Es wurde schon lange getuschelt: Der Vater des Babys, das Teamchefin Andrea Müller* erwartete, sei nicht ihr Mann, sondern ein Arbeitskollege, mit dem sich die 41-Jährige gut verstand und mit dem sie auch in der Freizeit vieles unternahm. Als Müller per Zufall davon erfuhr, fand sie die Behauptung so absurd, dass sie lachen musste. Bis sie begriff, dass alle im Team die Lüge glaubten. Müller wurde erst wütend, dann traurig. «Wie ist es möglich, dass mir alle so etwas zutrauen?», fragte sie sich. «Kennen die mich wirklich so schlecht?»

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Arbeitgeber sind zur Klärung verpflichtet

Wird jemand am Arbeitsplatz zu Unrecht angeschwärzt oder in seiner Persönlichkeit verletzt, ist der Arbeitgeber verpflichtet einzuschreiten. «Auf keinen Fall darf ein Vorgesetzter dulden, dass Mitarbeitende Kollegen oder Kolleginnen verleumden», sagt die Basler Psychologin Jacqueline Frossard. Andererseits müsse man sich aber auch nicht alles zu Herzen nehmen, was unter Kollegen erzählt werde: «Fast überall gibt es Menschen, die gern blöd schwatzen. In der Regel kann man sich darauf verlassen, dass die anderen das auch wissen und diesen Leuten nicht alles glauben.» Wird das Geschwätz allerdings zur Belastung, sollte man etwas dagegen unternehmen.

Andrea Müller wandte sich an ihren Vorgesetzten, der vorbildlich reagierte: Er bestellte umgehend das gesamte Team zu sich und legte das Gerücht offen auf den Tisch. Gleichzeitig machte er unmissverständlich klar, dass er solche Verleumdungen nicht dulde. Er drohte damit, jeden abzumahnen, der es wage, die rufschädigende Geschichte weiterzuverbreiten. Danach verstummte das Getuschel.

Im Privatbereich ist es oft schwieriger, sich gegen Verleumdungen und falsche Verdächtigungen zu wehren. Wenn etwa eine Nachbarin die dreifache Mutter verdächtigt, ihre Kinder zu schlagen, oder man einem jungen Mann nachsagt, er konsumiere Drogen, spricht sich das oft schnell herum. Selbst wenn die Gerüchte verstummen, bleiben Zweifel, die das Opfer nur selten vollständig ausräumen kann. «Es ist leider wirklich so: Etwas bleibt fast immer hängen», sagt Jacqueline Frossard.

Wenn die Beschuldigten zum ersten Mal von dem Verdacht gegen sie hören, sind sie oft so überrascht, dass sie die Tragweite noch gar nicht wirklich abschätzen können. «Sie wissen ja um ihre Unschuld und denken, dass auch die anderen daran glauben», sagt Jacqueline Frossard. Doch das tun vielleicht nicht alle – und das Verleumdungsopfer merkt es erst, wenn die Nachbarn die Strassenseite wechseln, Bekannte nicht mehr grüssen und Freunde keine Einladungen mehr aussprechen.

Beschuldigt, die Tochter zu missbrauchen

In solchen Fällen empfiehlt Fachfrau Frossard, nicht zu viel Energie darauf zu verschwenden, seine Unschuld beweisen zu wollen. «Das ist sehr oft gar nicht möglich, weil man höchstens beweisen kann, was man getan hat – kaum aber, was man nicht getan hat.» Wenn die Betroffenen spüren, dass man ihnen nicht glaubt, empfiehlt sie, «sich selbstsicher der Realität zu stellen und nicht gegen Windmühlen anzukämpfen». Wer immer wieder seine Unschuld beteuere, mache sich nicht zwingend glaubwürdiger und verliere oft auch ein Stück seiner Würde.

Völlig machtlos sind die Opfer von Lügengeschichten dennoch nicht: Gegen Verleumdungen kann man rechtlich vorgehen. Wer vor Gericht Recht bekommt, kann die verleumderische Aussage künftig unter Strafe verbieten. Solche Schritte erfordern allerdings nicht nur Geld, sondern auch einen langen Atem – sie lohnen sich deshalb nur bei wirklich schwerwiegenden Vorwürfen.

Einem solchen sah sich Manuel Zweig* nach der Trennung von seiner Frau Trennung Getrennte Wege, gemeinsames Ziel ausgesetzt. Völlige Ohnmacht und eine ungeheure Wut seien in ihm hochgestiegen, als ihm klar wurde, dass seine Exfrau und Mutter des gemeinsamen Kindes ihn beschuldigt hatte, er missbrauche die kleine Tochter. Für die Psychologin gehören solche Beschuldigungen «zum Gemeinsten, was man einem Menschen antun kann». Besonders schwer wiegt daran, dass sie von jemandem geäussert werden, den man einmal geliebt hat.

Manuel Zweig hatte Glück: Weil die involvierten Fachleute ihn und den Umgang mit seiner Tochter bereits kannten und die Missbrauchsgeschichte nicht der erste unhaltbare Vorwurf der Frau war, schenkten sie ihr keinen Glauben. «Es ging alles glimpflich aus. Aber trotzdem war das mit Abstand das Schlimmste, was ich je erlebt habe», sagt der 38-Jährige. Unterstützung fand er in dieser schweren Zeit in seinem Umfeld, das zu ihm hielt und die Geschichten seiner Exfrau als absurd einstufte, und bei einem Therapeuten. «Am meisten aber half mir die Liebe zu meiner Tochter.» Im Moment hat sich die Situation beruhigt.

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«So viel Boshaftigkeit»

Doch die Angst vor dem nächsten Angriff seiner Frau bleibt. Er traut ihr inzwischen fast alles zu. Gerichtlich ist er dennoch nicht gegen sie vorgegangen, hat sie nie wegen Verleumdung angezeigt. «Das hätte die Situation nicht verbessert. Und im Grunde wünsche ich mir, dass wir einen Umgang finden, der für uns beide und unsere Tochter stimmt.»

Die Motive für Verleumdungen können vielfältig sein. Wer Unwahrheiten in die Welt setzt, will sich womöglich für angeblich oder tatsächlich erlittenes Unrecht rächen, von eigenen Fehlleistungen ablenken, Mitleid oder Aufmerksamkeit erregen – vielfach steckt auch eine psychische Erkrankung dahinter. Und besonders am Arbeitsplatz geht es Verleumdern häufig auch darum, sich unliebsame Konkurrenz vom Hals zu schaffen. Das musste Claudia Kern* erfahren. Sie kam mit ihrer Arbeitskollegin nie wirklich gut aus, machte sich darüber jedoch keine Gedanken. Dann musste sie feststellen, dass die Kollegin sie seit Wochen immer wieder beim Chef angeschwärzt hatte. Sie fiel aus allen Wolken: «So viel Boshaftigkeit hätte ich ihr niemals zugetraut.»

Das Ausmass der Intrige zeigte sich, als der Chef Claudia Kern mit der Kündigung drohte Kündigung Einfach so vor die Tür gesetzt? – wegen angeblichen Desinteresses am Job und daraus resultierenden Leistungsabfalls. Kern zog die Reissleine und kündigte von sich aus. «Ich war mir keiner Schuld bewusst. Doch der Chef glaubte den Verleumdungen meiner Kollegin mehr als meiner Darstellung», sagt sie. In ihren Augen hätte der Versuch, ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, wenig Sinn gemacht – er hätte sie zu viel Kraft gekostet und sie vermutlich zermürbt. «Das war es mir einfach nicht wert.» Der Psychologin Jacqueline Frossard scheint dies der vernünftigere Weg. «Wenn mir keiner mehr glaubt und die Mehrheit gegen mich ist, gibt es nur eine Lösung: loslassen.»

*Name geändert

Falsche Vorwürfe: Das können Sie tun
  • Halten Sie sich an Bekannte und Freunde, die von Ihrer Unschuld überzeugt sind. Bei diesen Menschen finden Sie Rückhalt; ausserdem können sie Ihnen helfen, die Tragweite einer Anschuldigung abzuschätzen.
     
  • Geben Sie – so schwer es auch fallen mag – nicht zu viel auf das Geschwätz der Leute. Viele tratschen über andere, um von sich selbst abzulenken, und haben morgen schon ein anderes Opfer im Visier.
     
  • Falls die falsche Beschuldigung an Ihnen nagt: Gehen Sie in die Offensive, indem Sie versuchen, Ihre Version der Geschichte am geeigneten Ort darzustellen – an einer Sitzung im Quartiertreff, im Verein oder im Gespräch mit einem Vorgesetzen. So bleibt die Lügengeschichte wenigstens nicht unwidersprochen.
     
  • Wenn Sie Ihren guten Ruf durch eine falsche Anschuldigung ernsthaft in Gefahr sehen, sollten Sie sich bei einem Anwalt erkundigen Streitfall Braucht es einen Anwalt? , ob eine Verleumdungsklage Sinn machen würde – und wie Ihre Chancen stünden, damit vor Gericht erfolgreich zu sein.
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