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ArbeitszeugnisEntschlüsseln Sie den Geheimcode

Zeugnisse sind eine heikle Sache: Ist wirklich gemeint, was drinsteht? Oder versteckt sich hinter dem Lob eine perfide Geheimbotschaft? Das sind die Tricks der Arbeitgeber.

Tatsache ist, dass Arbeitszeugnisse ihre eigene Sprache haben und oft etwas anderes aussagen, als der unbefangene Leser auf den ersten Blick vermutet.
von und aktualisiert am 25. März 2019

«Werner F. hat die ihm übertragenen Aufgaben mit grossem Interesse angepackt und war stets bestrebt, seine Arbeiten zu unserer Zufriedenheit zu erledigen. Er war ein geselliger Mitarbeiter, der sich regelmässig durch Anregungen und Verbesserungsvorschläge hervortat...» Tief befriedigt nimmt Werner F., 43, Sachbearbeiter in einem Speditionsbetrieb, sein Arbeitszeugnis entgegen. Nun kann er also Schwarz auf Weiss belegen, wie sehr er sich an seiner letzten Stelle engagiert hat.

Werner F. ahnt nicht, dass er soeben eine Qualifikation entgegengenommen hat, die vernichtender kaum sein könnte. Im Klartext bedeutet sein Zeugnis nämlich, dass er ein Schwätzer und Besserwisser war, dessen Leistungen stark zu wünschen übrigliessen. Zwar bemühte er sich und zeigte Interesse – doch mehr kann ihm aber beim besten Willen nicht bescheinigt werden.

Werner F. ist frei erfunden. Ebenso sein miserables Zeugnis. Tatsache ist jedoch, dass Arbeitszeugnisse ihre eigene Sprache haben und oft etwas anderes aussagen, als der unbefangene Leser auf den ersten Blick vermutet.

Auch wenn immer mehr Arbeitgeber dazu übergehen, uncodierte Zeugnisse zu verfassen, lohnt es sich also, Zeugnisse kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dabei ist auf folgende Kriterien zu achten:

1. Wann gibt es ein Zeugnis?

Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben das Recht, jederzeit vom Arbeitgeber ein Zeugnis zu verlangen. Jederzeit heisst, dass ein Zeugnis nicht nur am Ende, sondern auch während eines Arbeitsverhältnisses («Zwischenzeugnis») oder danach noch verlangt werden kann. Die Verjährungsfrist beträgt zehn Jahre. Einen triftigen Grund für einen Zeugniswunsch braucht es nicht.

2. Was wird verschwiegen?

Ein Zeugnis muss vollständig sein. Gibt es umfassend Auskunft über die Aufgaben des Angestellten sowie über Versetzungen und Beförderungen samt Datum? Äussert es sich zu den Leistungen und zum Verhalten? Wird die Beziehung zu Arbeitskollegen, Vorgesetzten und Untergebenen (und gegebenenfalls Kunden) bewertet? Erwähnt es alle Eigenschaften und Fähigkeiten, die für einen Mitarbeiter, eine Mitarbeiterin wesentlich sind?

Da Zeugnisse grundsätzlich positiv formuliert werden, ist wichtig, was nicht im Zeugnis steht. Negativ ist also etwa beredtes Schweigen über das Verhalten einer Arbeitskraft oder die Führungsqualitäten eines leitenden Angestellten.

3. Stimmt die Bewertung?

Zeugnisse müssen wahrheitsgetreu und objektiv sein. Ungenauigkeiten und Falschangaben sind zu berichtigen. Auch Vermutungen, Verdächtigungen und Interpretationen gehören nicht ins Zeugnis. Kurz: Die Leistung muss nach branchenüblichen und fairen Massstäben beurteilt werden.

Zudem sollen die abgegebenen Beurteilungen für den betreffenden Angestellten wesentlich und charakteristisch sein. Der Richter muss sie notfalls überprüfen können. Einzelepisoden und längst vergangene gesundheitliche Probleme gehören nicht ins Zeugnis Arbeitszeugnis Darf mein Chef die Krankheit erwähnen? .

Das gehört ins Zeugnis

  • Vollständige Personalien des Arbeitnehmers
  • Name des Arbeitgebers
  • Dauer der Anstellung (genaue Daten)
  • Beschreibung der Aufgaben und der Position des Arbeitnehmers
  • Hierarchische Stellung
  • Beförderungen und Versetzungen mit Datum
  • Beurteilung der Leistung und des Verhaltens
  • Eventuell Grund des Austritts

4. Ist klar, was gemeint ist?

Ein Zeugnis muss aussagekräftig und frei von versteckten, zweideutigen Mitteilungen sein. Dazu gehört eine klare, verständliche Sprache sowie der Verzicht auf Formulierungen, die nichts über die tatsächlich erbrachte Leistung und das Verhalten der Arbeitnehmerin aussagen. Floskeln wie «bemühte sich», «gab stets ihr Bestes», «machte sich mit Eifer an die Aufgaben heran» oder «zeigte viel Interesse für die Belange der Firma» dienen in der Regel dazu, schlechte Leistungen zu umschreiben, ohne dies aber klar zum Ausdruck zu bringen. Sie sind daher unzulässig.

5. Wie stehts mit Kritik und Tadel?

Arbeitszeugnisse sollten immer wohlwollend sein und das berufliche Fortkommen der Arbeitnehmer nicht unnötig erschweren. Es besteht aber nicht grundsätzlich ein Anspruch auf ein «gutes» Zeugnis.

Negative Äusserungen sind zulässig, sofern sie wahr sind und wesentlich für die Leistung oder das Verhalten des Angestellten. Ein Arbeitgeber, der seiner austretenden Mitarbeiterin ein allzu schönfärberisches Zeugnis ausstellt, beispielsweise eine Unterschlagung verschweigt, kann gegenüber einem künftigen Arbeitgeber schadenersatzpflichtig werden.

Medizinische Diagnosen gehören auf keinen Fall in ein Zeugnis. Nicht verboten ist jedoch der Hinweis auf gesundheitliche Probleme, wenn diese schwerwiegende Auswirkungen auf das Arbeitsverhältnis hatten.

6. Nur eine Arbeitsbestätigung?

Auf Wunsch des Arbeitnehmers kann sich das Zeugnis auf Angaben über Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses – ohne jede Leistungsbeurteilung – beschränken. Eine solche Arbeitsbestätigung macht jedoch einen schlechten Eindruck und ist höchstens bei sehr kurzen Arbeitsverhältnissen zu empfehlen.

7. Wie kann ich mich wehren?

Ein Zeugnis sollte immer gesamthaft beurteilt werden. Es ist gefährlich, einzelne Formulierungen aus dem Zusammenhang zu reissen und nach einer versteckten Bedeutung zu suchen. Ausserdem ist zu bedenken, dass nicht nur gewiefte Personalchefs Zeugnisse schreiben, sondern auch Personen, die darin nicht viel Erfahrung haben und vielleicht ohne böse Absicht eine ungeschickte Formulierung wählen. Wer mit seinem Arbeitszeugnis nicht zufrieden Arbeitsleistung Mieses Zeugnis akzeptieren? ist, sollte daher in jedem Fall das Gespräch mit dem Verfasser suchen. Verweigert der Chef ein Zeugnis oder lässt sich keine gütliche Einigung über den Inhalt erzielen, kann der Arbeitnehmer beim Arbeitsgericht Klage einreichen.

Bei Zeugnisprozessen entstehen in der Regel keine Gerichtskosten. Es empfiehlt sich jedoch, dem Gericht einen eigenen Zeugnisvorschlag mit dem gewünschten Text einzureichen.

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Verlassen Sie Ihren Arbeitgeber, haben Sie Anrecht auf ein Arbeitszeugnis sowie eine Schlussabrechnung. Doch nicht immer nimmt der Chef es mit diesen Dingen so genau. Auf Guider erhalten Mitglieder eine fundierte Checkliste, was ins Zeugnis gehört und wie Sie bei offenen Forderungen vorgehen.

Was bedeuten die Floskeln wirklich?

Lassen Sie sich nicht von geschönten Aussagen aufs Glatteis führen. In Arbeitszeugnissen geben Chefs oft verschlüsselte Informationen weiter. Einige Beispiele:

  • «Mit seinen Leistungen waren wir zufrieden.» = genügende Leistung
     
  • «...zu unserer vollen Zufriedenheit» oder «...die Leistungen waren gut» = Das Geschäft verliert einen guten Mitarbeiter.
     
  • «Leistungen waren überdurchschnittlich» oder «stets zu unserer vollen Zufriedenheit» = Der Mitarbeiter war über dem Durchschnitt; man lässt ihn nur ungern ziehen.
     
  • «Der Austritt erfolgte im gegenseitigen Einverständnis.» = Der Arbeitgeber hat nichts dagegen, dass der Mitarbeiter ausgetreten ist.
     
  • «Der Austritt erfolgt auf eigenen Wunsch.» = Es handelt sich um einen normalen Austritt, der keine besonders grosse Lücke hinterlässt.
     
  • «Der Austritt wird bedauert.» = Man verliert diesen Mitarbeiter nur ungern; er war tüchtig.
     
  • «Der Austritt wird sehr bedauert.» = Der Mitarbeiter war sehr tüchtig; er hinterlässt eine empfindliche Lücke.
     
  • Keinerlei Bemerkungen über die Leistungen und das Verhalten des Arbeitnehmers = es kann angenommen werden, dass die Leistung und das Betragen nicht befriedigend waren.
     
  • Lediglich Bemerkungen über das Verhalten = die Leistungen waren eher unbefriedigend.
     
  • Lediglich Bemerkungen über die Leistungen = es ist anzunehmen, dass das Verhalten nicht den Erwartungen entsprach.

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