verräumt wird. «Die Helfer können alle Waldarbeiten ausführen, ausser Sägen mit der Motorsäge – das ist zu gefährlich.» Im Verlauf der letzten Jahre habe es nie einen schwerwiegenden Unfall gegeben. Zerrungen und leichte Verletzungen lassen sich bei Waldarbeiten allerdings kaum vermeiden. Auch in dieser Woche ist eine Frau wegen einer kleinen Wunde abgereist.

Die gemeinnützige Arbeit ist eine beliebte Aufgabe für Zivildienstleistende wie Martin Schenker. Er hat die Matura absolviert und leistet einen vierwöchigen Bergwald-Einsatz. Im Herbst wird er sein Stu-dium an einer Jazzschule beginnen. Ihm hat es das Naturerlebnis angetan: «Wir erleben die Natur hautnah und arbeiten auch, wenn es regnet oder schneit», sagt er. Ist es Zufall, dass es just in diesem Moment zu regnen beginnt?

Ein kalter Graupelschauer fegt über den Abhang, die Leute suchen für kurze Zeit Schutz unter den Bäumen und ziehen ihre Regenjacken über. Konzentriert arbeiten sie danach weiter und setzen Fichten. Die Schösslinge werden dereinst den Hang stabilisieren. Um Hirsche und Rehe von ­ihnen abzulenken, pflanzen die Helfer auch roten Holunder und Vogelbeeren. Diese Sträucher fressen die Tiere besonders gern.

95 Prozent Schutzwald

Für die kleine Gemeinde Langwies mit ihrer grossen Waldfläche sind die Freiwilligen des Bergwaldprojekts ein Glücksfall. Rund 300 Einwohner zählt das Dorf, etwa 50 davon arbeiten in der Landwirtschaft. 14 Quadratkilometer (1400 Hektar) oder ein Viertel der Gemeindefläche sind bewaldet. Revierförster Urs Küng ist für die Waldfläche zuständig, die zu 95 Prozent als Schutzwald klassifiziert ist und das Tal vor Lawinen, Murgängen und Steinschlag schützt. «Alleine könnten wir den Schutzwald nicht bewirtschaften und pflegen. Wir sind dankbar für die Hilfe», sagt Küng. Im Verlauf der letzten zehn Jahre haben Freiwillige in Langwies 10 000 Kubikmeter Holz weggeräumt, 25 000 Schösslinge gepflanzt und 500 Dreibeinböcke erstellt. Erst diese Eingriffe ermöglichen eine wirtschaftliche Nutzung des Waldes. 2000 Kubikmeter Holz können im Fall von Langwies pro Jahr geschlagen werden.

Wer sich in den Bergflanken über der Ortschaft bewegt, begreift rasch die überragende Bedeutung des Waldes. Wo er fehlt, haftet der Humus nicht mehr; der rutschige Untergrund aus Schiefer und Flyschgestein wird sichtbar. Urs Küng schärft beim Besucher das Verständnis für den Aufbau des Waldes: Sieht man genauer hin, wird die Durchmischung deutlich. Kleine Gruppen junger Bäume sind von alten Bäumen umgeben. «Ein einziger Baum kann bei diesen extremen Bedingungen nicht überleben», erklärt Küng. Das wechselhafte Klima und der karge Boden bedeuten, dass junge Bäume nur inmitten von schützenden Fichten aufwachsen können. Sind sie standhaft genug, können die altersschwachen Bäume rausgeholt werden. «Der Wald ist in einem steten Wandel. Was wir heute anpflanzen, hilft kommenden Generationen», sagt Küng.

Anstrengend, aber erfüllend

Wir nähern uns dem Platzbach, der in einer kahlen Rinne den Berg hinunterfliesst. Um Erosion und Steinschlag zu bremsen, soll künftig ein Laubwald das steile Ufer schützen. Imke Muffler ist gerade dabei, einen Weidenschössling zu pflanzen. Die junge Frau aus Deutschland absolviert ein freiwilliges ökologisches Jahr. «Die Arbeiten im Bergwald sind eine gute Vorbereitung auf das Studium der Geo­graphie. Man bekommt viel erklärt, muss aber auch viel arbeiten», sagt sie.

Das häufige Vorurteil, Freiwillige seien ambitionslos und das Lager gleiche einem Ferienbetrieb, kann man vergessen. Muffler ist nicht die Einzige an diesem Tag, die von der anstrengenden, aber erfüllenden Arbeit schwärmt.

Gegen fünf Uhr abends ist das Tageswerk erledigt, es geht zurück zur Unterkunft in Langwies. Im gemütlichen Chalet hält an diesem Abend Köchin Celia die Gruppe mit Risotto und überbackenen Spargeln bei Laune. «Dies ist der schönste Moment», sagt Martin Schenker: «Die Leute sind müde und zufrieden.»

Freiwillige Arbeitseinsätze für die Umwelt und den Naturschutz liegen heute im Trend. Zu den Pionieren auf dem Gebiet gehören die «Stiftung Umwelt-Einsatz Schweiz» (SUS) und das «Bergwaldprojekt». Die SUS wurde 1976 gegründet, das Bergwaldprojekt im Jahr 1987. Beide Stiftungen organisieren Einsätze für Schulklassen und Einzelpersonen.

Während die SUS verschiedene, körperlich eher leichte Arbeiten in Naturlandschaften vermittelt, konzentriert sich das Bergwaldprojekt auf Arbeiten in Schutz­wäldern. Die SUS setzt die Leute vor allem zum Bau von Trockenmauern ein.

Bei beiden Organisationen sind Zivildienstleistende willkommen. Im Hintergrund wirken Umwelt­verbände mit, die auch eigene Projekte zur Freiwilligenarbeit anbieten. Auch wer im Ausland tätig sein will, findet verschiedene Organisationen, die Ökoeinsätze vermitteln.

Veröffentlicht am 27. Mai 2011