Möbelhäuser und Baumärkte kennt ­Ernesto Suter aus Neuhausen am Rheinfall fast nur von aussen. Viel lieber sucht er sich für sein Haus Baumaterialien und Einrichtungsgegenstände in Brockenhäusern, Abbruchhäusern, Baumulden, Altglascontainern und Gerümpelhaufen auf Baustellen. Seine 70 Jahre sieht man Suter nicht an. Der gelernte Maurer sprüht vor Vitalität. Jahrelang war er selbständiger Cheminéebauer. Seit der Pen­sionierung ist er fast täglich mit seiner Hündin Simba unterwegs und hat immer die Augen offen: «Wenn ich ein gebrauchtes Stück finde oder auf Restmaterialien stosse, die zum Wegwerfen gedacht sind, sehe ich vor meinem inneren Auge sofort, was man damit machen könnte.»

Entscheidend sind Geschick und Phantasie

Mit über Jahrzehnte gesammelten und lange in einer Scheune eingelagerten Gebraucht- und Restmaterialien hat Suter in den letzten Jahren für sich, seine Frau und seine zwei Töchter in Neuhausen ein Doppeleinfamilienhaus gebaut. Die Pläne zum eigenwilligen Bau, der an die ­Arbeiten von Friedensreich Hundertwasser erinnert, zeichnete er selber. «Durch meine jahrzehntelange Arbeit als Cheminéebauer habe ich ein gutes Formgefühl entwickelt», sagt Suter. Das Haus fällt nicht nur durch seine Form auf, ­sondern zeigt eindrücklich, wie man mit meist kos­tenlosem Material und viel Phantasie seine eigenen vier Wände erstellen und teilweise auch einrichten kann. Das Haus ist aber auch ein Spiegel der Wegwerfgesellschaft und führt uns vor Augen, wie viel hochwertiges Material heute einfach entsorgt wird. Gemäss Statistik des Bundesamts für Umwelt fallen in der Schweiz täglich 32'000 Tonnen Bauabfälle an, dazu kommen rund 7000 Tonnen Haushaltsabfälle, zu denen auch ein erheblicher Teil an Sperrgut und Einrichtungsgegenstände zählen.

Ein neues Haus mit historischer Substanz

Wenn Ernesto Suter irgendwo ein brauchbares Stück entdeckt, kann er selten widerstehen. So hat er auch beim Bau seines Hauses immer wieder die Pläne über den Haufen geworfen, wenn er auf neue Materialien stiess. Ursprünglich sollten die Wände aus gepressten Strohballen entstehen. Doch in der Zementfabrik Thayngen, die damals gerade abgerissen wurde, konnte er kostenlos einige Dutzend Paletten ungebrauchter und hochwertiger Schamottsteine mitnehmen. Diese waren einst dafür gedacht, den ­Klinkerofen der Fabrik auszukleiden. Suter beschloss, die Wände des Hauses mit diesen Steinen zu mauern und sie mit Isolationsplatten zu dämmen. Diese isolierten früher in der Nachbargemeinde Dächer von Einfamilienhäusern und waren nach deren Sanierung gratis zu ­haben. Dank der guten Isolation erfüllt Suters Gebäude nun locker den Minergie-Standard.

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Beim Rundgang durch Haus und Garten weiss der Bauherr zu fast jedem Stück eine Geschichte zu erzählen. Etwa zu den jahrhundertealten Ziegelsteinen mit Handabdrücken der Ziegeleiarbeiter. Die Ziegel holte Suter aus der Bauschuttmulde des Altersheims im früheren Agnesenkloster in Schaffhausen und verwendete sie als Fenstersimse. «Wie kann man solche Raritäten nur fortwerfen?», wundert er sich.

Eine Geschichte steckt auch hinter den spe­ziellen Zimmertüren – ihr Mittelteil ist aus ehemaligen Tischen der Kantine des Tonwerks in Thayngen gefertigt. Ebenfalls ein aussergewöhnliches Vorleben hat die aus bestem Edelstahl bestehende Tür zur Dachterrasse – sie verschloss einst den Kühlraum der Metzgerei einer Coop-Filiale. «Die waren froh, dass ich die Tür beim Umbau mitnahm», sagt Ernesto Suter. Besonders ist auch die Geschichte, die hinter den blauen Flaschen steckt, die, aufgespiesst auf alte Armierungseisen, als Absturzsicherungen vor den Fenstern dienen – Suter hat sie bei Spaziergängen mit Hündin Simba aus den Altglascontainern in Neuhausen und Schaffhausen gefischt. «So habe ich mir die Zeit vertrieben, bis die Baubewilligung für unser Haus eintraf», sagt er.

«Altmetallcontainer beispielsweise sind für mich wahre Fundgruben», sagt Suter. Hunderte interessanter Metallteile hat er dort heraus­gefischt: Hufeisen, Gertel, Mausmesser, Sicheln und Heugabeln. Ein Metallbauer hat sie zusammengeschweisst und mit einem Rahmen ver­sehen. So sind aus den Teilen, die eigentlich eingeschmolzen werden sollten, Sicherungen für die Treppenabgänge des Hauses geworden. Als Handwerker weiss Suter mit solchen Materialien umzugehen und hat Spass am Ausprobieren.

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Die Diamanten im Badezimmer

Doch auch wer keinen handwerklichen Beruf hat, dafür aber etwas Geschick, kann es Suter nachtun: Etwas Ausdauer bei der Suche nach gebrauchten Materialien, ein paar wenige Werkzeuge und Ideen sowie Zeit und Musse zum Bas­teln genügen (siehe unten: «Der Weg zum Heimwerker»). Ein Beispiel dafür, wie einfach aus scheinbar nutzlosem Abfall Neues entsteht, sind Suters Sterndekorationen beim Hauseingang: Sie bestehen aus Getränkedosen, die er mit einer Blechschere zugeschnitten und gereinigt hat. «Auf die Idee kam ich, weil ich gesehen habe, wie viele solcher Dosen überall herumliegen.»

Weitere Beispiele für Suters Phantasie finden sich überall im Haus: Im Bad seiner Töchter im ersten Stock hat er aus alten Treppenstufen ein Regal gebaut, darüber hängt ein diamantbestücktes Fräsenblatt, das einst zum Aufschneiden von Teerbelägen diente. Darauf hat Suter einen runden Spiegel aus dem Brockenhaus ­geklebt. «Wer hat schon eine Spiegelumfassung mit Diamanten?», schmunzelt er. Die Spiegelumrandung mit dem verrosteten Sägeblatt passt bestens zum Sockel der Badewanne. Dieser besteht aus einer ausrangierten Pflastermulde, wie sie die Maurer früher auf dem Bau benutzten. Suter hat sie zerschnitten und darauf die Wanne gestellt. Das hat zuerst zu Diskus­sionen mit ­seiner Frau und den Töchtern geführt: «Aber manchmal muss man solche Dinge einfach machen und erst nachher fragen», sagt Suter. Heute finde der Rest der Familie das Bad auch cool – vor allem seit es auch viele Besucher fasziniert.

Das Internet hilft bei der Materialsuche

Auch sonst besteht das Badezimmer grösstenteils aus gebrauchten Dingen: Die Schrank- und Regalkombination für Tücher und Kosmetika stammt aus dem Brocki und war wohl einst ein Schlafzimmerschrank. Um offene Regale zu erhalten, liess Suter einen Teil der mit Spiegelglas belegten Türen weg. Diese wiederum dienen nun als Spiegel für das andere Bad: «Ich werfe fast nie etwas weg», sagt Suter. Das gilt auch für den weggeschnittenen Rest der Pflas­termulde: Zusammen mit einigen blauen Flaschen dient er als Halterung für den Briefkasten.

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Wer nicht Zeit und Lust hat, umherzustreifen und passende Stücke zu suchen, wird im Internet fündig: Restposten von Baumaterialien werden auf der Plattform www.bau-boerse.ch an­geboten, gebrauchte Möbel und Einrichtungs­gegenstände gibt es nicht nur im Brockenhaus, sondern auch auf Plattformen wie Ricardo, E-Bay und Piazza. Und es gibt in der Schweiz zahlreiche Bauteilbörsen. Fast ihr gesamtes Sortiment ist unter www.bauteilclick.com abrufbar.

Solche Materialien wieder nutzen heisst auch die Umwelt schützen: Allein die Bauteilbörsen verhindern jährlich die Entsorgung von 4300 Tonnen Baumaterial. Dadurch werden 4000 Tonnen CO2 weniger freigesetzt und 19 Millionen Kilowattstunden Strom gespart. Auch für Ernesto Suter sind die gebrauchten Materialien nicht nur eine Passion, sondern – ebenso wie die Holzfeuerung im Haus – ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz: «Wenn ich sehe, was alles unnötigerweise entsorgt wird, ärgert es mich immer.»

Sein Haus ist fast fertig, doch die Arbeit und die Ideen gehen Suter nicht aus. Kürzlich hat er günstig ein paar Dutzend Einkaufswagen erworben. Was für den Laien nach Altmetall aussieht, ist für Suter Baumaterial für eine Trennmauer zum Nachbargrundstück: Er stellt je zwei Körbe umgekehrt aufeinander und füllt sie mit Steinen, die er auf den Feldern gesammelt hat. So er­geben die Steinkörbe eine gute Mauer und zugleich ein Refugium für Eid­echsen und andere wärmeliebende Kleinlebewesen. Doch Ernesto Suters Elan reicht noch viel weiter: «In meinem Kopf habe ich Ideen für fünf weitere Häuser aus gebrauchten Materialien!» Selber bauen möchte er diese nicht mehr, aber wenn jemand seinen Rat und Ideen brauche, sei er sofort dabei.

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Der Weg zum Heimwerker

Auch Laien können mit alten Möbeln und Einrichtungsgegenständen basteln. Es lohnt sich aber, einige Tipps zu beachten.

  • Werkzeuge: Falls Sie nicht schon eine Werkstatt oder ­einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten besitzen, müssen Sie sich ein paar Dinge anschaffen: Hammer, Schraubenzieher, Inbusschlüssel, eine Beiss- und eine Flachzange, ­einen verstellbaren Schraubenschlüssel (Engländer), Bastelmesser, ­Pinsel und Roller. Hilfreich sind auch ein kleiner Akkuschrauber zum Schrauben und Bohren sowie eine elektrische Stichsäge.

  • Arbeitsplatz: Optimal für die Arbeit ist eine Werkbank oder ein stabiler alter Tisch. Vielerorts vermieten ­lokale Organi­sationen auch stunden- oder tageweise Werkstätten.

  • Sicherheit: Je nach Material sollte man Schutzausrüstung tragen. Beispielsweise ­einen Gehörschutz bei lärmigen ­Arbeiten, Handschuhe bei scharfkantigen Gegenständen oder eine Schutzbrille bei der Benutzung einer Trennscheibe.

  • Ausgangsmaterial: Passendes Material findet sich überall: auf dem Estrich, an Sperrgutabfuhrtagen auf der Strasse, im Brockenhaus, in der Bauteil­börse, auf Online-Börsen und bei Abfallsammelstellen. Bei Letzteren ist aber unbedingt zu klären, ob Material mitgenommen werden darf. Wichtig: ­Wählen Sie nur Materialien aus, die Sie mit Ihren Werkzeugen und Ihrem Können bearbeiten ­können. Optimal sind vor allem Gegenstände und Möbel aus massivem Holz.

  • Kurse: Die Migros-Klubschule und lokale Anbieter veran­stal­ten Heimwerker- und Holz­bearbeitungskurse. Die Volkshochschule beider Basel (siehe «Weitere Infos») bietet sogar spezielle Kurse für das Gestalten mit ­gebrauchten ­Dingen an.

  • Phantasie: Der Phantasie sind beim Basteln mit alten Gegenständen keine Grenzen gesetzt. Fachzeitschriften und das Internet liefern zusätzlich interessante Ideen. Wenn Sie wenig Übung haben, beginnen Sie am besten mit kleineren Dingen.

  • Hilfe: Für schwierigere ­Arbeiten sollten Sie sich nicht ­scheuen, Fachleute beizuziehen. So schneiden Schreinereien gegen kleines Entgelt gern Holzteile zu. Materialien zur Ergänzung der alten Möbel wie Glas- und Holzplatten oder Metallteile können auch bei Handwerkern oder in Heimwerkermärkten ­zugekauft werden.

Weitere Infos

Bauteilbörsen für gebrauchte Baumaterialien und Einbaumöbel:
www.bauteilclick.com

Börse für Restposten­materialien im Baubereich:
www.bau-boerse.ch

Kurse für Heimwerker:
www.klubschule.ch
www.vhsbb.ch

Gratis nutzbare Werkstätten der Stadt Zürich:
www.gz-zh.ch

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