Zum Frühstück probiotisches Joghurt, das die Verdauung reguliert, Müesli mit Kalzium, das die Knochen stärkt, und Margarine mit Pflanzensterinen, die den Cholesterinspiegel senkt. Zum Mittagessen Eier mit Omega-3-Fettsäuren für ein tiefes Herzinfarktrisiko und zwischendurch ein kleiner Fruchtsaft mit den Vitaminen A, C und E, die vor den freien Radikalen schützen: Die Nahrungsmittelindustrie bietet laufend neue Produkte an, die Gesundheit, Fitness und Wohlbefinden versprechen und den Konsumenten als «gesunde Trendlebensmittel» schmackhaft gemacht werden. Sie sollen vor Herzinfarkt schützen, Knochen und Immunsystem stärken, den Darm in Schwung halten oder gescheit machen. Ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, allen wird versprochen: Gesundheit ist essbar.

Eine Frage der Interpretation

Doch was sind dies für Produkte, die unter dem Oberbegriff Functional Food - auf Deutsch «funktionelle Lebensmittel» - zusammengefasst werden? Und wie sinnvoll sind sie? Was sich in den Verkaufsregalen tummelt, ist schwierig einzuordnen. Schon bei einer allgemeingültigen Definition von Functional Food scheitert man - sie existiert nicht.

Fest steht, dass es sich um Lebensmittel handelt, die mit einem zusätzlichen Inhaltsstoff angereichert sind und einen positiven Effekt auf die Gesundheit haben sollen. Zum Beispiel Kalzium zur Vorbeugung von Knochenschwund, Vitamine zur Förderung des Stoffwechsels und speziell gezüchtete Milchsäurebakterien, die das Immunsystem stärken und Magen-Darm-Krankheiten vorbeugen sollen - mit Betonung auf «sollen». Denn so schwammig der Begriff, so umstritten ist der Nutzen dieser Lebensmittel.

Was die Werbung verspricht, ist wissenschaftlich meist nicht erwiesen: Die Nahrungsmittelindustrie, allen voran Unilever, Nestlé und Emmi, stützt sich bei der Vermarktung ihrer Produkte auf - teils im Haus verfasste - Studien, die die Wirksamkeit der einzelnen Nährstoffe belegt haben. Studien, deren Wissenschaftlichkeit auch nicht angezweifelt werden. Doch: Die Interpretation der Resultate ist ein Thema für sich.

So mag zwar bei einem isolierten Nahrungsbestandteil die Wirkung wissenschaftlich erwiesen sein - etwa bei den Milchsäurebakterien. Ob diese Wirkung aber in der zusammengesetzten Form des Produkts, das schliesslich in den Verkauf gelangt, ebenfalls besteht und längerfristig einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat, ist offen. Dafür fehlen die Studien. Unumstritten ist, dass eine Beziehung zwischen Ernährung und Gesundheit existiert. Doch für die Forschung ist diese ein höchst komplexes Verhältnis mit unzähligen Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt. So kommt es nicht nur auf die Ernährung an, sondern auf den einzelnen Menschen, seinen spezifischen Stoffwechsel sowie seine Lebensumstände.

Fazit: Es ist unklar, ob der Konsum cholesterinsenkender Margarine wirklich einem Herzinfarkt vorbeugt oder der Konsum von kalziumangereicherter Milch den Knochenschwund verhüten kann.

Was heisst dies für die Konsumenten?

Zwar mag für einzelne Personengruppen Functional Food sinnvoll sein - etwa mit Folsäure angereicherte Lebensmittel für Frauen im gebärfähigen Alter, da Folsäure schwerwiegende Fehlbildungen beim Fötus verhüten hilft. Doch ansonsten meint Marion Wäfler, Ernährungsberaterin bei der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE: «Wer sich ausgewogen und abwechslungsreich ernährt, bekommt durch die Nahrung genug Nährstoffe und ist nicht auf Functional-Food-Produkte angewiesen.» Ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung heisst, unter anderem täglich fünf Portionen Gemüse und Früchte zu konsumieren. Zudem unterstützen regelmässige Bewegung und Entspannung einen gesunden Lebensstil. Doch oft scheint der Griff nach Functional Food einfacher. Nur: «Ungesunde Ernährungsgewohnheiten können auf Dauer kaum mit Functional-Food-Produkten wettgemacht werden», so Wäfler.

Angesichts der umstrittenen Wirkung kann man sich fragen, ob eine gezielte Ernährung nicht sinnvoller und günstiger wäre: etwa ein frischer Saft aus Apfel, Birne und Karotte anstelle eines ACE-Getränks, eine Handvoll Nüsse und ein Löffel Leinsamen oder ein geraffelter Apfel in einem Joghurt anstelle der mit Nahrungsfasern angereicherten Milchprodukte.

Das Bundesamt für Gesundheit hat für funktionelle Lebensmittel festgelegt, dass sie zu den Speziallebensmitteln gehören und bewilligt werden müssen. In der Werbung dürfen sie nicht als Heilmittel angepriesen werden. Erlaubt ist beispielsweise für die Milch: Kalzium ist notwendig für den Aufbau und den Erhalt von Knochen und gesunden Zähnen. Nicht erlaubt jedoch: Milch schützt vor Osteoporose.

Anzeige

Halbe Ration zum doppelten Preis

Doch wer bemerkt solche Spitzfindigkeiten oder achtet auf derartige Nuancen? Der Lebensmittelmarkt reagiert immer auch emotional und die Bevölkerung ist punkto Ernährung zum Teil verunsichert, nicht zuletzt weil beinahe täglich neue Ernährungstipps zu lesen sind, teilweise mit widersprüchlichen Aussagen.


Die Werbung für Functional Food spielt mit diesen Emotionen, nicht zuletzt auch mit der Unsicherheit - wer will nicht gesund und fit bleiben? So bewegt sich die Werbeindustrie oft in der Grauzone des Erlaubten, was die Beanspruchung und die Aufmachung des Produkts anbelangt. Die EU hat Abhilfe geschaffen: Am 14. Dezember 2012 ist die Health-Claims-Verordnung in Kraft getreten, die Werbung mit nicht belegten gesundheitlichen Wirkungen stark einschränkt.

Die Nahrungsmittelindustrie findet immer neue Wege, das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung für höheren Umsatz zu nutzen. Sie lanciert mittlerweile Produkte, die nicht als Functional Food gelten, da ihnen keine Nährstoffe zugesetzt sind. Sie versprechen aber ebenfalls Gesundheit pur: Hoch im Kurs sind Fläschchen mit einer Gemüse-Fruchtsaft-Mischung. Wer diese trinkt, so verspricht die Werbung, hat schon die Hälfte der täglich empfohlenen Obst-Gemüse-Ration zu sich genommen. Was ja löblich ist. Nur: Es ist nichts weiter als der Saft eines Apfels, zweier Karotten und zweier Erdbeeren.

Zusatz: Mikroorganismen, meist Milchsäurebakterien
Werbung: aktiviert die Abwehrkraft, stärkt die Verdauung
Befund: Es gibt verschiedene Milchsäurebakterien, die den Milcherzeugnissen wie Joghurt und Drinks beigemischt werden. Forscher der Universität Wien haben die Wirkung eines probiotischen Joghurtdrinks mit der eines konventionellen Naturjoghurts verglichen. Je 15 junge Frauen assen während eines Monats entweder Naturjoghurt oder probiotisches Joghurt. Resultat: Beide Joghurtarten stimulieren nachweislich das Immunsystem - ein deutlicher Vorteil des probiotischen Joghurts gegenüber dem konventionellen zeigte sich jedoch nicht. Zudem verzeichnen die probiotischen Produkte allgemein einen hohen Zuckeranteil (bis zu zehn Prozent), Naturjoghurt hingegen nicht.
Tipp ohne Zusatz: Es muss nicht probiotisch sein. Drei Portionen Milchprodukte pro Tag tragen zu einer optimalen Calciumversorgung bei, eine Tatsache, die ausreichend für den Konsum von «normalen» Joghurt spricht.

Anzeige


Zusatz
: Vitamine A, C, E
Werbung: schützt vor freien Radikalen
Befund: Gerade bei den mit Vitaminen angereicherten Lebensmitteln ist Vorsicht angebracht. Nicht alle Vitamine bauen sich im Körper gleich schnell ab. Während die wasserlöslichen Vitamine wie C und B rasch über die Niere ausgeschieden werden, speichert der Körper die fettlöslichen A und E. Eine Vitamin-Überversorgung kann die Folge sein. Die Menge der zugesetzten Vitamine ist oft schwer kontrollierbar. Viele Studien haben zudem gezeigt, dass isolierte Vitamine, angereichert im Saft oder in Pillenform, nicht so wirken wie im natürlichen Verbund mit Lebensmitteln. Und zu guter Letzt: Generell steckt in den Fruchtsäften viel Zucker und Wasser - und nur ein geringer Anteil an Frucht.
Tipp ohne Zusatz: Täglich fünf Portionen Früchte und Gemüse essen. Oder die Früchte und Gemüse gelegentlich zu Smoothies verarbeiten.

Zusatz: Omega-3-Fettsäuren
Werbung: gut fürs Gehirn, gut fürs Herz
Befund: Omega-3-Fettsäuren gehören zu den mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Diese lebensnotwendigen Fettsäuren können vom Körper nicht selbst hergestellt werden. Sie müssen daher über die Nahrung aufgenommen werden. Im Körper haben die Omega-3-Fettsäuren gefässverengende und gefässerweiternde Eigenschaften - sie fördern die Hirnleistung, da sie allgemein die Durchblutung steigern und dadurch auch die Sauerstoffversorgung des Gehirns verbessern. Aus demselben Grund sind sie auch für Herz und Kreislauf wichtig. Wichtigster Lieferant für Omega-3-Fettsäuren sind Kaltwasserfische wie Lachs, Thunfisch, Hering und Makrele. Auch Raps-, Soja- oder Leinöl enthalten Omega-3-Fettsäuren.
Tipp ohne Zusatz: Raps- oder Sojaöl verwenden sowie regelmässig Fisch, vorzugsweise Meeresfisch, essen.

Anzeige

Zusatz: Magnesium, Kalzium
Werbung: stärkt die Knochen
Befund: Mineralstoffe erfüllen im Körper für Wachstum und Gesundheit unentbehrliche Funktionen. Ein grosser Teil des Kalziums etwa befindet sich in Knochen und Zähnen und verleiht diesen Stabilität. Die Dosierung von zugesetzten Mineralstoffen lässt sich vom Konsumenten kaum kontrollieren. Zudem werden auch Bonbons und Süsswaren mit Mineralstoffen (und Vitaminen) versetzt, so dass der Anschein erweckt wird, deren Verzehr sei gesundheitsfördernd. Magnesiumreich sind vor allem Samen und Nüsse sowie Vollkorn- und Milchprodukte. Hauptlieferant des Kalziums sind Milchprodukte, allen voran Hartkäse und Milch. Mineralwasser enthält zudem Mineralstoffe wie Kalzium und Magnesium. Ebenso unser Leitungswasser.
Tipp ohne Zusatz: Täglich Milchprodukte konsumieren sowie Vollkornprodukte, Gemüse und Obst.