Mit verschränkten Armen lehnt er an der Motorhaube seines Geländewagens. Es ist kein gewöhnlicher Wagen, vielmehr wirkt das Gefährt wie eine Art Werkstatt auf vier Rädern. Im Fahrzeug liegen Seile, Karabiner und Werkzeuge. Der Mann trägt Glatze, einen schmalen Bart unter der Lippe und eine Silberkette am Handgelenk.

An den Füssen gelbe Wanderschuhe, La Sportiva, Grösse 44. Von diesem Schuhmodell besitzt André Wyss zehn identische Paare. Für jeden Wochentag eines, plus Ersatzschuhe. Jedes Paar ist beschriftet. Heute steht mit schwarzem Stift DO darauf – seine Donnerstagsschuhe. An einem Freitagmorgen im Februar dieses Jahres zog er aus Versehen diese Schuhe an.

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Als er den Missgriff bemerkte, ahnte er, dass der Tag nichts Gutes bringen würde. So wird er es später erzählen. André Wyss, 40, arbeitet unweit des Burgseelis, das zwischen Interlaken und dem Brienzersee liegt. Während er nun Mitte Juni 2026 zum Ufer an die Unglücksstelle hinunterläuft, lässt er jenen Februartag nochmals Revue passieren.

Ohne zu zögern, rannte er los

An jenem Morgen, als er im Büro bemerkte, dass er die falschen Schuhe anhatte, sagt er seiner Arbeitskollegin: «Gopferteli, heute geht bestimmt etwas in die Hose.» Wenig später sah er aus dem Fenster zum See hinaus. Auf der gefrorenen Oberfläche erkannte er zwei Gestalten.

«Da ist jemand im See», rief er, «die saufen ab!» Ohne zu zögern, rannte André Wyss zum Lagerraum, holte drei 20 Meter lange Stromkabel, stieg damit in seinen Geländewagen und fuhr zum See. «Das war das Erste, was mir sinnvoll erschien», sagt er. Er wusste instinktiv: Wenn man ein Seil auf einer eisigen Oberfläche auswirft, schlittert es nicht weit. Ein Kabel hingegen schon.

André Wyss für Beobachter Magazin, nominiert für Prix Courage 2026 André Wyss rettete zwei Touristen, die auf dem zu dünnen Eis des Burgseeli bei Interlaken eingebrochen waren..

André Wyss wusste instinktiv, wie er die beiden Touristen am besten aus dem See retten konnte. 

Quelle: Janosch Abel

Während der Fahrt zur Unglücksstelle alarmierte er die Rettungskräfte. Unten am Ufer angekommen, sah er zwei Männer im See, die um Hilfe schrien. Wyss suchte eine lichte Stelle, knotete das eine Ende des Kabels um einen Baum, das andere um seinen Oberkörper. Die anderen beiden Kabel nahm er auf die Eisfläche mit. Obwohl er selbst nicht gut schwimmen kann, wagte er sich vorsichtig aufs Eis. «Der eine Mann war kaum mehr ansprechbar», erzählt Wyss dem Beobachter.

Er warf ihnen das Kabel zu und demonstrierte, wie sie das Band um ihren Körper binden mussten, damit er sie herausziehen konnte. In der Zwischenzeit erreichten das Ufer auch zwei Arbeitskollegen. Gemeinsam zogen sie die beiden Männer aus dem Wasser. Sieben Minuten rangen sie darin um ihr Leben. Kurz darauf trafen Feuerwehr, Rega und Ambulanz am Unfallort ein. Die Geretteten kamen ins Krankenhaus. Und André Wyss kehrte zur Arbeit zurück. Von den beiden Männern hörte er nie wieder etwas. Kein Dankeschön.

Prix Courage des Beobachters – Bühne frei für mutige Menschen

Letztes Jahr ertranken in der Schweiz 43 Personen, 18 davon in einem See. Darin ertranken Männer gemäss Statistik der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft in den letzten drei Jahren viermal so oft wie Frauen. Für die beiden Touristen ging der Unfall im Burgseeli glimpflich aus.

Erschöpft auf 3000 Metern

Auf einer Sitzbank beim Burgseeli scrollt André Wyss nun durch die Bildergalerie. Er zeigt das Foto eines Mannes von hinten, der sich mit zwei Wanderstöcken einen steilen, schneebedeckten Weg hinaufkämpft. Den 97-Jährigen habe er auf 3000 Metern Höhe angetroffen, völlig erschöpft von der Wanderung. Daraufhin rief Wyss ein Pistenfahrzeug, das den Wanderer sicher ins Tal brachte. Er scrollt weiter.

Das nächste Bild zeigt einen gigantischen Schneehaufen, davor steht André Wyss mit angespannten Oberarmen. «Das sind 400 Kubikmeter Schnee, die wir für die Kühlung von sechs Millionen Zuchtfischen von einem Pass geholt haben», sagt er zum Beobachter. «Ich habe den Eindruck, dass ich für andere da bin, wenn sie nicht mehr weiterwissen.» Er rettet Touristen vor dem Ertrinken, Wanderer vor dem Erfrieren oder Fische vor dem Hitzetod.

«Ich bin der Macher»

André Wyss wuchs in Goldswil BE oberhalb eines Steinbruchs auf. Das Dorf liegt am rechten unteren Ende des Brienzersees, umringt von Bergen und Chalets. Sein Bruder und er waren schon früher viel draussen unterwegs, auf Bergen, Wiesen oder Bäumen. «Er ist der Denker und Planer, ich bin der Macher – tack, tack, tack», sagt er schnell, so sei der Takt in seinem Kopf.

Er sei impulsiv und handle, bevor er nachdenke. Nach der Schule lernte er Elektriker, später arbeitete er als Grenadier im Militär. Seit er vom Militär zurück ist, arbeitet er mit seinem Bruder in der Firma seines Vaters. Dort kümmern sich die beiden um Holzkonservierung, Wasserschäden, Schädlingsbekämpfung oder Katastrophenhilfe.

Wyss packt sein Smartphone weg und blickt noch einmal über das ruhige Wasser des Burgseelis. Danach läuft er zurück zu seinem Geländewagen, seinen Blick gesenkt auf seine gelben Schuhe: La Sportiva, Grösse 44. Manchmal bringt ein Irrtum eben doch kein Unglück, wie es André Wyss an jenem Tag vermutete. Manchmal bringt er genau den Menschen ans Ufer, den zwei Ertrinkende gebraucht hatten.

Quellen

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