Es war ein ungewöhnlicher Entscheid, der international für Schlagzeilen sorgte: Vergangenes Jahr lehnten die Stimmberechtigten des Bündner Val Medel ein neues Bergbaugesetz ab. Sie verweigerten der Swiss Gold Exploration AG die Bewilligung, auf ihrem Gemeindeboden nach dem Edelmetall zu suchen. Die Goldsuchfirma hat 2011 eine auslaufende Bewilligung erstanden und wollte diese um fünf Jahre verlängern.

Das Medelser Nein war ein Nein zu Dutzenden Millionen Franken an Steuern und Abgaben, die das Projekt in die Gemeindekasse hätte spülen können. Die kanadische Muttergesellschaft NV Gold Corporation schätzt die lokalen Goldvorkommen auf einen Wert von 1,2 Milliarden Dollar. Ein englischer Journalist schrieb zum Abstimmungsergebnis: Sie sitzen buchstäblich auf einer Goldgrube – aber sie lassen den Schatz lieber im Berg. Und das in einer strukturschwachen Gegend, in der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg.

Goldnugget aus dem Tal

Quelle: Marc Latzel
Anzeige

Erst der Goldrausch, dann das Verbot

Dass es in der Surselva Gold gibt, ist seit Jahrhunderten bekannt. Neu entdeckt wurde es Mitte der 1980er Jahre, als ein Genfer Geologe erste Kernbohrungen vornahm und Gesteinsproben mit beachtlichen Goldgehalten zutage förderte.

Wenige Monate nachdem dies bekannt wurde, fiel ein auslandserfahrenes Gold­gräberrudel in Disentis ein und begann das Flussbett des Rheins mit dieselbetriebenen Sandsaugern umzupflügen. Ihr Treiben führte zuerst zu viel Gold, dann zu Bussen und schliesslich zu einem Schürfverbot auf dem gesamten Gemeindegebiet.

«Im ‹Blick› erschien 1988 ein kleiner Artikel über verbotenes Goldschürfen in Disentis – da wusste ich: Das ist was für mich», sagt August Brändle. Der Stadtzürcher kam seither immer wieder her, lernte von einem mittlerweile verstorbenen Goldgräber das Handwerk und liess sich in Disentis nieder. Als das Verbot gelockert und nicht motorisiertes Goldwaschen wieder legal wurde, machte Brändle seine Leidenschaft zum Beruf.

Heute verdient der 59-jährige Gold-Gusti sein Geld mit Goldwaschkursen. Seine Goldgründe liegen beim Zusammenfluss von Vorder- und Medelser Rhein. Dieser hat bei Disentis einen tiefen Schnitt ins Tavetscher Zwischenmassiv gefressen und Goldkörnchen – hin und wieder auch Nuggets – ins Tal gespült, wo sie sich in Ritzen und Spalten der Felssohle senken und im Sand hinter grossen Steinen sammeln, um auf Finder zu warten.

Ein Nugget von fast 50 Gramm

Gold-Gusti selbst fand 1996 einen Klumpen von 48,7 Gramm. Es war seinerzeit das grösste Goldnugget, das je in der Schweiz gefunden wurde – doch schon ein paar Monate später übertrumpfte ihn ein anderer Goldwäscher mit einem 123,1-Gramm-Brocken. Brändle taufte seinen Fund Desertina-Nugget. «So hiess die Gegend hier früher – wie im Englischen ‹desert›: abgelegenes Gebiet», sagt Gold-Gusti.

«Ich bin im Tourismus tätig»: August Brändle alias «Gold-Gusti» gibt Goldwaschkurse.

Quelle: Marc Latzel

Abgelegen ist die Gegend noch heute, vor allem südlich von Disentis, im Val Medel. Das Tal stirbt. In den letzten 15 Jahren sind zwei Läden zugegangen, ebenso eine Bäckerei, die Filiale der Kantonalbank, das Hotel Post, das Hotel della Posta und die Post selbst.

Jeder vierte Medelser ist über 70 Jahre alt. Die Jungen bleiben nicht im Tal, weil es wenig gibt, was sie halten könnte; weil manchen sogar die Eltern von der Landwirtschaft abraten, weil die einzigen Lehrstellen im Tal Metzger und Förster sind und weil das letzte Postauto um halb sieben fährt. Es kommen auch kaum mehr Junge nach. Seit 2010 gab es eine einzige Geburt, ein Junge. Jetzt sorgt man sich schon um die Schule.

Der Tourismus im Tal ist von sich aus sanft, weil klein. Es gibt keine Liftanlagen, und die meisten Skitourengänger passieren die Weiler, ohne dort für Umsatz zu sorgen. Die Winteröffnung des Lukmanierpasses brachte in erster Linie Schneeräumungs­kosten und Durchgangsverkehr. Wer hält, tut das in Disentis, ein paar Kilometer weiter. Dorthin werden auch Touristen ohne Bargeld geschickt, denn im ganzen Tal gibt es keinen Bancomaten. Und wenn sie einmal dort sind, kommen sie nie wieder.

Peter Binz, Hotelier und Gemeindepräsident von Medel

Quelle: Marc Latzel

Wenn Arbeiter kommen, bleiben sie dann?

«Es geht um Arbeitsplätze», sagt der Medelser Gemeindepräsident Peter Binz. «Und darum, die Abwanderung zu stoppen.» Dagegen hätte niemand der Einheimischen etwas einzuwenden. Die Frage ist aber: Zu welchem Preis? In den Wochen vor der Abstimmung verteilte eine Gruppe namens Pro Val Medel ein Flugblatt mit Fragen wie: 435 Einheimische, Hundertschaften fremder Arbeiter – was bedeutet das für die Zukunft unseres Tals? Wollen wir wirklich unsere intakte Natur mit Steindepo­nien und Schwerverkehr verschandeln?

Manche blickten sorgenvoll nach Sedrun. Dort habe die Neat-Baustelle Quellen fast ganz versiegen lassen. Manche Bauern berichten, das Gras sei seither schlechter, die Kühe gäben weniger Milch. Und die Tunnelarbeiter in ihrem Container-Camp – erst Südafrikaner, dann Deutsche und Österreicher – lernten nicht Romanisch, fuhren zum Einkaufen ins Ausland, nach Österreich oder Italien, und zogen schliesslich wieder ab.

Im Val Medel gabs vor ein paar Jahrzehnten eine ähnliche Grossbaustelle: die Staumauer. «Deshalb sind die Alten ob dem Goldprojekt nicht erschrocken – die kennen so was schon», sagt Peter Binz. Nur: Die Gastarbeiter füllten zwar in fünf Jahren Hun­derttausende Kubikmeter Schalung mit Beton, aber keine Kindergartenklasse. Die Geburtenrate sank sogar in jener Zeit. Auch sie haben nicht Romanisch gelernt, und sie sind nicht geblieben.

Zu viel aufs Mal gewollt

Aber das war anders damals, sagen die Gegner; da war alles klar: Vorne kommt eine Mauer hin, dahinter Wasser, und Alp, Kapelle und Hospiz der Sontga Maria kommen weg. Bei der Mine weiss man nichts.

«Am Orientierungsabend vor der Abstimmung wollten die Stimmbürger unter anderem wissen, wo die Mine genau hinkäme und wie das genau aussehen würde», sagt Ernst Schönbächler, Verwaltungsratsdelegierter der Swiss Gold Exploration AG. «Das konnte ich unmöglich beantworten – genau dafür wären eben weitere Unter­suchungen notwendig.» Und für weitere Untersuchungen bräuchte er eben die Explorationsbewilligung.

Das Val Platta in Medel: Hier weckten Probebohrungen grosse Hoffnungen.

Quelle: Marc Latzel

Der 59-jährige Schönbächler war schon Anfang der 1990er Jahre bei Probebohrungen im Val Platta dabei. Nachdem der Goldpreis in sich zusammenfiel, liess man das Vorhaben ruhen.

In der Abstimmung vom vergangenen Jahr ging es aber nicht allein um die Verlängerung der Exploration. Das Medelser Bergbaugesetz sah gleichzeitig vor, dass die Kompetenz für einen definitiven Abbauentscheid an den Gemeindevorstand abgetreten wird. Und dass nach erteilter Explorationsbewilligung der Abbau nicht mehr verweigert werden kann, wenn der Bewilligungsnehmer alle Auflagen erfüllt.

Schönbächler konnte die Zweifel und Ängste der Stimmbürger nicht ausräumen. Manche kreideten ihm an, dass er sich nicht die Zeit genommen habe, die Folien seiner Präsentation zu übersetzen. Diese waren in Englisch.

Die Medelser beschlossen, die Katze im Sack zu ersäufen – mit 181 zu 90 Stimmen, bei einer Stimmbeteiligung von 80 Prozent. «Ich bin sicher, dass die Stimmbürger eine Gesetzesänderung annehmen werden, wenn Exploration und Abbaukonzession entkoppelt sind», sagt Schönbächler. Unglücklich ist in dieser Hinsicht, dass die Swiss Gold Exploration am neuen Gesetzesentwurf mitgearbeitet hat, was bei Gegnern weitere Skepsis schürte. Es gehe doch nicht, dass jemand das Gesetz mitgestaltet, das ihm Grenzen aufzeigen sollte.

Erst finden – und dann nicht abbauen?

«Wir haben nur Vorschläge zu formellen Details gemacht», sagt Schönbächler. Der heikle Absatz stehe bereits in der alten Fassung des Bergbaugesetzes. Er sei in Zusammenarbeit mit einem früheren Bewilligungsnehmer entstanden und sollte Investitionssicherheit schaffen. Gold­explora­tion ist teuer – wer will schon Millionen aufwenden, um ein Goldvorkommen zu lokalisieren, das er danach vielleicht nicht abbauen darf? Vor diesem Problem steht nun die Swiss Gold Exploration. Es sei grundsätzlich nicht einfach, für so ein Vorhaben in der Schweiz Investoren zu finden: «Man lernt ja schon in der Schule, dass die Schweiz keine Bodenschätze hat.»

Die rund 4000 Meter Bohrkerne und anderen Daten, die aus Analysen von Oberflächengestein und Überflügen mit elektromagnetischen Messungen in den letzten 25 Jahren gewonnen wurden, sagen Schönbächler etwas anderes.

Disentis, Trun und Sumvitg haben der Swiss Gold Exploration die Bewilligung für ihre Gemeindegebiete bereits Ende letzten Jahres erteilt – in diesen Gemeinden war dazu keine Volksbefragung nötig.

Die Bewilligung gelte allerdings erst unter Vorbehalt, sagt Schönbächler. Denn zwei der drei Gemeinden haben unterschiedliche Bergbaugesetze, die dritte noch gar keines. «So müssen wir darauf warten, bis die Gesetze vereinheitlicht sind», sagt er. Dies soll im Laufe dieses Jahres der Fall sein. Doch die am meisten versprechenden Gesteinsschichten liegen eben im Gebiet der Gemeinde Medel. «Uns wurde gesagt, dass die Überarbeitung des Bergbaugesetzes auch in Medel bis Ende Jahr so weit sein sollte. Und mit der entsprechenden Korrektur kommt das Gesetz auch durch.» Gemeindepräsident Binz bestätigt: «Es ist realistisch, dass wir noch dieses Jahr an einer Gemeindeversammlung über eine neue Fassung abstimmen können.»

Das wird die Gegner nicht freuen, die Binz bereits letztes Jahr vorwarfen, den Volkswillen nicht zu respektieren. Weil er das Projekt nach dem deutlichen Nein nicht beerdigen, sondern dranbleiben wollte. Ein Einheimischer würde so was nicht machen, sagen sie. Binz ist Zürcher. Zur Bündner Lokalpolitik kam der 58-Jährige beiläufig. Bis 2012 war er Finanzchef von PWC Schweiz – ein Big Shot, wie Schönbächler sagt.

Vor ein paar Jahren hat er seinen Wohnsitz nach Curaglia verlegt, das er bereits als Tourist kannte. Er kaufte, renovierte und verpachtet nun das grösste Hotel im Tal. Bald wurde er für das vakante Amt des Gemeindepräsidenten angefragt. Seither reisst er Projekte an: Fe­rien­woh­nun­gen, ein Kleinkraftwerk, ein Dienst­leis­tungs­zentrum. In der Fasnachtszeitung wurde er als Sawiris von Medel betitelt. Hitzigere Köpfe sprechen vom «System Berlusconi»: Präsident und Unternehmer. Binz sagt, er fühle sich sehr akzeptiert, trotz der strittigen Goldfrage: «Natürlich gabs eine gewisse Frontenbildung, aber wir sind kein gespaltenes Dorf.»

Die Gegner sehen das anders. Darum wollen sie sich nicht öffentlich äussern. Es sei noch nicht so lange her, dass man sich wieder grüsst im Dorf. Auch Binz ist überzeugt, dass viele Nein-Stimmen nur gegen die Kompetenzverschiebung gerichtet waren und nicht gegen die Explorationsbewilligung. «Wir wollen nicht zwängen, wir respektieren den Volkswillen. Aber es geht wie gesagt um Arbeitsplätze, und deshalb bleiben wir dran.» Unternehmer Schönbächler verspricht, dass bereits die Exploration zu Arbeit und Wertschöpfung in Medel führen würde. Er habe stets darauf geachtet, einheimische Arbeitskräfte zu beschäftigen, zudem flössen durch Verpflegung und Über­nachtungen der Mannschaft bald ein paar tausend Franken in die lokale Gastronomie. Das dürfte aber nicht reichen, um das Tal vor der Entvölkerung zu bewahren. Und ein allfälliger Abbau liegt selbst sehr optimistisch geschätzt mindestens zehn Jahre entfernt. Hat Medel überhaupt so viel Zeit?

Anzeige
Quelle: Marc Latzel

Goldabbau mit Klumpenrisiko

«Natürlich darf man daneben nicht einfach nichts machen», sagt Binz. «Das Gold ist nur eine Option – der Park eine weitere.» Im Rahmen des Na­tionalparkprojekts Parc Adula soll im Gebiet rund um das Rheinwaldhorn – laut Website «eines der grössten Gebiete in der Schweiz ohne tiefgreifende menschliche Eingriffe» – bis 2015 ein neuer Nationalpark realisiert werden, grös­ser als der im Engadin. Medel soll ein Teil davon sein. ­Eine Goldmine in einem Nationalpark sei ein ­Widerspruch, sagen die Gegner. Nein, sagt Binz: «Es muss das Ziel sein, dass eine allfällige Mine im Val Medel bezüglich Umweltverträglichkeit einen Meilenstein darstellen würde.» Ausserdem müsste die Mine, nachdem sie ausgebeutet ist, wieder rückgebaut werden.

Das alles beruhigt die Gegner nicht. Wenn der Goldpreis sinke, seien die Betreiber weg – so plötzlich, wie sie vor zwei Jahren da waren. Dafür gibts im Bergbau­jargon sogar einen Begriff: «Care and Main­tenance». Schönbächler: «Wenn der Goldpreis zu tief fällt, wird die Mine ­vorübergehend geschlossen und der Betrieb auf Pflege und Unterhalt gestellt.» Die, die profitierten, packen ihre Sachen. Was ist mit denen, die bleiben – bleiben müssen? Bis die Produktion irgendwann wieder aufgenommen wird, hätten einheimische Arbeiter und Betriebe gar nichts: kein Einkommen, keine Arbeitsplätze. Das Gold wird zum Klumpenrisiko.

Quelle: Marc Latzel

Wenn Kameradschaft wenig wert ist

Der bisher Einzige in der Surselva, der seinen Lebensunterhalt mit Gold verdient, muss sich nicht um Preisschwankungen kümmern. «Ich bin im Tourismus tätig», sagt Gold-Gusti. Für seine Goldwaschkurse braucht er zwar eine Bewilligung, ein Suchgebiet muss er aber nicht abstecken. «Es gehört zum Ehrenkodex, nicht in die Fundstellen von anderen Goldwäschern zu gehen», sagt er. Leider komme es immer wieder vor, dass sich jemand nicht daran hält. Kürzlich machte sich wieder einer an der Waschstelle seines Kumpels zu schaffen. Die Nuggets kosteten ihn wenig Schweiss und eine langjährige Kameradschaft, sagt Gusti. «Es ist verrückt, was Gold mit Menschen anstellt.» Selbst wenn es noch im Berg steckt.