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ÜbergewichtWie viel Zucker darf es sein?

Warum lieben Kinder Süsses? Und wie lässt sich die Gier zügeln? Dagmar l’Allemand, Kinderärztin und Übergewichtsspezialistin, fordert eine Kennzeichnung und Besteuerung von zuckerhaltigen Produkten.

Eine Frage des Masses: «Wir brauchen Süsses, und es wäre falsch, Zucker komplett zu verteufeln.»
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BeobachterNatur: Dagmar l’Allemand, meine Kinder ­lieben Zucker über alles. Sind alle ­Kinder so ­erpicht auf Süsses?
Dagmar l’Allemand: Das ist tatsächlich so. Wenn wir Säuglinge, die bis zu diesem Zeitpunkt nur Muttermilch getrunken haben, während einer medizinischen Behandlung beru­higen müssen, geben wir ihnen etwas ­Zuckerwasser, davon werden sie sofort ruhig. Zucker erfüllt ein tiefes mensch­liches Bedürfnis, er macht uns zufrieden. Wir brauchen Süsses, und es wäre falsch, wenn man ihn komplett verteufeln würde. Es ist eine Frage des Masses.

BeobachterNatur: Ich habe den Eindruck, dass Kinder ­bezüglich Zucker sehr masslos sind. ­Woher kommt diese Gier?
Dagmar l’Allemand: Das ist keine unstillbare Gier. Wenn man bereits satt ist, braucht es nicht viel ­Süsses, bis sich neben dem Gefühl der Sättigung auch noch ein Gefühl der ­Zufriedenheit einstellt. Die Sucht nach Zucker entsteht erst, wenn man ihn in grossen Mengen und in Kombination mit Fett isst und wenn man zudem ­bereits übergewichtig ist.

Dagmar l'Allemand behandelt am Kinderspital St. Gallen Übergewichtige. Sie leitet die Evaluation des BAG-Projekts «Kidsstep» zur Adipositastherapie im Kindesalter und ist Vorstandsmitglied des Fachverbandes Adipositas im Kindes- und Jugendalter.
Quelle: André Schneider

BeobachterNatur: Ist Zucker eine Droge?
Dagmar l’Allemand: Für Übergewichtige auf jeden Fall, denn sie brauchen immer höhere Dosen, bis das Glücksgefühl einsetzt. In Tierver­suchen konnte gezeigt werden, dass ­Ratten, die man mit Zucker füttert, gierig werden. Als man ihnen den Zucker wegnahm, zeigten sie Entzugserscheinungen, die man sonst nur von Drogensüchtigen kennt: Zittern, Angst, Unruhe, Verhaltens­störungen und Antriebslosigkeit. Die Areale ihrer Gehirne, in denen körper­eigene Beruhigungs- und Glücksstoffe ausgeschüttet werden, hatten sich ähnlich verändert wie bei Kokain- und He­roinsüchtigen. Erste Untersuchungen am Menschen bestätigen diese Ergebnisse.

BeobachterNatur: Wie richtet Zucker Schaden an?
Dagmar l’Allemand: Zucker macht nicht satt, aber er bewirkt, dass viel Insulin ausgeschüttet wird. ­Dieses wiederum sorgt dafür, dass dem Blut zu viel Blutzucker entzogen wird, der Blutzuckerspiegel also stark absinkt. Das verursacht dann die bekannten Heisshungerattacken: Wir essen über­mässig viel, womöglich wiederum Fett und Zucker. Isst man Süsses aber ­zusammen mit anderen Nahrungsmitteln, wird das Insulin deutlich langsamer ausgeschüttet. Deshalb ist Süsses nicht geeignet als Snack oder für den kleinen Imbiss zwischendurch.

BeobachterNatur: Das heisst aber auch: Das tägliche ­Dessert ist nicht so schlimm.
Dagmar l’Allemand: Nein, das ist sogar sinnvoll. Wenn man Zucker mit dem Dessert zu sich nimmt, dann hat der Körper schon Fett, Eiweiss und Ballaststoffe erhalten, und es kommt nicht zu diesen Insulinschwankungen, die das Hunger- und Suchtgefühl aus­machen. Im Kinderspital St. Gallen empfehlen wir den Übergewichtigen, einmal am Tag ein kleines Dessert zu essen.

BeobachterNatur: Gemäss den Empfehlungen des ­Bundesamtes für Gesundheit sollten vier- bis neunjährige Kinder pro Tag höchstens eine Reihe Schokolade oder drei Petit-Beurre-Kekse oder eine kleine Eiskugel oder ein Glas Süssgetränk zu sich nehmen. Diese Mengen hat man schnell überschritten.
Dagmar l’Allemand: Wenn man abnehmen will, liegt nicht mehr drin. Aber es gibt auch Kinder, die etwas mehr Zucker brauchen, etwa weil sie sich viel bewegen. Solange sie gesund sind und keine Karies haben, muss man das nicht aufs Gramm genau abwägen.

BeobachterNatur: Wir nehmen fast allen Zucker in Form von Süssigkeiten, Getränken und ­Backwaren zu uns, zum Kochen v­erwenden wir nur wenig davon. Sind das selbst­gemachte Ketchup, eine Prise Zucker in der Salatsauce und süsser ­Balsamicoessig also kein Problem?
Dagmar l’Allemand: Das ist kein Problem. Viele industriell ­gefertigte Lebensmittel enthalten sehr viel mehr Zucker.

BeobachterNatur: Sind künstliche Süssstoffe eine ­Alternative?
Dagmar l’Allemand: Nein, aus verschiedenen Gründen nicht. Sorbitol zum Beispiel kann Durchfall ­verursachen. Andere Süssstoffe wie etwa Sucralose und Acesulfam, die für Süssgetränke verwendet werden, sind problematisch, weil sie im Magen ein Hormon ausschütten, das hungrig macht. Deshalb wurden diese Substanzen früher in der Schweinemast eingesetzt. Der Hauptgrund ist aber: Künst­lichen Süssstoffen fehlt die beruhigende Wirkung des Zuckers. Das gilt übrigens auch für das pflanzliche Stevia. Deshalb bleibt das Bedürfnis, etwas zu essen, was einem ein gutes Gefühl gibt.

BeobachterNatur: Künstlich gesüsste Kaugummis ­schaden immerhin den Zähnen nicht.
Dagmar l’Allemand: Wenn man bloss zwei bis drei am Tag kaut, muss man sich wegen des künst­lichen Süssstoffs bestimmt keine Sorgen machen.

BeobachterNatur: Zurück zum richtigen Zucker: Wenn ich am Morgen im Zug sitze, habe ich den Eindruck, dass sich bei jungen ­Erwachsenen der Energydrink als ­Frühstücksgetränk durchgesetzt hat.
Dagmar l’Allemand: Oh ja. Mein Sohn trinkt so was auch. Ich halte es für perfide, dass man die Menschen einerseits ständig dazu auffordert, gesünder zu leben, und den Jugend­lichen andererseits diese Energydrinks zu Billigstpreisen hinterherschmeisst, obwohl man weiss, dass sie wahre ­Chemikaliencocktails sind und süchtig machen.

BeobachterNatur: Für meinen neun Jahre alten Sohn ist Ice-Tea-Trinken der Inbegriff von ­Jugendlichsein. Warum haben ­Süssgetränke bei Jugendlichen einen so enormen Stellenwert?
Dagmar l’Allemand: Das hat mit dem Image zu tun, der ­Gruppendruck ist enorm. Ich sage den übergewichtigen Jugendlichen jeweils: Ihr werdet immer dicker, und die Konzerne lachen sich ins Fäustchen, weil ihr sie immer reicher macht! Wollt ihr das wirklich?

BeobachterNatur: Die Stiftung für Gesundheits­förderung Schweiz verfasste 2012 einen Bericht, in dem sie Süssgetränke stark kritisierte. Sie forderte Foodlabels, die vor Kalorienbomben warnen, weniger Werbung für Zuckerhaltiges und eine Steuer auf süssen Getränken – ähnlich wie beim Alkohol. Was halten Sie davon?
Dagmar l’Allemand: Ich finde diese Forderungen goldrichtig. Solche Massnahmen werden derzeit in vielen Ländern diskutiert und auch umgesetzt. Wenn es klare Regeln gibt und die Produkte teuer genug sind, dann geht der Konsum zurück. Das war beim Nikotin ja auch der Fall.

BeobachterNatur: In der Schweiz mussten diese ­Forderungen auf Druck der Getränkelobby sogar vom Netz genommen ­werden. Kuscht die Gesundheits­förderung vor der Getränkelobby?
Dagmar l’Allemand: Ich bin erschrocken, als ich davon gehört habe. Der Lobbyismus ist offensichtlich sehr stark ausgeprägt. Als Deutsche ­bewundere ich an der Schweiz ja grundsätzlich, dass die persönliche Freiheit hier so hochgehalten wird, aber das hat eben auch Schattenseiten. Was ist wich­tiger: die persönliche Freiheit oder die Gesundheit? Als Kinderärztin bin ich hier parteiisch.

BeobachterNatur: Welche gesundheitlichen Probleme ­haben die übergewichtigen Kinder, die Sie therapieren? Ist Diabetes ein Thema?
Dagmar l’Allemand: Diabetes im Zusammenhang mit Zucker ist vor allem in den USA ein Problem, weil Afro-, Latein- und indianischstämmige Amerikaner genetisch ein grösseres ­Risiko haben, daran zu erkranken. Hierzulande verursacht übertriebener Zuckerkonsum eher hohen Blutdruck, Übergewicht und Leberverfettung. Stoffwechselkrankheiten sind die Folge. Übergewichtige haben auch ein grösseres Risiko, an Krebs zu ­erkranken. Etwa die Hälfte der Kinder, die wir therapieren, hat auch psychische ­Probleme. Oft sind ihre Eltern selbst übergewichtig und psychisch krank, was sie ­jedoch häufig nicht wahrhaben wollen. Das ist tragisch, weil wir die Kinder nur dann erfolgreich behandeln können, wenn auch die Eltern mitmachen.

BeobachterNatur: Wie essen diese Kinder?
Dagmar l’Allemand: Viele übergewichtige Kinder kommen aus sozial schwachen Familien und essen ungesund. Manche Mütter meinen, sie täten ihren Kindern etwas Gutes, wenn sie ihnen Weissbrot und Süssgetränke ­geben, Dinge, die Kindern schmecken und die die Mütter selbst früher nicht ­bekommen haben. Viele Eltern kochen nicht oder nur selten, jeder isst für sich, direkt aus dem Kühlschrank, aus der Schachtel, zum Teil wird nicht einmal Besteck verwendet. Zwischendurch gibts gesüsste Getränke. Die Tücken liegen in den Details. Und die sind trivial.

BeobachterNatur: Gibt es keinen Hoffnungsschimmer? Die Zahl der übergewichtigen Kinder hat sich in der Schweiz doch stabilisiert.
Dagmar l’Allemand: Nein, da macht man sich etwas vor. Die extrem übergewichtigen Kinder haben statistisch gesehen kein Gewicht verloren oder sogar noch zugenommen. Diese Falscheinschätzung kommt daher, dass der Body-Mass-Index, der BMI, als Index für leichtes Übergewicht ungeeignet ist, weil er eine Aussage über die gesamte Körpermasse macht, nicht nur über die Fettmasse. Es gibt heute übergewichtige Kinder, die einen normalen BMI haben, weil sie sich kaum bewegen und weniger Muskeln haben. Vermutlich sind die ­Zuwachsraten bei der Fettleibigkeit etwas gebremst, weil die Kampagnen für eine gesunde Zwischenverpflegung in den Schulen wirklich etwas bringen. Ganz im Gegensatz zu den äusserst kostspieligen Plakatkampagnen. Diese erreichen die extrem Übergewichtigen nicht, das ist wissenschaftlich bewiesen. Wenn man schaut, wie viel Geld investiert wird, um Übergewicht zu bekämpfen, muss man leider sagen: Die Wirkung ist erbärmlich.

BeobachterNatur: Sie haben selbst Kinder. Wie gehen Sie mit der süssen Versuchung um?
Dagmar l’Allemand: Süsses ist bei uns kein Tabu, aber ich achte darauf, dass ich nicht allzu viel ­davon einkaufe. Je kleiner das Angebot, desto weniger wird gegessen. Als meine Kinder noch jünger waren, habe ich die Schokolade zuoberst im Schrank verstaut, damit sie nicht so leicht verfügbar war. Aber das hat nur bedingt ­etwas genützt: Es kam tatsächlich vor, dass sie sich die Leiter holten, um an die Sachen heranzukommen.

Natürliche Alternativen zum raffinierten Zucker

Das Interview stammt aus dem Buch «Das grosse Familienkochbuch» von Julia Hofer (Text) und Andre Schneider (Fotos); AT-Verlag, 312 Seiten, CHF 54 

Veröffentlicht am 09. September 2014