Monica Fanti lächelte nicht, als sie oben ohne vor der Kamera stand und Chirurg Jian Farhadi Fotos ihrer Brüste schoss. Von vorn, von der rechten Seite, von links. Fotos jenes Organs, um das sich ihr Leben seit zehn Jahren dreht. 2010 hatte Monica Fanti die Diagnose Brustkrebs bekommen. 

Seither wurde sie dreimal operiert, ihre Brüste wurden entfernt. 2015 setzte ihr Farhadi Implantate ein. Im Dezember 2019 mussten sie in einem vierten Eingriff wieder herausoperiert werden, weil sich eine Kapselfibrose darum gebildet hatte. Verhärtetes Narbengewebe, das auf die Silikonkissen drückt und Schmerzen in der Brust verursacht. «Die Kapselfibrose habe ich vor zwei Jahren entdeckt, als ich mit der Hand über meine Brust fuhr. Sie fühlte sich unnatürlich an», sagt die 52-Jährige. «Im vergangenen Sommer wurden die Schmerzen unerträglich. Ich wusste nicht mehr, wie ich liegen oder mich bewegen sollte.»

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Die Kapselfibrose ist eine natürliche Reaktion des Körpers auf Fremdkörper. Bei Brustvergrösserungen gehört sie zu den häufigsten Komplikationen, jede zehnte Patientin ist betroffen.

Schmerzen sind nicht zu sehen

Die Kosten für die Entfernung von Implantaten bei Brustkrebspatientinnen werden von den Krankenkassen übernommen. Deshalb stellte Chirurg Farhadi vor der Operation ein Gesuch um eine Kostengutsprache. Das ist üblich. Und: Er nahm eben die Fotos von Monica Fantis Brüsten auf – ohne Auftrag der Krankenkasse, aber zur Absicherung. «Damit ich sie einreichen könnte, wenn die Versicherung danach verlangt hätte», sagt er.

Denn: Vertrauensärzte von Krankenkassen verlangen immer öfter Fotodokumentationen der Patienten – auch bei Brustkrebs. «Dieses Prozedere hat in den letzten fünf Jahren enorm zugenommen», sagt Farhadi, ein renommierter Arzt auf dem Gebiet der Brustchirurgie. «Im Schnitt müssen wir bei jeder dritten Patientin Bilder einreichen. Und das, obwohl ich den Krankenkassen immer wieder erkläre, dass man zum Beispiel die Beschwerden einer Kapselfibrose in den meisten Fällen nicht sieht.»

Oft sei die Zeit zu knapp, eine Patientin unmittelbar vor der Operation noch einmal aufzubieten. Deshalb machten er und sein Team der Plastic Surgery Group die Bilder präoperativ. Das sei mittlerweile Standard.«Wir werden in diesen Belangen von den Versicherungen in die Enge getrieben», sagt Farhadi. «Hätten wir die Aufnahmen nicht griffbereit, wenn eine Versicherung die Übernahme der Kosten verweigert Krankenkasse Was, wenn die Kasse nicht zahlt? , gingen wir das Risiko ein, dass die Operation abgesagt werden muss – und die Frauen weiterhin Schmerzen hätten. Und das wollen wir unbedingt verhindern.»

Monica Fantis Krankenversicherung, die Progrès, hatte die Fotos nicht verlangt. «Es ist üblich, dass wir in solchen Fällen einen Vertrauensarzt beiziehen, bei plastischer Chirurgie wird üblicherweise auch eine Fotodokumentation verlangt», heisst es bei der Progrès. «Jedoch nicht bei einer schmerzhaften Kapselfibrose und dem damit verbundenen Prothesenwechsel.»

Zusätzlich belastend

Fanti fühlte sich durch die Fotos erniedrigt. Seit der Brustkrebs-Diagnose sei die Brust die intimste Zone ihres Körpers. Obwohl sie es gewohnt war, dass Bilder davon gemacht wurden, haben sie diese Aufnahmen enorm belastet.

«Mir ist bewusst, dass solche Bilder gemacht werden müssen, um die Genesung kontrollieren zu können», sagt Monica Fanti. «Dass sie aber in die Hände der Krankenkasse gelangen könnten, ist für mich eine Schikane – nach allem, was ich durchgemacht habe. Man sah mir die Kapselfibrose nicht an. Ich hatte einfach starke Schmerzen
 

«Es geht ums Geld. Patientinnen mit Brustkrebs werden aus wirtschaftlichen Gründen gedemütigt.»

Jian Farhadi, Chirurg


Monica Fanti war 42, als bei ihr der Brustkrebs entdeckt wurde, ein bösartiger Tumor auf der rechten Seite. Es war keine Überraschung. «Meine Mutter und meine Schwester sind bereits an Brustkrebs erkrankt. Ich wusste, dass ich die Nächste sein werde», sagt die Aargauerin. Krankheit und Therapie hätten ihr alles abverlangt. Sie kündigte ihren Job als Marketingfachfrau und zog sich zurück. Chemotherapie, Bestrahlung, Haarausfall und sogar die Mastektomie folgten.

«Mir wurden beide Brüste quasi ausgehöhlt, um das Risiko einer erneuten Krebserkrankung zu minimieren», sagt Monica Fanti. «Das war schlimm für mich, für meine Weiblichkeit.» Deshalb die Rekonstruktion, die Implantate und die erneute Operation. «Ich kann zwar nachvollziehen, dass die Krankenkassen für die Kostengutsprache Bilder einer Patientin mit Kapselfibrose wünschen – sofern sie sich die Brüste aus ästhetischen Gründen machen lässt. Aber bei mir mit einer Krankheitsgeschichte Patientenakten Welche Rechte haben Patienten? finde ich diese Prozedur stossend.»

Gesetzlich erlaubt

Ursula Schafroth, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft der Vertrauens- und Versicherungsärzte, versteht Fantis Anliegen. Sie weiss aber auch, warum so verfahren wird: «Die Kassen beurteilen jedes Gesuch neu, als Einzelfall. Die Vorgeschichte sollte vom Gesuchsteller deshalb immer erwähnt werden.» Ein Vertrauensarzt, der von einer Krankenkasse mit einer Beurteilung beauftragt wird, habe freie Hand, welche Akten er anfordern will. Er darf Laborwerte bestellen, er darf auch Bilder anfordern. Das sei gesetzlich so geregelt.

«Ein Vertrauensarzt braucht eine Absicherung, eine Bestätigung, zur Vollständigkeit der Unterlagen», sagt Schafroth. Er benötige so viele Akten, damit er den Sachverhalt nachvollziehen könne. In vielen Fällen reichten die Aussagen des Chirurgen, der Chirurgin nicht. «Ich verstehe, dass sich eine leidende Patientin durch diese Praxis schikaniert fühlen kann. Aber es geht nie darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Jeder Versicherte hat das Recht auf die korrekte Vergütung der versicherten Leistungen. Es wird nach bestem Wissen und Gewissen gearbeitet.»

Oder nach den Regeln des Systems? Chirurg Farhadi ist sich bewusst, dass der Grat zwischen Ästhetik und Gesundheit gerade beim Thema Brust sehr schmal ist. Die Krankenkassen müssten sicherstellen, dass eine Diagnose richtig ist. Aber früher sei es ohne Bilder gegangen, und die Kontrolle habe auch funktioniert. «Heute führt diese Thematik immer wieder zu Diskussionen mit den Versicherungen. Es geht ums Geld, Brustkrebspatientinnen werden aus wirtschaftlichen Gründen gedemütigt. Neben dem schweren Schicksalsschlag müssen sie sich auch noch damit auseinandersetzen. Das darf so nicht sein», sagt der Arzt.

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