André Monhart ist stellvertretender Leiter des Fachbereichs Berufsberatung beim Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Beobachter: Wie schwierig ist es momentan, ­eine Lehrstelle zu finden?
André Monhart
: Die Situation ist so gut wie schon seit Jahren nicht mehr. Die Zahl der offenen Lehrstellen steigt stetig an. Allein im Kanton Zürich gibt es 1200 mehr als im Jahr 2010.

Beobachter: Inzwischen buhlen also die Lehrbetriebe um die Schulabgänger und nicht mehr umgekehrt?
Monhart: Insbesondere gewerbliche Firmen und ­solche, die wenig prestigeträchtige Lehrstellen anbieten, haben tatsächlich Mühe, Nachwuchskräfte zu finden. Das ist schade, zumal ich Lehrstellen wie Elektroinstallateur und Berufe im Hausgewerbe für die meistunterschätzten Ausbildungen dieser Jahre halte.

Beobachter: Ab wann sollten junge Menschen damit beginnen, sich mit der Zeit nach der Oberstufe zu beschäftigen?
Monhart
: Die Berufsfindung beginnt meistens mit dem Berufswahlunterricht im achten Schuljahr. Die etwas reiferen Schüler beschäftigen sich gleich zu Beginn des Jahres damit, während andere etwas länger brauchen, bis sie sich bereit fühlen. Das ist in Ordnung, solange sie sich ausreichend Zeit nehmen und die Entscheidung nicht leichtfertig treffen (siehe «So findest du deinen Lehrberuf»).

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Beobachter: Was ist mit jenen, die sich nicht sicher sind, ob sie eine weiterführende Schule besuchen oder eine Lehre machen sollen?
Monhart: Da kann Unterstützung von aussen hilfreich sein. Nach meiner Erfahrung kristallisiert sich während einer Beratung recht schnell heraus, zu welchem Weg jemand tendiert. Wenn ein Gespräch keinen Aufschluss bringt, kommt es stark auf die schulische Leistung an. Wem das Lernen relativ leicht fällt, der sollte sich im Zweifel eher für eine weiterführende Schule entscheiden. Heute gilt ohnehin der Grundsatz: je mehr Bildung, desto besser. Lernschwächeren Schülern würde ich hingegen zu einem Zwischenjahr raten, in dem sie sich nochmals ausgiebig mit der Berufsfindung auseinandersetzen.

Beobachter: Die Lehrstellenvergabe beginnt immer früher. Sollen die Stellensuchenden da mitmachen?
Monhart: Es wäre viel besser, wenn man diesen Druck, sich schon Anfang der dritten Oberstufe für einen Beruf entscheiden zu müssen, von den Jugendlichen nehmen würde. Aber es ist leider so, dass vor allem grosse Firmen sehr früh nach passenden Kandidaten suchen. Glücklicherweise ist das nicht die Norm. Zahlreiche Lehrstellen sind zu Beginn des Schuljahres noch gar nicht ausgeschrieben. Insbesondere für kleinere Unternehmen ist es schwierig, so weit im Vo­raus zu planen. Wer also nicht gerade eine kaufmännische Lehre bei einer Grossbank, bei einer Versicherung oder in ­einem Reisebüro machen will, darf sich ruhig noch etwas Zeit lassen.

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Beobachter: Als Stichtag für den Abschluss eines ­Lehrvertrags gilt der 1. November. Wer bis dahin noch keinen unterschrieben hat, muss also nicht verzweifeln?
Monhart: Dieser 1. November ist eine Vereinbarung, die die grossen Firmen freiwillig untereinander ausgehandelt haben. Dieses «gentlemen's agreement» gibt es seit einigen Jahren leider nicht mehr, die Ausbildungsbetriebe können den Lehrvertrag mit den Jugendlichen auch früher abschliessen. Aber verzweifeln müssen die Jugendlichen auf keinen Fall. Die Erfahrung zeigt, dass auch während der Sommerferien oder sogar nach Lehrbeginn noch Lehrstellen frei sind oder wieder frei werden.

Beobachter: So spät?
Monhart
: Ja. Dies liegt auch daran, dass Lehrverträge immer früher abgeschlossen werden. Manche Schüler fühlen sich so unter Druck, dass sie leichtfertig eine Stelle annehmen, nur um sicher nicht leer auszugehen. Finden sie zu einem späteren Zeitpunkt dann doch noch etwas Passenderes, lösen sie den Vertrag wieder auf. Ich habe schon oft erlebt, dass ein Bewerber in letzter Minute eine Zusage bekommen hat. Es hilft im Übrigen, einigermassen flexibel und offen für verwandte Berufe zu sein.

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Beobachter: Was heisst das konkret?
Monhart: Nehmen wir einen der beliebtesten Lehr­berufe: die kaufmännische Grundbildung. Wer keine KV-Lehrstelle findet, könnte auch nach einem Ausbildungsplatz im technischen Bereich suchen. Diese Lehre ist mindestens ebenso anspruchsvoll. In Kombination mit einer Berufsmatura kann man nach dem Lehrabschluss problemlos einen kaufmännischen Weg einschlagen. Die Berufsmaturitätsschule ist eine sehr gute Möglichkeit, sich ein Hintertürchen für Veränderungen offenzuhalten.

Beobachter: Ab wann sollten sich erfolglose Bewerber nach Alternativen umsehen?
Monhart: Wer bis Mai noch keine Lehrstelle hat, ­sollte allmählich damit beginnen, nach ­anderen Möglichkeiten zu suchen. Wer seinen Traumberuf gefunden hat, aber keine Lehrstelle bekommt, könnte etwa das zehnte Schuljahr mit Schwerpunkt im entsprechenden Bereich machen. Je nach gewähltem Beruf ist auch ein Sprachaufenthalt oder ein Au-pair-Jahr sinnvoll, um sich einen Vorteil in einer Fremdsprache zu verschaffen und eine gewisse Reife und Selbständigkeit zu entwickeln.

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Beobachter: Was ist mit jenen, die eine Stelle bekommen ­haben, aber nicht wissen, ob es die richtige ist?
Monhart: Grundsätzlich finde ich es schlecht, wenn man sich auf eine Lehre einlässt, die einen schon zu Beginn nicht sonderlich interessiert. Drei oder vier Jahre sind im Leben ­eines jungen Menschen eine lange Zeit. Diese hält er nur durch, wenn er motiviert und gefordert ist. Sonst ist die Gefahr gross, dass er die Lehre irgendwann abbricht.

Beobachter: Also sollte man nur zusagen, wenn man seine Traumstelle gefunden hat?
Monhart: Das wäre nicht sehr realistisch und für die meisten Bewerber kaum umsetzbar. Es gehört auch zum Reifeprozess, zu begreifen, dass auch spannende Berufe ihre Schattenseiten haben. Wenn einem 70 Prozent der Arbeit gefallen, sollte man sich mit den übrigen 30 Prozent arrangieren.

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Beobachter: Haben die Jugendlichen da realistische ­Vorstellungen?
Monhart: Ja, die meisten schon. Es ist eher die Gesellschaft, die den Eindruck vermittelt, eine Lehre müsse der Beruf fürs Leben sein. Das ist nicht besonders zeitgemäss und setzt Jugendliche nur zusätzlich unter Druck. Viel wichtiger ist es, dass die Grundrichtung stimmt, so dass man sich für die Lehre motivieren kann und danach gute Möglichkeiten hat, sich weiterzubilden oder auf einen verwandten Job umzusteigen.