EMMENBRUECKE, 02.09.2017 -  Infolge Regenfall und spaeteren Cupspiels hat die Gemeinde beschlossen, am Samstag 2. 9. keine Spiele auf dem Rasen im Stadion Gersag stattfinden zu lassen. Die Spiele wurden auf Kunstrasen verlegt. PHOTO BY PASCAL MORA

«Chömid Jungs! Möchid Jungs!»

Jasmine Helbling, Beobachter-RedaktorinDaniel Benz, Beobachter-Ressortleiter
Von Jasmine Helbling, Daniel Benz, Sylke Gruhnwald, Yves Demuth und Birthe Homann
am 12.10.2017 - 08:00 Uhr
Quelle: PASCAL MORA

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Vereine verbinden, schaffen Rivalitäten – und halten die Schweiz im Kleinen zusammen. Der Beobachter war sechs Monate unterwegs mit dem FC Emmenbrücke.

Diese multimediale Webreportage ist Gewinnerin des Swiss Press Awards 2018 in der Kategorie «Online».

Intro – «Chömid Jungs! Möchid Jungs!»

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Quelle: Beobachter Bewegtbild

Jeder Verein braucht eine wie Evelin Pilss. Die Stadionbeiz, ihr Reich, ist das Nervenzentrum des FC Emmenbrücke. Hier verteilt die 49-Jährige Lob nach Siegen und Trost nach Niederlagen. Und die Tenüs, die sie zuvor gewaschen hat. Die Evelin, die ist immer da für den FCE. Für die 300 aktiven Fussballer im Klub ist sie schlicht die «Mama».

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Die Rolle der guten Seele ist in den 76’000 Vereinen, die es nach Schätzungen in unserem kleinen Land gibt, praktisch durchwegs besetzt. Genauso wie jene des präsidialen Strippenziehers, der exakten Buchhalterin oder des umtriebigen Veranstaltungschefs. Und da sind die Zugezogenen, die Unauffälligen, die Einsamen – Menschen, die sonst in den hinteren Reihen der Gesellschaft stehen, die in diesem Kreis aber mittendrin sind.

«Hier treffen sich Menschen, die das gleiche Hobby haben, die sich unter Umständen aber nicht mögen, weil sie ansonsten ganz unterschiedlich sind.»

Markus Freitag, Professor für Politische Soziologie

Dass Vereine für den sozialen Kitt in einer Gemeinde unverzichtbar sind, steht für Markus Freitag ausser Frage. Freitag ist Professor für Politische Soziologie an der Universität Bern und einer der wenigen hierzulande, der sich wissenschaftlich mit Vereinen befasst. «Hier treffen sich Menschen, die das gleiche Hobby haben, die sich unter Umständen aber nicht mögen, weil sie ansonsten ganz unterschiedlich sind», sagt er. «Im Umfeld des Vereins ist man jedoch gezwungen, sich auf das Gegenüber einzulassen und auch mal dessen Optik einzunehmen.» Der Perspektivwechsel helfe, andere Meinungen eher zu tolerieren. Und dies wiederum fördert die Bereitschaft, mehr füreinander da zu sein.

Wichtig dabei ist gemäss dem Politikwissenschaftler, dass Vereine keine flüchtigen Orte sind, sondern formalisierte Gefässe: feste Abläufe, Statuten, Hierarchien, Regelmässigkeit. Das sind Merkmale, die dem Zeitgeist der Individualität widersprechen. Doch: «Genau diese Verpflichtungen etablieren das Gesetz des Wiedersehens, welches die Integrationswirkung von Vereinen entscheidend unterstützt.»

Deren Strukturen bilden im Kleinen ab, wie die Schweiz als Ganzes funktioniert. Markus Freitag erwähnt insbesondere die Kultur, durch privates Engagement die Zivilgesellschaft mitzugestalten. Dieses Selbstverständnis, geprägt von den Einflussmöglichkeiten der direkten Demokratie, ist hier deutlich ausgeprägter als in anderen Ländern. Klar ist deshalb: Einer Schweiz ohne Vereine würde ein starkes Triebwerk fehlen.

Tatsächlich leisten die Vereine auf lokaler Ebene umfangreiche Aufgaben fürs Gemeinwohl, die sie dem Staat – in erster Linie ihren Standortgemeinden – ein Stück weit abnehmen. Im Vordergrund stehen dabei die Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Lebens im Dorf oder im Quartier, das Funktionieren des Milizsystems und die Integration von Ausländerinnen und Ausländern. Untersuchungen zufolge werden jährlich freiwillige Leistungen im Umfang von 750 Millionen Franken erbracht; so viel würde es kosten, wenn die entsprechenden Arbeiten bezahlt werden müssten.

Rund 76’000 Vereine gibt es in der Schweiz – rund 150 davon alleine in Emmen.

Allein in Emmen, wo der FC Emmenbrücke zu Hause ist, gibt es rund 150 Vereine. Die Gemeinde in der Agglomeration von Luzern hat 30’000 Einwohnerinnen und Einwohner, ein Drittel davon ausländische. Im populären und leicht zugänglichen Fussball ist Multikulti traditionell besonders ausgeprägt. Mehr als 300’000 Kinder und Erwachsene aus 183 verschiedenen Nationen spielen in der Schweiz in mehr als 1400 Vereinen Fussball. Der grösste Anteil kommt aus Portugal, gefolgt von Italien und Ex-Jugoslawien.

So ist auch die erste Mannschaft des FCE, die in der 3. Liga spielt, ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten. Dasselbe Bild im Nachwuchsbereich. Hier ist die integrative Hebelwirkung besonders gross – schliesslich betreten mit jedem neu eintretenden Junior auch dessen Eltern und Geschwister den Mikrokosmos des Vereins.

Es ist eine kleine Welt in der grossen, über die alle Gesprächspartner in den Wochen, in denen sie ein Team des Beobachters begleitet hat, irgendwann diesen Satz gesagt haben:

«Das hier, das ist wie eine Familie.»