«Jeden Morgen bin ich um 5.30 Uhr im DPD-Depot. Ich lade zwei bis drei Stunden lang Pakete ein und liefere sie dann aus, über 150 Stopps am Tag. Dann hole ich noch Pakete bei den Firmen ab. Oft bin ich um 18 Uhr immer noch bei der Arbeit, todmüde, denn ich konnte den ganzen Tag keine Pause machen. Nur die ersten 8,5 Stunden werden mir von meinem Subunternehmer bezahlt, alles andere muss ich gratis machen.»

Dieser Bericht eines Fahrers steht gemäss der Gewerkschaft Unia beispielhaft für die Arbeitsbedingungen beim Paketlieferdienst in der Schweiz.

Die Unia spricht von einem «System DPD». Die Firma kontrolliere von ihrem Hauptsitz in Buchs SG aus die Verteilung der Pakete innerhalb der Schweiz, ohne dass sie einen einzigen eigenen Lieferwagen besitze oder einen einzigen Fahrer angestellt habe. Für die Zustellung stehe der Paketriese in einem Vertragsverhältnis mit 80 Subunternehmen, die rund 800 Fahrerinnen und Fahrer beschäftigten.

«DPD wälzt systematisch Risiken und Kosten auf Subunternehmen und Arbeitnehmende ab, behält aber die volle Kontrolle über alle Operationen», sagt Roman Künzler von der Unia.

Viele der Subunternehmen würden eigens dafür gegründet, Lieferdienste für DPD zu übernehmen. Ihre Firmensitze seien oft blosse Briefkastenadressen oder mit der Privatadresse des Chefs des Subunternehmens identisch. DPD fordere von den Subunternehmen die Übernahme des eigenen Firmendesigns bei den Fahrzeugen, Arbeitskleidung und Overalls müssten eingekauft werden.

Direkte Aufsicht nicht möglich

Die Auslagerung an Subunternehmen entzieht diese den Kontrollen der Postcom. Die unabhängige Aufsichtsbehörde sollte insbesondere überwachen, ob der von der Postcom erlassene Mindestlohn von Fr. 18.27 pro Stunde bezahlt und die Regelarbeitszeit von 44 Stunden eingehalten wird. Allerdings: «Firmen, die ausschliesslich als Subunternehmen tätig sind, kann die Postcom nicht direkt überwachen», heisst es bei der Postcom. Zuständig für die Kontrollen seien in diesem Fall die Anbieter der Postdienste selbst.

«Aufgrund des Preisdrucks und der Vielzahl neuer Organisationsformen in diesem Bereich muss von neuem die Frage erörtert werden, ob die Kompetenz der Postcom zur Kontrolle der Arbeitsbedingungen allenfalls auch auf solche Firmen ausgeweitet werden sollte», so der Sprecher.

Auch die kantonalen Arbeitsinspektorate müssen für die Einhaltung der Arbeitsgesetze sorgen. «Wir haben in allen Kantonen eine Meldung gemacht», sagt Roman Künzler von der Unia. Ob die Inspektorate konkrete Schritte eingeleitet haben –und, falls ja, welche –, bleibt unklar. «Wir können aus Datenschutzgründen keine Informationen über unsere Aktivitäten gegenüber konkreten Unternehmen geben», heisst es etwa beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich.

Die Fahrerinnen und Fahrer sind gemäss Unia oft junge Arbeitnehmende mit Migrationshintergrund. «Bei mehr als 200 Gesprächen in der ganzen Schweiz sind wir auf keinen Fall gestossen, bei dem die Arbeitszeit wie vorgeschrieben erfasst wird», sagt Unia-Sekretär Aymen Belhadj. Die Arbeitsverträge sähen 42 bis 44 Stunden Wochenarbeitszeit vor, doch die Arbeitswoche umfasse de facto 50 bis 70 Stunden. Die Gratisarbeit sei während der Pandemie geradezu explodiert. Der reale Stundenlohn betrage damit zwischen 12 und 15 Franken.

Abzüge an Fahrer weitergereicht

Konfrontiert mit diesen Vorwürfen, verweist DPD auf den Branchen-Gesamtarbeitsvertrag (GAV), dem sie angeschlossen sei. «Darin werden die Arbeitszeit und die Bezahlung geregelt. Alle Vertragspartner verpflichten sich in ihren Verträgen mit DPD, dass sie die im GAV vereinbarten Arbeitsbedingungen einhalten. Wir gehen Zuwiderhandlungen, die uns bekannt werden, sorgfältig nach», sagt eine Sprecherin. DPD verfüge zudem über ein Team eigens mit dem Zweck, die Vertragspartner bei der Koordination der Touren zu unterstützen und zu beraten.

Fahrerinnen und Fahrer klagen: Hinzu kämen häufig noch Lohnabzüge, die auf einem Sanktionssystem von DPD beruhten. Schäden an Paketen, verspätete Lieferungen oder Abholungen sowie andere Fehler stelle DPD zuerst den Subunternehmen in Rechnung. Die Subunternehmen wiederum würden das den Fahrern vom Lohn abziehen, ohne sie darüber zu informieren. «Lohnabzüge sind unter entsprechender Beweislast etwa bei grober Fahrlässigkeit möglich», sagt DPD dazu.

DPD bricht Verhandlungen ab

Michael Lörtscher von der Unia sagt dagegen, der Druck auf die Fahrerinnen und Fahrer sei enorm, weil die Lieferzeiten viel zu knapp kalkuliert seien. Durchschnittlich 150 Lieferungen müssten pro Tag ausgeführt werden. Die Einhaltung der Lieferzeiten werde elektronisch und in Echtzeit kontrolliert, Verspätungen würden sanktioniert. «Häufig fehlt sogar die Zeit, aufs WC zu gehen, sodass die Fahrer manchmal in Flaschen pinkeln, um auch diesen Zeitverlust zu vermeiden», so Lörtscher.

Die Unia habe mehrfach versucht, mit DPD ins Gespräch zu kommen. DPD habe jedoch die Verhandlungen abgebrochen. «Die Unia hat uns gegenüber bisher nur pauschale Vorwürfe ohne Evidenz angebracht. Wir können erst reagieren, wenn uns von der Unia konkrete und belegte Sachverhalte vorgelegt werden», so DPD.

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