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Karriere«Auch die Berufserfahrung zählt viel»

Daniel Hippenmeyer stellt bei der Credit Suisse Leute ein. Er weiss: Weiterbildung ist wichtig, doch für eine erfolgreiche Bewerbung können auch Erfahrung und Engagement den Ausschlag geben.

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Daniel Hippenmeyer, 53, ist Leiter Recruiting bei der Credit Suisse. Pro Jahr gehen rund 50'000 Bewerbungen für rund 300 verschiedene Berufsprofile bei der Grossbank ein (ohne Lernende). Hippenmeyer hat nach einer Banklehre auf dem zweiten Bildungsweg an der Uni Bern in Betriebswirtschaft und Arbeitspsychologie abgeschlossen und sich in Fachthemen, Sprache sowie Management im In- und Ausland weitergebildet.

Beobachter: Welches Zeugnis stellen Sie den Kandidaten grundsätzlich aus, was die Weiterbildung anbelangt?
Daniel Hippenmeyer
: Bei uns treffen pro Jahr Tausende von Bewerbungsdossiers ein. Sie zeigen, dass die Weiterbildung in der Schweiz sehr verbreitet ist.

Beobachter: Immer wieder ist zu hören, dauernde Weiterbildung sei unerlässlich. Stimmt das?
Hippenmeyer: Das ist effektiv so. In unserer Unternehmenskultur sind Innovationen sehr wichtig. Das zeigt sich auch an der Palette unserer internen Weiterbildung. Deshalb erwarten wir, dass Mitarbeitende und Kandidaten für offene Stellen stets auf dem neusten Wissensstand sind. Jeder Einzelne muss schauen, dass er auf dem Arbeitsmarkt marktfähig ist.

Beobachter: Hat Weiterbildung in den letzten Jahren an ­Bedeutung gewonnen?
Hippenmeyer: Eindeutig. Mit der Globalisierung und der zunehmend schnelleren Veränderung der Berufswelt sind die Ansprüche an die Weiterbildung komplexer geworden. Dies stellt neue Anforderungen an die Bewerber. Sich nach dem normalen Schul- und Berufs­abschluss kontinuierlich weiterzubilden ist Bedingung. Dies zeigt sich auch bei den Wiedereinsteigern, die heute über mehr Qualifikationen verfügen sollten als noch vor zehn Jahren.

Beobachter: Was müssen Wiedereinsteiger heute leisten, um den Anschluss nicht zu verlieren?
Hippenmeyer: Wenn jemand zehn Jahre weg von der ­Arbeitswelt ist, ergibt dies eine sehr grosse Lücke. Überbrücken lässt sich dies etwa, indem man den Fuss immer ein bisschen in der Arbeitswelt behält und das beruf­liche Wissen up to date hält. Nehmen wir als Beispiel für unser Unternehmen eine Fachfrau mit Spezialistenwissen, die in der Beratung an der Front gearbeitet hat. Wenn sie sich einem beruflichen Netzwerk oder Interessengruppen anschliesst, bleibt sie im Beziehungsnetz und verliert fachlich den Anschluss nicht.

Beobachter: Welche Rolle spielt dabei die Weiterbildung?
Hippenmeyer: Den «Fuss drinbehalten» ist auch möglich durch die Lektüre von Fachbüchern oder Zeitschriften oder den Besuch von Ver­anstaltungen oder Weiterbildungskursen, etwa zur Vertiefung einer Sprache oder von IT-Anwenderkenntnissen.

Beobachter: Welche Weiterbildungen beurteilen Sie als ­sinnvoll und welche nicht?
Hippenmeyer: Das Entscheidendste ist, dass man das ­Gelernte in der Praxis umsetzen kann.

Beobachter: Soll man sich eher in Themen vertiefen oder sich ­fächerübergreifend weiterbilden?
Hippenmeyer: Beides ist wichtig und sinnvoll, es kommt aber auf den Kontext an. Letztlich geht es darum, dass man sich Kompetenzen aneignet, die beruflich verlangt sind. Bei der Besetzung einer Führungsposition kann eine MBA-Ausbildung oder eine ähnliche Weiterbildung nützlich sein. Für einen Spezialisten, zum Beispiel im Bereich ­Finanzberatung, kann das beruflich erworbene Spezialistenwissen wich­tiger sein als ein Master of Business Administration.

Beobachter: Ist Weiterbildung, die wenig mit dem Beruf oder der Branche zu tun hat, nutzlos?
Hippenmeyer: Als Rekrutierer entscheide ich, welche ­Bedeutung diese oder jene Weiterbildung des Kandidaten für die Stelle hat, die ich besetzen muss. Es ist daher empfehlenswert, die Weiterbildung gezielt so zu wählen, dass sie auf die berufliche Entwicklung abgestimmt ist. Wenn aber jemand aus ­privaten Gründen Russisch lernen möchte, sollte er es tun, denn es kann sein, dass für eine bestimmte Position genau dieses Russisch gefragt ist.

Beobachter: Nach welchen Kriterien sucht man die Weiterbildung am besten aus?
Hippenmeyer: Gute Informationen liefern Berufs- und Branchenverbände. Bevor man einen Vertrag für eine Weiterbildung unterschreibt, ist es ratsam, mit früheren Absolventen zu reden.

Beobachter: Ist es ein schlechtes Zeichen, wenn ein ­Weiter­bildungsinstitut solche Referenzen nicht anbietet?
Hippenmeyer: Das würde ich nicht so sagen. Aber wenn ich mich für eine Weiterbildung anmelde, will ich mit mindestens einer Person ­reden, die diese Weiterbildung absolviert hat, und sie fragen, was herausgeschaut hat und ob die Weiterbildung einen Beitrag zu ihrer Marktfähigkeit geleistet hat. Wenn es ein neues Angebot ist, würde ich mich noch intensiver darüber informieren, wie ich beruflich profitieren kann.

Beobachter: Was sagen Titel und Diplome wirklich aus?
Hippenmeyer: Wenn jemand ein CAS (Certificate of ­Advanced Studies) einer Universität oder Fachhochschule vorweist, wissen Rekrutierer heute, was dahintersteckt. Es gibt auch Ranglisten, die Institutionen oder Weiterbildungsangebote bewerten. Ein Abschluss ist im Gesamtzusammenhang aber letztlich nur einer von vielen Puzzlesteinen. Im Selektionsprozess zählen auch der fach­liche Hintergrund und die Berufserfahrung viel. Für global ausgerichtete Unternehmen sind internationale Standards wie CAS, Bachelor oder Master sehr hilfreich.

Beobachter: Und Bewerber ohne Bachelor oder Master kommen für gewisse Positionen gar nicht in Frage.
Hippenmeyer: Das stimmt so nicht. Wenn jemand einen entsprechenden Leistungsausweis und Berufserfahrung mitbringt, wird das auch in die Waagschale geworfen. Bei weniger anerkannten Abschlüssen oder Kursen, etwa einer privaten Handelsschule, hilft es, beim Vorstellungsgespräch zu erklären, weshalb man diese Weiterbildung gewählt hat.

Beobachter: Wie präsentiere ich die Weiterbildung im ­Lebenslauf am besten?
Hippenmeyer: Wir empfehlen, sich im Lebenslauf auf die wichtigsten, berufsbezogenen Weiterbildungen zu beschränken. Wenn jemand schon einige Berufserfahrung hat, ist es nicht sinnvoll, jeden einzelnen Kurs auf­zuführen, der schon 15 Jahre zurückliegt. Selbstverständlich gehören Kopien der Abschlusszertifikate und der Arbeitszeugnisse zur Bewerbung.

Beobachter: Welche Art von Weiterbildung wird der Arbeitsmarkt der Zukunft verlangen?
Hippenmeyer: Man wird alles noch stärker auf die Praxis ausrichten, etwa anhand von konkreten Projektbeispielen aus dem eigenen Unternehmen. Zudem werden internationale Standards und sprachliche Kompetenzen eine noch grössere Rolle spielen. Englisch gehört für viele bereits zum Berufsalltag. Nischensprachen wie Russisch oder Mandarin gewinnen an Bedeutung.

Internationale Abschlüsse: Schweiz muss sich sputen

Grosse Institutionen dominieren den schweizerischen Weiterbildungsmarkt. Kleinere Anbieter müssen sich mit ­hoher Qualität und mit Innovationen behaupten. Eine Umfrage unter 248 ­Weiterbildungsanbietern ergab 2011, dass hauseigene Zertifikate der Weiterbildungsinstitute immer mehr in den Hintergrund rücken. Die Nach­frage nach international anerkannten Diplomen wie dem Bachelor- oder Masterabschluss wächst hingegen.

Mit der Bologna-Reform hat die Schweiz das zweistufige Studien­system mit Bachelor und Master und ­einem Leistungspunktesystem (ECTS-Punkte) eingeführt. Diese Neuerung an Hochschulen und Fachhochschulen macht Abschlüsse vergleichbarer und erhöht die europaweite Mobilität der Studierenden. Zum System gehört auch die Weiterbildung auf Stufe CAS (Certificate of Advanced Studies) an Hochschulen und Fachhochschulen.

Die Schweiz verfügt über ein qualitativ hochwertiges Berufsbildungssystem mit einer beruflichen Grundausbildung mit Berufslehre und höherer Berufs­bildung, mit einem Diplom einer höheren Fachschule (HF) oder einer höheren Fachprüfung («Meisterprüfung»). Neben den Universitäten und den Fachhochschulen gehören höhere Fachschulen zur Tertiärstufe im schweizerischen Bildungssystem.

Der Wert schweizerischer Abschlüsse gerät jedoch unter Druck. Diplome von höheren Fachschulen können im Ausland oder von Personalverantwortlichen in internationalen Konzernen in der Schweiz oft nicht richtig eingeordnet werden, weil sie weniger bekannt sind als Bachelor oder Master. Deshalb erarbeitet das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie einen nationalen Qualifikationsrahmen und eine Vorlage für Diplomzusätze. Damit ­sollen schweizerische Berufsbildungs­abschlüsse international vergleichbarer und bekannter werden.

Veröffentlicht am 18. Mai 2012