So pflegen wir unser unsichtbares Organ
Das Mikrobiom entscheidet mit, ob wir schlafen, krank werden oder gut gelaunt sind. Im neuen Beobachter-Ratgeber erzählt Petra Zimmermann über neue Erkenntnisse zum «inneren Ökosystem».

Die Kraft der Bakterien. Das Mikrobiom verstehen und stärken. Beobachter-Edition
Petra Zimmermann, was ist ein Mikrobiom, und was kann es?
Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die auf und in unserem Körper leben – etwa auf der Haut, im Mund, in den Atemwegen, im Darm, in der Vagina und den Harnwegen. Es trainiert unser Immunsystem, schützt vor Krankheitserregern und produziert wichtige Stoffe, die unsere Gesundheit beeinflussen. Man kann sagen: Das Mikrobiom ist ein unsichtbares Organ, das eine zentrale Rolle für unser Wohlbefinden spielt.
Die ersten drei Lebensjahre sind entscheidend für das Mikrobiom. Welche gezielten Interventionen reduzieren bei Kaiserschnitt-Kindern das Risiko für Allergien wegen einer gestörten Mikrobiom-Entwicklung?
Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, entwickeln oft ein weniger vielfältiges Mikrobiom und haben dadurch ein höheres Allergierisiko. Stillen kann diese Unterschiede teilweise ausgleichen, weil Muttermilch Bakterien und präbiotische Stoffe liefert. Ist es nicht möglich, zu stillen, können Prä- oder Probiotika helfen. Und Antibiotika sollten zurückhaltend eingesetzt werden.
Können Ernährungsstrategien das Mikrobiom positiv beeinflussen?
Das Mikrobiom reagiert rasch auf die Ernährung, aber die Effekte verschwinden ebenso schnell wieder, etwa wenn Ballaststoffe fehlen. Nachhaltig ist der Nutzen nur durch eine dauerhafte, abwechslungsreiche Ernährung mit Hülsenfrüchten, Obst, Gemüse, Nüssen und Vollkorn. Auch fermentierte Lebensmittel können helfen. Es braucht also keine Wunderlebensmittel, sondern langfristig Vielfalt und Ballaststoffe.
Welche Kriterien müsste ein Mikrobiom-Test erfüllen, um tatsächlich wertvoll zu sein?
Viele Tests liefern spannende Daten, aber kaum praktische Relevanz. Damit sie nützlich wären, müssten sie drei Kriterien erfüllen: Erstens braucht es wissenschaftlich validierte Referenzwerte, zweitens standardisierte und reproduzierbare Ergebnisse und drittens validierte, umsetzbare Empfehlungen für Ernährung und Lebensstil. Nur wenn Daten in konkrete Orientierung übersetzt werden, entsteht echter Mehrwert.
Bakterienstämme wie Clostridioides difficile können sich in einem geschwächten Mikrobiom von harmlos zu pathogen wandeln. Was sind die wichtigsten Auslöser dafür?
Clostridioides difficile zeigt, wie wichtig die Balance im Mikrobiom ist. Normalerweise wird es durch andere Mikroben kontrolliert. Antibiotika, eine geschwächte Abwehr, Medikamente wie Magensäureblocker, aber auch das Alter und Grunderkrankungen können dieses Gleichgewicht zerstören. Dann wird aus einem harmlosen Mitspieler ein gefährlicher Erreger. Entscheidend ist also das Umfeld, nicht das Bakterium allein.







