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LebensmittelDas Wegwerf-System

Alle tun es: Bauern, Detailhändler und Konsumenten werfen tonnenweise einwandfreie Esswaren in den Müll. Ein Wahnsinn, der Milliarden kostet – und letztlich auch Menschenleben.

Im Bemühen, den Kunden das ganze Jahr Ware anzubieten, die möglichst perfekt aussieht, haben Industrie und Handel detailliert normiert, wie ein in ­freier Natur gewachsenes Produkt auszu­sehen hat.
von und

Regale voller Schlemme­reien warten Anfang Januar bei karitativen Lebens­mittel­a­bgabe­stellen wie «Tischlein deck dich» auf Bedürftige. Das ist die gute Seite der Verschwendungssucht unserer Gesellschaft, die über die Festtage jeweils ihren Höhepunkt ­erreicht. Die schlechte Seite: Ganze Lastwagen­ladungen nicht verkaufter Nahrungsmittel ergiessen sich in die Öfen von Verbrennungsanlagen, Konsumenten kippen Berge von abgelaufenem Schinken und verwelktem Salat in den Abfallsack, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr.

Verrückt daran: Jeder der Beteiligten handelt, für sich allein betrachtet, durchaus rational und zumeist ökonomisch sinnvoll. Der Bauer, der einwandfreies Gemüse nicht erntet, sondern gleich wieder unterpflügt. Der Detailhändler, der un­verkaufte Ware in die Mülltonne kippt. Der Konsument, der vergammelte Fertigpizzas wegwirft, weil er doch häufiger auswärts gegessen hat als beim Einkauf gedacht. Niemand ist «schuld», und trotzdem verschwendet dieser Kreislauf insgesamt ­betrachtet Millionen von Tonnen bester Lebensmittel und kostet Milliarden.

Modellmasse für Kartoffeln

Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch ­Methode. Die beginnt schon ganz am Anfang der Produktionskette. Fredy Umbricht nimmt das Quadratmass zur Hand. Der Ge­müsegärtner aus Untersiggenthal AG prüft damit, ob er seine frisch geernteten Kartoffeln überhaupt absetzen kann. Einen Durchmesser von maximal 75 Millimetern darf eine Kartoffel der Sorte «Victoria» haben. Ist sie grösser, schafft sie es nie in ein Supermarktregal. Obwohl sie einwandfrei ist, nur eben ein bisschen zu gross.

Im Bemühen, den Kunden das ganze Jahr Ware anzubieten, die möglichst gleich und vor allem möglichst perfekt aussieht, haben die Verarbeitungsindustrie und der Handel detailliert normiert, wie ein in ­freier Natur gewachsenes Produkt auszu­sehen hat. Allein das vom Schweizer Obstverband und von der Handelsorganisation Swisscofel erarbeitete Formular 3.1.1, «Normen und Vorschriften für Tafeläpfel», umfasst 19 Seiten. Cherrytomaten dürfen maximal 30 Millimeter dick sein, eine Essiggurke muss mindestens sechs, darf aber höchstens zwölf Zentimeter lang sein, ein Fenchel zwischen 150 und 400 Gramm wiegen, und eine Karotte muss einen Farbsensor passieren, der misst, ob das Rüebli den richtigen Orangeton hat. Normiert bei frischem Obst und Gemüse sind je nach Sorte Grös­se, Länge, Durchmesser, Form, Gewicht, Krümmung, Färbung, Glätte, Gleichmässigkeit, Frischegrad, Prallheitsgrad, Süsse, Reifegrad sowie zugelassene Form- und Farbfehler, Druckstellen, Frostschäden, Hautrisse und Schalenflecken.

Was nicht der Norm entspricht, endet im besten Fall als Tierfutter, im schlechtesten Fall wird es gar nicht erst geerntet, ­sondern gleich wieder umgepflügt, oder es verrottet im Keller. «Natürlich finde ich das absurd», sagt Gemüsegärtner Umbricht, «aber als Produzent bin ich abhängig von den Abnehmern.» Dabei ist er vergleichsweise vorbildlich – die zu grossen oder zu kleinen Kartoffeln etwa kann er teilweise einem Gastronomiebetrieb verkaufen, unverkäufliche Salate gibt er als Hasenfutter ab. In Umbrichts Hofladen hingegen geht ebenfalls fast nur perfekte Ware über den Tisch. «Es braucht noch viel Zeit, bis die Leute kulanter werden und auch mal einen Blumenkohl kaufen, der nicht schneeweiss ist», beobachtet Fredy Umbricht.

Am anderen Ende der Lebensmittel­kette sieht es nicht viel besser aus. Mehr als 20 Prozent aller gekauften Lebensmittel werden im Haushaltsmüll entsorgt, ergab eine Befragung von Konsumenten in mehreren europäischen Ländern. Ein Drittel aller verpackt gekauften Lebensmittel landet gar ungeöffnet, gänzlich unberührt im Müll. Häufigste Gründe sind mangelnde Planung (man kauft ein, ohne zu wissen, was und wie oft man kochen will) und ­falsche Aufbewahrung. In Grossbritannien, wo die Verschwendung besonders gross ist, wenn man der Statistik glaubt, sind das 4,4 Mil­lio­nen Äpfel, 1,3 Millionen ungeöffnete Joghurtbecher, 700'000 Tafeln Schokolade und 440'000 Fertiggerichte – jeden Tag.

Gleich alt, gleich frisch – doch die «hässliche» Kartoffel will der Zwischenhändler nicht.
Quelle: Sonderegger / Cortis

Noch nie war Nahrung so billig für uns

Das Überangebot verführt dazu, mehr zu kaufen, als man braucht. Dabei spielt die Psychologie eine wichtige Rolle. Es beruhigt, so viel im Kühlschrank zu haben, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein und Gäste nie hungrig heimschicken zu müssen. Billig ist das Essen sowieso: Noch nie gaben Herr und Frau Schweizer so ­wenig Geld aus für Nahrungs­mittel, gerade noch sieben Prozent des Einkommens (ohne ­Alkoholisches und Restaurantbesuche). Vor 100 Jahren belief sich dieser Budgetposten noch auf 41 Prozent. Kein Wunder, haben wir verlernt, mit Resten vernünftig umzugehen – dabei wäre es mit ein paar Tricks so einfach (siehe Artikel zum Thema Haltbarkeit von «Lebensmitteln: Das Beste für Reste»).

Zwischen Konsumenten und Produzenten steht der Handel. Nur zwei bis fünf Prozent der Lebensmittelverschwendung passiere auf Stufe der Detailhändler, sagen Coop und Co. Will heissen: Die anderen sind schuld. Aber selbst diese vermeintlich kleinen Mengen türmen sich zu Matterhörnern. 100'000 Tonnen organische Abfälle sind es allein bei Migros jedes Jahr. Zieht man Produktionsabfälle in den Migros-­Industriebetrieben ab, sind es immer noch 15'000 Tonnen abgelaufene Lebensmittel, Rüst- und Grün­abfälle sowie Speisereste aus den Restaurants. Obst und Gemüse macht davon rund die Hälfte aus, Brot 20 Prozent, denn diese Warengruppen werden – anders als etwa Fleisch kurz vor Ablauf der Verkaufsfrist – nicht zu reduzierten Preisen angeboten. Warum nicht? «Erfahrungen zeigen, dass Früchte und Gemüse, das nicht mehr allzu frisch aussieht, von den Kunden nicht mehr gekauft wird», sagt Migros-Sprecherin Monika Weibel.

Stattdessen landet es im Müll, genau wie der Sechserpack Eier, bei dem nur ein einziges Ei kaputtgegangen ist. Für den Grossverteiler ist es viel teurer, in der Filiale ein Ei zu ersetzen, als die ganze Schachtel wegzuwerfen. Nur in der Werbung legen die Hühner die Eier gleich im Laden.

Von dieser Wegwerfmentalität leben die «Freeganer», umweltengagierte Menschen, die einwandfreie Lebensmittel aus Abfalltonnen der Supermärkte klauben – nicht weil sie sich den Einkauf nicht leisten könnten, sondern um gegen die Verschwendung zu protestieren. Seit Jahren bekennender Freeganer ist der britische Journalist und Öko­aktivist Tristram Stuart. Im Buch «Für die Tonne. Wie wir unsere Lebensmittel verschwenden» mahnt er die Supermärkte, sie seien für wesentlich mehr verantwortlich als nur für den Müll hinter ihren Läden.

Nahrungsmittel in Europa: Ein riesiger Anteil wird zu Ausschussware

Erschreckend: Nur 32 Prozent der gesamten Kartoffelproduktion landen im Magen der Konsumenten, über zwei Drittel gehen verloren. Die Welternährungsorganisation der Uno (FAO) hat 2011 ermittelt, wo in der Versorgungskette von Lebensmitteln die Verluste entstehen.*

Infografik
Quelle: Beobachter/Daniel Röttele

Die Händler sagen, was noch frisch ist

In der Tat schieben die Detailhändler die Verantwortung einfach auf andere ab: auf die Produzenten – doch selbst die Zitronen für die Billiglinien von Coop und Migros müssen der genormten Güteklasse 1 entsprechen. Und auf die Käufer, die aber mit viel zu knapp kalkulierten Haltbarkeits­daten in die Irre geführt werden. Umfragen belegen, dass Konsumenten viel mehr Lebensmittel wegschmeissen als nötig, weil sie den Unterschied zwischen Verbrauchs- und Mindesthaltbarkeitsdatum nicht kennen. Ersteres gilt für rasch verderbliche Ware wie Hackfleisch – es sollte nach dem aufgedruckten Datum nicht mehr gegessen werden. Letzteres hingegen ist eine Qualitätsgarantie: Bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum ist das Produkt so wie versprochen – man kann es aber darüber hinaus noch tage- oder wochenlang gefahrlos essen. Zudem werden selbst Nahrungsmittel datiert, die bei richtiger Lagerung gar nicht verderben können, etwa Zucker.

So oder so – entgegen der landläufigen Meinung bestimmt nicht der Staat, sondern der Handel selbst, wie lange Sushi, Schinken oder Schwarzwurzeln haltbar sein sollen. Genauso wie der Handel auch bestimmt, wie die Gurken aussehen müssen. Die EU hat die legendäre Gurkennorm – pro zehn Zentimeter Länge durfte eine Gurke höchstens zehn Millimeter gekrümmt sein – anno 2009 abgeschafft. Sind die Gurken in den Läden seither krummer geworden? Nein, sonst würden sie nämlich nicht in die Transportkisten passen.

Die Detailhändler wehren sich dagegen, in diesem Spiel den Schwarzen Peter zu­geschoben zu erhalten. «Zum Beispiel wol­len die Kunden heute bis Ladenschluss frisches Brot», argumentieren sie. Öfen in den Filialen sollen helfen, dieser Er­wartung zu entsprechen, ohne mehr wegwerfen zu müssen. Dennoch bleiben allein bei Mi­gros und Coop pro Jahr mindestens 5500 Tonnen frisches Brot unverkauft; es wird als Tierfutter an ­Bauern abgegeben. Zudem trocknet industriell hergestelltes Brot schneller aus: Der Kunde wird es zu Hause rascher entsorgen und – den Supermarkt freuts – ein neues kaufen.

Was nicht als Tierfutter verwendet wird, landet in der Kehrichtverbrennung oder in der Vergärungsanlage, wo aus den Abfällen Treibstoff entsteht. 44'000 Kilogramm Biogas sei aus Coop-Abfällen im Jahr 2010 entstanden, damit hätten die Coop-Lastwagen 180'000 Kilometer weit fahren können, rechnet die Pressestelle vor.

Zu unförmig und zu gross: Das Rüebli rechts kommt nicht in den Laden.
Quelle: Sonderegger / Cortis

Essen: Weltweit landet ein Drittel im Müll

Dagegen landet nur ein kleiner Teil der unverkauften Ware bei karitativen Organisa­tionen wie «Schweizer Tafel» oder «Tischlein deck dich», pro Jahr etwa 5000 Tonnen – das ist zwar nur ein Bruchteil der unverkauften Ware, reicht aber für fast 25 Millionen volle Teller. Ein Freiwilligenheer sorgt dafür, dass die Ware rasch zu den Bedürftigen gelangt. Der Sozialdienst, die Kirchgemeinde oder eine Beratungsstelle entscheidet, wer bezugsberechtigt ist. In der Regel sind es Alleinerziehende, Niedriglohnempfänger, Grossfamilien, IV-Bezüger. Sie bezahlen pro Einkauf einen symbolischen Betrag von einem Franken. Die Nachfrage steigt: «Tischlein deck dich» eröffnet Anfang 2012 vier weitere Abgabestellen in Ilanz, Einsiedeln, Laufen und Frutigen.

Was im Kleinen ansatzweise funktioniert, versagt im Grossen. In Europa ent­stehen pro Kopf und Jahr rund 280 Kilo ­vermeidbarer Lebensmittelmüll. Das heisst allein für die Schweiz 2,2 Millionen Tonnen oder 55'000 vollbeladene Lastwagen. Die Autobahn von Basel nach Chias­so müsste durchgehend auf vier Spuren ausgebaut werden, damit all diese 40-Tönner neben- und hintereinander Platz hätten. Weltweit verwandelt sich jährlich ein Drittel der gesamten Nahrungsmittelproduktion in Abfall, also 1,3 Milliarden Tonnen, schätzt die Uno-Welternährungsorganisation (FAO).

Natürlich kann sich die Milliarde weltweit hungernder Menschen nicht von den verschmähten Tomaten hinter dem Mi­gros-Markt in Oberwinterthur ernähren – dennoch gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verschwendung in industrialisierten Ländern und dem Welthunger, schreibt Tristram Stuart. Die Millionen Tonnen Soja und Weizen, die es braucht, um das Fleisch herzustellen, das wir letztlich wegwerfen, kaufen wir auf demselben Weltmarkt wie die Menschen in Pakistan oder Afrika. Wenn wir die Nachfrage unnötig in die Höhe treiben, drängt der Preisdruck diese Menschen aus dem Markt.

Lebensmittel seien zu einer x-beliebigen Ware wie Nägel oder Velos geworden, kritisiert auch Thomas Gröbly, Ethikdozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Ex-Landwirt. «Darum werden Nahrungsmittel auch bedenkenlos an der ­Börse gehandelt, obwohl es ein Menschenrecht auf Nahrung gibt.» Die Möglichkeit, damit Geld zu verdienen, sei wichtiger geworden als die Versorgungssicherheit.

Stiellos, klein und ungleichmässig – aber genauso gut wie eine schöne Peperoni.
Quelle: Sonderegger / Cortis

«Kolonialistische Tradition» auch bei uns

Hierzulande kümmert uns das nicht, denn «die immer tieferen Preise für Lebensmittel haben zu einer Abwertungsspirale geführt», so Gröbly, «man hat das Gefühl, es müsse immer noch billiger werden. Niemand regt sich über die teuren Handyabos auf, aber zehn Rappen mehr fürs Joghurt gelten schon als Frechheit.» Dass dies auf Kosten anderer geht, führt Gröbly auf eine «kolonialistische Tradition» zurück, selbst wenn die Schweiz gar nie eine Kolonialmacht war: «Wir empfinden es nicht als Unrecht, dass wir auf Kosten anderer leben, ebenso wenig wie es uns stört, dass wir das Klima stärker belasten als andere.»

Manche stört es doch. Das besonders verschwendungssüchtige Grossbritannien hat eine Kampagne lanciert, damit die Bevölkerung nicht mehr gar so viel Essbares wegschmeisst, in Deutschland will die zuständige Ministerin künftig Kindergärtlern und Schulkindern mehr Wertschätzung für Lebensmittel beibringen. Die Schweiz hingegen setzt auf Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Gemüsebauer Fredy Umbricht hat sie schon. Die nicht verkauften Tomaten der letzten Saison hat er zu Sugo ver­arbeitet und eingefroren.

Veröffentlicht am 16. Januar 2012