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OpferschutzDer Vergewaltiger wohnt gleich nebenan

Eine grosse Liebe wird für eine Frau zum nicht enden wollenden Albtraum: Trotz Kontaktverbot stalkt ihr Exmann sie hemmungslos weiter.

Ein Mann vergewaltigt seine Frau 40 Mal. Als er aus dem Gefängnis kommt, zieht er an denselben Ort wie sie. Und verfolgt sie weiter.

von aktualisiert am 21. Juni 2018

Es war ein normaler Montag. Sie sass an ihrem Schreibtisch bei der Post. Michaela Hauser*, 35, Mutter einer Tochter, geschieden. Wie so oft registrierte sie die Neuzuzüger der Gemeinde. Tagesgeschäft, eigentlich. Bis der Name Hakem Mansour* auftauchte. Und der normale Montag wurde ihr Ende der Welt.
 

Dezember 2011. Michaela und Hakem lernen sich im Internet Dating-Dienste Frust statt Flirt kennen. Bald heiraten sie in seiner nordafrikanischen Heimat. Michaelas Vater führt sie an den Altar. Hakem zieht nach Graubünden. Michaela wird schwanger, und alles ist gut. Eine Zeitlang.
 

Hakem Mansour, 34, Vater einer Tochter, geschieden. Wegen Vergewaltigung, Drohung und Nötigung musste er drei Jahre ins Gefängnis. Dort wähnte ihn Michaela Hauser bis zu diesem Montag. Doch er lebte keine 140 Meter von ihrem Pult entfernt. Nur ihr – seinem Opfer Opferhilfe Die Unterstützung «danach» – hatte niemand etwas gesagt.

«Ich sass da. Sein Name leuchtete auf dem Screen. Aber ich tippte weiter und weiter. Wie eine Maschine. Und verdrängte, was sich zurück in mein Leben geschlichen hatte. Erst als ich den PC ausgeschaltet hatte, brach ich zusammen.» Der Weg nach Hause hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. In den Knochen Angst, im Kopf nur ein Satz: «Warum ist er hier?» Es gibt so viele Orte in der Schweiz. Warum ist er ausgerechnet hier? Der Mensch, der ihr am meisten Angst macht, der Mensch, der ihr Leben kaputtgemacht hat. Er wohnt jetzt hier. An dem Ort, wo sie nochmals neu anfangen wollte.
 

Oktober 2012. Die Gewalt kommt mit der Geburt. Keine einfache Zeit für die junge Familie. Michaela wird befördert, Hakems Pensum in der Fabrik reduziert. Im Frühling hat das Baby leichtes Fieber. Hakem wird wütend, er stösst Michaela gegen den Schrank Ehehölle «Mir war klar, dass es enden muss» . Sie soll mit der Tochter zum Arzt, findet er. Das sei nicht nötig, findet sie. Sie geht dann doch – die blauen Flecken unter der Bluse versteckt.

Zwei Tage nach diesem Montag auf der Post wurde Michaelas Tochter fünf. Gefeiert wurde nicht. Aber viel telefoniert. Mit der Psychologin, der Opferhilfe Opfer einer Straftat Den Täter anzeigen? , der Familie, der Polizei. Warum ist er hier? Trotz gerichtlich auferlegtem Kontaktverbot. Obwohl die drei Jahre Strafe noch nicht verstrichen waren. Obwohl die Staatsanwaltschaft ihr versichert hatte, dass man sie, die Mutter, sie, das Opfer, vor seiner Entlassung informieren werde.

Schweizerisches Strafgesetzbuch, Artikel 92a. Opfer können mit schriftlichem Gesuch verlangen, dass sie von der Vollzugsbehörde über den Strafvollzug des Gewalttäters informiert werden. Michaela Hauser wusste das. Während der Gerichtsverhandlung sprachen die Staatsanwaltschaft und ihre Anwältin darüber. Aber Michaela Hauser hatte in den Tagen vor Gericht so viele Unterschriften auf Papiere gesetzt – sie weiss heute nicht mehr, ob sie ihr Recht auf Information damals ordnungsgemäss eingefordert hat. Sie lebte ihr Leben weiter. Hat es zumindest versucht. Glaubte sich in Sicherheit, ihren Ex im Gefängnis. «Sonst hätte man mich ja informiert. Oder etwa nicht?»
 

Mai 2014. Sein Auto folgt Michaela auf Schritt und Tritt. Hat sie etwa einen anderen? Sie ist doch Hakems Frau. Zu Hause zwingt er sie in ein Négligé. Sie soll kochen, putzen. Und dann zu ihm ins Bett. Sie will nicht. Er zwingt sie dazu. Manchmal viermal pro Woche. Michaela will nicht, dass die Kleine etwas mitbekommt. Sie bleibt still in den Nächten. Tage später meldet sie sich bei der Opferhilfe.
 

Nach dem verhängnisvollen Montag hat sich Michaela Hauser zehn Tage krankschreiben lassen Arbeitsrecht Krankgeschrieben – was heisst das? . Auf der Arbeit wusste man Bescheid. Familie und Freunde waren in Alarmbereitschaft. Die Polizei sagte: «Wir können erst eingreifen, wenn wieder etwas passiert.» Der Beistand Beistandschaft Ein Beistand nach Mass  des Kindes sagte: «Er ist doch jetzt ein besserer Mensch.»

Es dauerte nicht lange, bis sie ihrem Exmann im Städtchen begegnete. Damals vor Gericht hatte die Anwältin erstritten, dass Michaela Hauser ihrem Peiniger während der Aussagen nicht in die Augen blicken musste. Am Ort ihres Neubeginns konnte sie denselben Augen nicht mehr ausweichen. Wenn er sich im Städtchen bewegte, war er immer in der Nähe. Er stand plötzlich direkt neben dem Auto, in das sie sich gerade gesetzt hatte. «Ich hatte Todesangst. Das Herz explodierte fast, ich bekam keine Luft. Mein Magen drehte sich. Dann ist mir eingefallen, dass ich ja im Auto sitze. Und dass das Auto verriegelt war.» Wenig später sass er in einem Kebabladen, neben dem sie mit Freunden Kaffee trank. Als sie ihn fotografieren wollte, machte er sich davon. Aus dem Haus traut sie sich jetzt nur noch selten.

Frau sitzt weinend im Auto
«Er stand plötzlich neben dem Auto. Ich hatte Todesangst. Das Herz explodierte fast, ich bekam keine Luft.» – Michaela Hauser, Vergewaltigungsopfer.
Quelle: Andreas Gefe

September 2014. Er hat die Visitenkarte der Anwältin gefunden. Michaela will weg von ihm. Seine Hände umschlingen ihren Hals. Er drückt zu. «Wenn du gehst, bringe ich dich um.» Sie geht trotzdem. Mit der Opferhilfe erwirkt sie ein provisorisches Kontaktverbot. Die Polizei bringt ihn aus der Wohnung. Er darf sie nicht mehr betreten. Doch sein Auto im Rückspiegel wird Michaela nicht los.
 

Juli 2015. Sie kann nicht mehr. Er ist überall. Manchmal auch in ihrer Wohnung – trotz Kontaktverbot. Den Pass der Tochter hat er aus der Schublade genommen. Ein SMS piepst: «Du weisst schon, dass ich mir deine Tochter nehmen kann.» Michaela will weg.
 

Sie kündigt Job und Wohnung. Die Papiere für den Neustart hat sie in einem roten Mäppchen auf dem Beifahrersitz. Hakems Auto folgt ihr auf dem Weg zum gelben Briefkasten. Ihr Herz rast. Sie fährt am Briefkasten vorbei. Die Freundin wohnt im Dorf nebenan. Sicherheit. Auf der Überlandstrasse drängt er sie mit seinem Auto von der Strasse. Dann steht er neben der Fahrertür. Er wolle nur mit ihr reden. Sie lässt die Scheibe geschlossen und fährt weiter. Ihr Herz rast. Auf dem Weg vom Auto zur Tür der Freundin sprintet sie. Die Autotür lässt sie offen. Die Freundin ist da – doch Hakem ist es auch. Er hält das rote Mäppchen mit ihrem Neustart in den Händen. Er hat es vom Beifahrersitz genommen und fährt davon.

Die Freundin begleitet Michaela zum Packen zurück in ihre Wohnung. Sie müssen dringend weg. Die Tochter und sie. Doch schon ist er wieder da. Die Freundin ruft die Polizei. Sie ist jetzt Zeugin für den Hausfriedensbruch. Hakem rennt. Zwei Tage später trägt er Handschellen.
 

Juni 2018. Zehn Monate lebt Michaela voller Angst im gleichen Dorf. Machtlos. Die Opferhilfe schreibt dem Gericht einen Brief. Der verurteilte Gewalttäter verstosse gegen das Kontaktverbot. Wer schützt Michaela? Der Brief bleibt unbeantwortet. Die Polizei sagt: «Wir können erst eingreifen, wenn nochmals etwas passiert.» Und der Beistand sagt wieder: «Aber er ist doch jetzt ein besserer Mensch.» Michaelas Stimme ist leise. «Manchmal habe ich das Gefühl, als hätte man mir jede Würde genommen. Als interessiere sich niemand für mich und meine Tochter. Wichtig ist allein, was mit ihm ist.»
 

40 Mal hatte Hakem Michaela vergewaltigt. Er schlug, drohte, überwachte und verfolgte sie. So steht es in der Anklageschrift. Doch das Recht auf den Kontakt zum gemeinsamen Kind hat er bisher nicht verloren. Und dafür kämpft er. Die Tochter ist der Grund, warum er noch immer in der Schweiz bleiben darf. Wegen seiner Tochter sei er hier, sagt er. Er bringt dem Beistand Geschenke vorbei. Er ist jetzt ein guter Mensch.

Bald muss Michaela wieder vor Gericht. Hakem hat sie angezeigt. Den Kontakt zum Kind hat sie ihm bis jetzt verweigert. Sie hat Angst. Um sich und ihre Kleine. Den Pass der Tochter hat Hakem immer noch.
 

*Name geändert

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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