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CholesterinDick im Geschäft dank der Fett-Lüge

Dougnat
Fett ist nicht gleich Fett – wann ist es gefährlich für unsere Gesundheit? Bild: Getty Images

Fett macht krank, heisst es seit Jahren. Gegen Cholesterin müsse man Tabletten schlucken. Was, wenn das so gar nicht stimmt?

von Susanne Loackeraktualisiert am 2017 M11 09

Diese Nachricht muss 750'000 Menschen in der Schweiz erschrecken: «Die Hypothesen über Kalorien und Cholesterin sind beide tot», schreibt ein internationales Forscherteam im britischen Fachmagazin «Pharmaceutical Journal». Wirklich schuld an Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei etwas ganz anderes: die Insulinresistenz.

Sie gilt als Vorstufe von Diabetes II, demjenigen Typ der Zuckerkrankheit, mit dem man nicht geboren wird, sondern den man durch falsche Ernährung ein Leben lang fördert. Die Insulinresistenz sei die Hauptursache für Herzinfarkt, Kreislauferkrankungen, Diabetes, Krebs und Atemwegserkrankungen, sagen die Forscher. Diese tödlichen Krankheiten verursachen in der Schweiz rund 40 Prozent der direkten Gesundheitskosten.

Rund 750'000 Frauen und vor allem Männer schlucken hierzulande regelmässig Cholesterinsenker, sogenannte Statine. Von dem Tag an, an dem ihnen der Arzt einen zu hohen Cholesterinspiegel diagnostiziert, nehmen sie Medikamente ein. Bis an ihr Lebensende. Ein sicherer Wert für die Pharmaindustrie. Wenn man das Medikament absetzt, stirbt man womöglich an einem Herzinfarkt, wird suggeriert.

Die Zuckerindustrie im Visier

Doch die Skepsis gegenüber Statinen wächst und wächst, schreiben die australische Forscherin Maryanne Demasi, der US-Neuroendokrinologe Robert Lustig und der britische Kardiologe Aseem Malhotra. «Viele Fachleute sagen, dass die Allgegenwart von Statinen die Folge von Industrie-Sponsoring sei, beeinflusst von manipulierten Statistiken.»

Am Telefon wird Robert Lustig in San Francisco noch deutlicher: «Wir haben die Daten. Wir wissen, dass die Zuckerindustrie seit Jahren Geld dafür ausgibt, Forscher dazu zu bringen, Zucker zu verharmlosen.» Die Absicht der Industrie sei, Statistiken so aussehen zu lassen, als sei Fett die Wurzel aller Übel. Das hat Vorteile für die Zuckerbranche, die munter süsse Frühstücksflocken mit Werbung von golden wogenden, wunderbar natürlichen Kornfeldern verkauft. Und für die Pharmabranche, die Mittel gegen das böse Cholesterin verkauft, die man heute in den USA «allen Menschen über 50» empfehle.

«Die klarsten Korrelationen zu Fettleibigkeit bei Kindern sind politisch nicht korrekt. Sehr simpel ausgedrückt: Dicke, arme, ausländische Mütter haben dicke Kinder.»

Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler

«Das ist totaler Zynismus», sagt Lustig. «Die Pharmabranche gewinnt, die Patienten verlieren.» In seinem Buch «The Hacking of the American Mind» (Die Manipulation des amerikanischen Verstands) kritisiert er die Behauptung, dass Fettkonsum zu Übergewicht und früher oder später zu verstopften Arterien führe. Sie sei gleich doppelt falsch: «Erstens wissen wir inzwischen, dass es der Zucker ist, der uns dick macht. Nicht in erster Linie der Zucker in Früchten und Knollen, den die Menschen immer schon gegessen haben, sondern der Zucker, der überall dazugegeben wird und an dessen Geschmack wir schon kleine Kinder gewöhnen.» 

Fett ist nicht gleich Fett

Zweitens sei unklar, ob dicke Menschen wegen ihres Gewichts an Diabetes erkranken oder Herzinfarkte erleiden. Es gebe zwar eine Korrelation, eine zahlenmässige Parallele. Aber keinen ursächlichen Zusammenhang. «Eine Korrelation ist keine Kausalität. Es gibt Länder mit extrem vielen übergewichtigen Menschen, wo aber die Quote der sogenannten metabolischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes extrem niedrig ist. Und es gibt Länder, in denen diese Krankheiten zwar verbreitet sind, aber praktisch niemand übergewichtig ist – Indien, Pakistan oder China.»

Fett ist aber nicht einfach Fett, es gibt mindestens sieben verschiedene Fette. Manche sind gesund, etwa Omega-3-Fettsäuren. Sie schützen vor Herzkrankheiten. Transfette dagegen sind verheerend für die Gesundheit. 

Ein mächtiger Gegner

Wer gegen die Zuckerindustrie antritt, hat es schwer. Vor 45 Jahren schrieb der britische Ernährungsforscher John Yudkin im Buch «Pur, weiss, tödlich»: «Wenn nur ein Bruchteil dessen, was wir über seine Schädlichkeit wissen, an die Öffentlichkeit gelangt, müsste Zucker sofort verboten werden.» Das Buch verkaufte sich gut, aber Yudkin zahlte einen hohen Preis. «Prominente Wissenschaftler taten sich mit der Ernährungsindustrie zusammen und zerstörten seinen Ruf», schreibt der britische Journalist Ian Leslie. «Yudkin starb 1995 als enttäuschter, in Vergessenheit geratener Mann.» 

Als Lustig Yudkins Buch entdeckte, dachte er: «Meine Güte. Dieser Typ war mir 35 Jahre voraus.» 40 Jahre lang hiess es, man dürfe nicht zu viele Fette konsumieren. «Nahrungsfett macht fett und krank», hiess es. Also assen wir Reis und Kartoffeln statt Fleisch und Fisch, tranken Orangensaft statt Milch, und zum Frühstück gabs Müesli statt Spiegeleiern mit Speck. Schliesslich will ja niemand an einem Herzinfarkt sterben.

Die Zuckerlobby hat gewonnen

Schweizer Hersteller dürfen geheimhalten, wie viel Zucker in einem Lebensmittel steckt. Der Bundesrat hat eine geplante Deklarationspflicht beerdigt.

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US-Präsident Dwight Eisenhower hatte 1955 einen Herzinfarkt. Statt den Vorfall unter den Teppich zu wischen, ging er an die Öffentlichkeit und propagierte die neue Ernährung: weniger Fett und Cholesterin. Die Amerikaner folgten seinem Rat. 1969 starb Eisenhower. Es war das Herz.

Fett, argumentierte der verkannte John Yudkin, steht seit der ersten Stunde auf dem Speiseplan der Menschen. Kohlenhydrate sind erst vor 10'000 Jahren dazugekommen, mit dem Beginn der Landwirtschaft. Zucker in seiner reinen Form, ohne Ballaststoffe und sonstige Nährwerte, haben wir erst seit 300 Jahren auf dem Teller. Was, folgerte Yudkin, macht den modernen Menschen wohl krank? Etwas, was er isst, seit es ihn gibt? Oder etwas, was vor relativ kurzer Zeit neu auf den Speiseplan kam?

Zucker steckt inzwischen in allem

Der deutsche Verein Foodwatch sieht das ähnlich. Er möchte die Konsumenten davor schützen, dass «die Nahrungsmittelindustrie der Politik die Spielregeln diktiert». «Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabakkonzerne: Mit Falschaussagen werden die Gefahren der Produkte verschleiert und unliebsame politische Initiativen verhindert. Jetzt lügt die Lobby sogar Abgeordnete des Deutschen Bundestags an, um ihr Geschäftsmodell zu verteidigen», sagt Oliver Huizinga, der bei Foodwatch die Recherche leitet. 
Der Verein kritisiert, dass in der Debatte um Zucker und seine gesundheitlichen Auswirkungen zahlreiche Mythen verbreitet werden.

Einen Mythos hat schon John Yudkin entlarvt. Angeblich braucht jeder Mensch Zucker. Tatsache ist, dass das Gehirn eine bestimmte Menge an Glukose benötigt. Die kann der Körper aber selber herstellen. Wenn das nicht so wäre, hätte die Evolution eine andere Wendung genommen. Denn der Mensch hat erst seit 10'000 Jahren das ganze Jahr Zugang zu Zucker.

Natürlich ist Zucker nicht per se schlecht. Vor allem nicht derjenige, den Menschen schon immer konsumiert haben, in Früchten und stärkehaltigem Gemüse. Doch inzwischen steckt Zucker in allem. 

«Die Zuckerindustrie verhält sich wie früher die Tabakkonzerne: Sie verschleiert die Gefahren der Produkte mit Falschaussagen.»

Oliver Huizinga, Foodwatch

Eine Packung amerikanisches «Beef Jerky» etwa, laut Aufdruck «mageres Rindfleisch», enthält meist mehr Kohlenhydrate als Proteine. Auch bei vielen deutschen Produkten steht Zucker an zweiter Stelle der Inhaltsstoffliste. In der amerikanischen Version ist das Fleisch in Kornsirup gebadet.

Auch Cornflakes enthalten schwindelerregende Mengen Zucker. Die Sorte «Raisin Bran», als besonders gesund angepriesen, besteht fast ganz aus Kohlenhydraten, ein Drittel ist reiner Zucker. Das ist weit mehr, als in den in einen Zuckermantel gehüllten Rosinen steckt, die den Flocken beigemischt sind.

Wenn Yudkin und Lustig recht haben, ist das ein dickes Geschäft: Kinder lieben die süssen Flocken, Eltern kaufen sie, weil sie dem Nachwuchs etwas Gutes tun wollen. Die Pharmaindustrie bedankt sich und verkauft weiter Cholesterinsenker ohne Ende. An den Dicken und Kranken verdient eine ganze Megaindustrie. 

Die einzigen Verlierer sind die Patienten – und die Belogenen, die sich alle Mühe geben, gesund zu leben – und das Gegenteil davon tun.

Der deutsche Ernährungswissenschaftler Uwe Knop teilt diese Ansicht, warnt aber vor Verallgemeinerungen. «Es gibt keine Studien über Ernährung, die allgemeingültige Kausalzusammenhänge aufzeigen könnten – und es wird sie auch nie geben.» Und so wehrt sich Knop dagegen, einfach den Sündenbock Fett durch den Sündenbock Zucker zu ersetzen. 

Es gibt nicht nur einen bösen Buben

«Man will dem Volk immer einen bösen Buben fürs Schafott präsentieren – schaut her, wir haben ihn! Die Rehabilitation des Fetts geht in die Endphase, und damit geht das Zucker-Bashing los.» Man werde aber niemals beweisen können, dass ein einzelner Stoff zu Herzinfarkten, Diabetes oder gar Krebs führe. «Das ist plumper Populismus. Es ist alles nicht so einfach, sondern multikausal, durch mehrere Faktoren verursacht.»

Die Panikmache gegen Zucker nehme inzwischen absurde Formen an. «Die Weltgesundheitsorganisation will den Zuckerkonsum so stark reduzieren, dass eine normalgewichtige Frau nicht einmal mehr eine Dose Cola pro Tag trinken dürfte.» Auf eine Stellungnahme der WHO dazu wartet der Beobachter seit Wochen. 

Das Schweigen scheint System zu haben. Uwe Knop verlangt von der WHO seit gut zwei Jahren die Originalpublikation, die dazu führte, dass sie 2015 Wurst als krebserregend einstufte. «Ich werde vertröstet.» Ist die WHO etwa ratlos? 

Antworten sind ja auch schwierig: Wenn weder Fett noch Zucker dick und krank machen, was ist es dann? «Die klarsten Korrelationen, zum Beispiel zur Fettleibigkeit von Kindern, sind leider politisch nicht korrekt», sagt Knop. «Das sind der Body-Mass-Index der Mutter, der sozioökonomische Status und ein Migrationshintergrund. Sehr simpel ausgedrückt: Dicke, arme, ausländische Mütter haben dicke Kinder. Aber das dürfen Politiker, die wiedergewählt werden wollen, natürlich nicht laut sagen.»

Auch der Amerikaner Robert Lustig hält wenig von der Aussage, dass Zucker allein zu Übergewicht führe. «So einfach ist es nicht.» Aber noch schlimmer findet er die simple Gleichung, Übergewichtige seien faule Fresssäcke. Die Frage nach Ursache und Wirkung sei nicht beantwortet: «Was, wenn der Zuckerkonsum die Menschen so krank und müde macht, dass sie sich nicht mehr bewegen wollen oder können?»

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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