Mit Joe Meier kommt man nicht recht vorwärts. Ist er auf den Wiesen oberhalb von Ramosch GR unterwegs, stoppt er alle paar Meter, um seine neuste Entdeckung zu zeigen. «Da! Brandknabenkraut!» Auch am roten Männertreu und der astlosen Graslilie gibt es kein Vorbeikommen. Wenn es um Blumen und speziell um Orchideen geht, verströmt der 69-Jährige eine geradezu kindliche Verzückung. «Wenn ich eine solche Wiese sehe, kommen mir fast die Tränen.» Seit 1971 kommt der pensionierte Betriebsausbildner aus dem Aargau hinauf ins Unterengadin, um sich sattzusehen an den Blumen, über die er alles weiss.

Die Sommerwiesen am Fuss des Piz Arina sind üppiger, als es jede Ricola-Werbung je sein wird. 1200 verschiedene Blütenpflanzen kommen hier vor, darunter 40 Orchideenarten mit mehreren zehntausend wildlebenden Exemplaren – eine schweizweit einzigartige botanische Vielfalt. Nicht umsonst zählt die Gegend um den «Blumenberg» Piz Arina zu den Landschaften von nationaler Bedeutung; Nummer 1909 im BLN-Inventar, 4936 Hektaren gross. Joe Meier, der Botaniker aus Leidenschaft, könnte endlos viele Tränen vergiessen.

Neuerdings auch aus Wut und Empörung: «Es ist furchtbar, das alles kaputtzumachen – mit dem einzigen Gedanken, den Ertrag zu steigern.» Und erst noch, was ihn besonders ärgert, generös subventioniert mit Bundesgeldern.

Der Bund beschwichtigt – ohne Erfolg

Was Meier um die gute Laune bringt, ist die «Gesamtmelioration Ramosch», Ende April vom Bündner Volkswirtschaftsdepartement genehmigt. Bei solchen Güterzusammenlegungen geht es darum, den Landwirten die Arbeit auf den Wiesen und Weiden zu erleichtern. Ein wesentliches Mittel dazu ist die bessere Erschliessung durch den Bau von befestigten Strassen. Naturschützer sehen darin einen Freipass für eine Intensivierung der Bewirtschaftung auf Kosten der biologischen Vielfalt und von landschaftlichen Kleinstrukturen – eine klassische Interessenkollision.

René Weber, beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) zuständig für die Melioration in Ramosch, beschwichtigt. Das Projekt habe eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen und sei durch das Bundesamt für Umwelt sowie eine kantonale Fachstelle begleitet worden, «um eine grösstmögliche Abstimmung mit den Anliegen des Naturschutzes zu erreichen». Dazu gehört laut Weber auch der Abschluss von Bewirtschaftungsverträgen mit den Bauern. Damit kann auf die Art und Weise der Nutzung der Wiesen Einfluss genommen werden – etwa durch Auflagen bezüglich Schnittzeitpunkt oder Düngung. Die Gefahr einer Intensivierung sei somit «sehr minim», hat das BLW dem alarmierten Naturschützer Meier geschrieben.

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Joe Meier nimmts zur Kenntnis – und glaubt nicht daran. Das seien bloss Absichtserklärungen, deren Umsetzung kaum jemand richtig kontrollieren könne. Sein bestes Argument sind die 39 Jahre, in denen er die Region besucht und die Veränderung der Landschaft festhält. Bei allen Meliorationen, die rundherum schon erfolgt sind, in Tschlin, Guarda, Ardez, Sent, habe es die gleichen Zusicherungen gegeben, so Meier, aber passiert sei überall dasselbe: «Mehr Ertrag, mehr Futter, mehr Vieh, mehr Gülle – und damit noch mehr Futter, noch mehr Vieh, noch mehr Gülle.»

Der nährstoffreiche Hofdünger führt zu einer Verarmung der Artenvielfalt und macht Trockenwiesen schleichend zu Fettwiesen. Schafft so ein monotones «Einheitsgrün», wie Meier verächtlich sagt. «Bewahren Sie Ihr Unterengadin vor Unterländerwiesen», hat er, der Unterländer, an die politischen Platzhirsche appelliert, kaum waren 2002 die Pläne für die Melioration in Ramosch ruchbar geworden.

«Hier wurde gegüllt. Alles vercheibet!»

Jetzt soll also diese letzte Bastion an der Reihe sein. Wie ein Detektiv streift Meier durchs Gelände, leicht geduckt, auf der Suche nach Indizien, mit denen er die guten von den schlechten Wiesen unterscheidet. Schlecht ist, wo vorwiegend Kerbel und Hahnenfuss wächst: «Hier wurde gegüllt. Alles vercheibet!» Als ob es den Beweis noch bräuchte, zeigt er Fotos von Landwirten, die aus Druckfässern Gülle ausbringen – bis hinauf in steiles Gelände, wo man kaum noch stehen kann. Für Orchideen, in der Schweiz allesamt unter Schutz, ist das eine Tortur, die sie nicht ertragen. Würden sie gedüngt, verschwänden sie bereits nach kurzer Zeit, so Meier. «Für immer.»

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Gerade in Gebirgsgegenden werden Meliorationen damit begründet, das Weiterbestehen der Landwirtschaft in rauem Umfeld zu sichern. Ist er denn gegen dieses Ziel? Jetzt richtet sich Meier, der selber auf einem Bauernhof lebt und diesen verpachtet, zu ganzer Grösse auf und stellt klar: «Sicher nicht.» Sein Widerstand richte sich keineswegs gegen die Bauern, bloss sollten diese ihre existenzsichernden Subventionen für eine sinnvolle Arbeit erhalten, nämlich für die Werterhaltung einer naturnahen Landschaft. Das sei nachhaltiger als die gängige Praxis, die Landwirtschaft darauf auszurichten, Menge zu produzieren.

Strassen zerstören Tausende Orchideen

Ein solcher Richtungswechsel in der Subventionspolitik wäre eine grössere Übung. Im Fall Ramosch wären für den Orchideenmann fürs erste schon mal ein paar kleine Denkpausen angezeigt. Besonders bezüglich Strassenbau: «Wieso braucht es solche überrissenen Lösungen?» Die Pläne für das über 20 Millionen Franken teure Projekt sehen vor, die bestehenden Feldwege auf eine durchgängige Fahrbahnbreite von drei Metern plus seitliche Bankette zu asphaltieren. Einzelne Strecken sollen ganz neu entstehen, so eine mehr als einen Kilometer lange Verbindung zwischen Motta und dem Dorf Vnà. Nur schon durch diese Bauarbeiten würden Tausende von Orchideen zerstört, klagt Meier. Ihn stört, dass in diesem sensiblen Raum die gleichen Normen angewendet werden wie für jede andere Melioration. «Ramosch wäre eine Chance gewesen, ein modellhaftes Projekt durchzuführen, doch es fehlt an einer differenzierten Betrachtungsweise.»

Zusammen mit Klaus Hess, einem befreundeten Orchideenkenner, hat er weit über 1000 Stunden investiert, um in minutiöser Kleinarbeit einen Kartierungsbericht über rund 40 Feuchtgebiete, Hang- und Flachmoore am Südfuss des Piz Arina zu erstellen. Diese empfindlichen Gebiete seien zuvor in den Meliorationsunterlagen nicht aufgeführt worden, sagt Meier. Doch viel mehr als ein paar laue Dankesworte vermochte der Bericht nicht zu bewirken: Er werde «bestimmt einen Beitrag leisten zur Erhaltung der vielen wertvollen Biotope», schrieb das BLW unverbindlich.

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Da will der beseelte Naturschützer die Bundesbeamten beim Wort nehmen. Etwas in ihm hofft gar, dass das Ganze am Schluss doch noch scheitert. Am Geld etwa. Oder weil sich die involvierten Landeigentümer nicht grün sind, weil jeder das Gefühl hat, er komme zu kurz. Und siehe da: Bereits hat einer von ihnen wegen der Linienführung einer Strasse eine Beschwerde beim Verwaltungsgericht platziert. Die Sache verzögert sich, und Joe Meier hat wieder etwas Luft: «Solange die Bagger nicht auffahren, gebe ich keine Ruhe.»

Ökosysteme in Bedrängnis

Was die Lebensräume für uns leisten (PDF; 3,9 mb)