Allan Guggenbühl, warum haben die Besucherinnen und Besucher der Bar weitergetanzt, während die Decke brannte?

Auf Ereignisse, die wir noch nie erlebt haben, sind wir in der Regel schlecht oder gar nicht vorbereitet. Meist reagieren wir aufgrund der Erfahrungen, die wir bisher im Leben gemacht haben.

Also reagieren wir nur richtig in Situationen, die wir schon kennen?

In Situationen, die wir kennen, reagieren wir kompetent. Bei einem Brand wie in Crans-Montana zu reagieren, überfordert uns, da wir die richtige Reaktion nicht im Kopf haben.

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Haben wir denn keinen Instinkt, der unser Überleben sichern sollte?

Wie man bei einem normalen Brand reagieren sollte, wissen wir wahrscheinlich alle. Doch dass es innert Sekunden zu einem Flashover, einer unmittelbaren Explosion, kommen kann, weiss kaum jemand. Dieses Szenario haben wir nicht in unserem Reaktionsrepertoire.

Erklärt das, warum die Besucher teilweise filmten, statt zu flüchten?

Sie fanden es vielleicht spannend und wollten es über Social Media teilen. Keiner hat sich vorstellen können, dass innert kürzester Zeit das ganze Lokal brennen wird.

«Wir können nicht bei jeder Treppe denken, dass man sie hinunterfallen könnte. Im Alltag blenden wir mögliche Katastrophen und Unfälle aus.»

Allan Guggenbühl

Warum hat man als Aussenstehende dennoch das Gefühl, man hätte besser reagiert?

Diese Reaktion ist überheblich, vielleicht jedoch eine Abwehr: Man möchte sich nicht eingestehen, dass man gewisse Gefahren nicht erkennt.

Ist das wirklich so?

Wir wissen das von Krisen- und Kriegssituationen: Selbst Soldaten gehen – trotz absolvierter Grundausbildung – oft nicht in Deckung, wenn sie Schüsse hören, sondern schauen sich erst einmal um. Sie unterschätzen die Gefahr. Das richtige Verhalten muss ihnen aufgezwungen und ihre spontane Reaktion abtrainiert werden.

Warum ist das so?

Wir können nicht bei jeder Treppe denken, dass man sie hinunterfallen könnte. Im Alltag blenden wir mögliche Katastrophen und Unfälle aus.


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Was können wir tun, um uns selbst und unsere Kinder zu schützen?

Die Kinder warnen, dass auch ein vermeintlich kleiner Brand oder ein bisschen Rauch sehr schnell gefährlich werden kann. Und es braucht natürlich Gesetze und Brandschutzmassnahmen, die zwingend durchgesetzt werden müssen. Wir empfinden sie aber meist als unnötig – und befolgen sie ungern.

Warum tun wir uns damit so schwer?

Muss man Stühle vor den Notausgängen wegräumen, dann ist das in unserer Wahrnehmung unnötig – es brennt ja nicht! Sich auf Dinge vorzubereiten, die mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen, überfordert uns alle.

Müssen wir uns antrainieren, immer vom Schlimmsten auszugehen?

Es braucht auf jeden Fall Menschen, die an die Möglichkeit von Katastrophen denken. Meistens sind sie nicht sehr beliebt, doch diese Personen sind sehr wichtig. Sie schaffen die Rahmenbedingungen, die unser Leben retten können.

Als Unbeteiligte sehen wir Videos davon, wie das Unglück in Crans-Montana seinen Lauf nimmt. Was macht das mit uns?

Es löst grosse Betroffenheit aus. Man fühlt mit und denkt, dass man gerne helfen würde. Das ist bei den meisten Menschen das vorherrschende Gefühl. Natürlich gibt es auch Sensationsgefühle: Wow, das ist ja verrückt, was da alles passiert.

Entsteht aufgrund dieser Videos nicht umso mehr das Gefühl, man hätte selbst besser gehandelt?

Vielleicht, aber es gibt Ereignisse, da sind wir alle ohnmächtig und würden auch falsch reagieren. Das möchte man sich aber nicht eingestehen, weil es uns an unsere eigene Verletzlichkeit erinnert.

Sollte man sich solche Videos überhaupt ansehen?

Nicht zwingend, doch wir sehen sie uns auch aus Mitgefühl und Betroffenheit an. Problematisch ist es, wenn man einzelne Personen erkennt oder sogar sieht, was ihnen zustösst. Es gilt, den Respekt zu bewahren für jene Personen, die ein solches Unglück erlitten haben oder gestorben sind.

Was brauchen die Angehörigen der Opfer?

Die Solidarität und Unterstützung ihrer Familien, Nachbarn und Gemeinschaften. Sie brauchen Leute, die sie ansprechen und dazu auffordern, über ihre Gefühle zu reden. Das können ganz einfache, unbeholfene Worte sein. Aber man muss etwas sagen, das ist ganz wichtig!

Was brauchen jene, die überlebt haben?

Dieses Trauma ist ein Einschnitt in ihrem Leben, der ganz viel verändern wird. Was genau, ist noch offen. Sie brauchen eine langfristige Begleitung, damit sie über ihre persönlichen Konsequenzen nachdenken können. Manche werden gestärkt daraus hervorgehen und das Leben vielleicht mehr schätzen. Andere werden verzweifelt und geschwächt daraus hervorgehen. Bei vielen gibt es auch ein Gefühl des Versagens, weil sie denken, dass sie mehr für ihre Freunde hätten tun sollen.

Das klingt tieftraurig.

Es ist die Realität. Wer so etwas erlebt hat, wird nicht nach einem halben Jahr sagen: Alles ist in Ordnung. Dafür ist es zu grässlich. Normalerweise verdrängen wir den Tod und die eigene Verletzbarkeit. Ein solches Unglück erinnert einen brutal daran, dass ein gesundes, normales Leben nicht selbstverständlich ist.

Kann man so ein Trauma verkraften?

Kaum. Es gibt Ereignisse, die übersteigen unsere Fähigkeiten der Überwindung. Darum brauchen solche Personen Hilfe und eine Gemeinschaft. Dann ist eine Verarbeitung vielleicht eher möglich. Aber im Prinzip überfordert uns ein solches Erlebnis.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf «schweizer-illustrierte.ch» erschienen.

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