«Mutig konnte ich nur sein, weil ich ein Stück weit mit meinem Leben abgeschlossen hatte», sagt Lea Blattner, die sich als einstige EVP-Politikerin öffentlich als lesbisch outete. Ein Schritt, der die heute 32-Jährige fast alles kostete: ihr gesamtes soziales Umfeld. Ihre Sicherheit.

Als Kind geht sie in die Jungschar und gerät so in freikirchliche Kreise. Sie erfährt Gemeinschaft. Das sei schön gewesen. «Die Menschen dort geben einem viel. Solange man den Erwartungen entspricht und nichts hinterfragt.»

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Doch Lea Blattner beginnt, sich zu hinterfragen. Jedes Mal, wenn ihr eine Frau gefällt. Sie glaubt, dass sie deswegen in die Hölle kommt. «Die Hölle habe ich mir voller Feuer vorgestellt. In denen man brennt und unsägliche Schmerzen erleidet. Immer und bis in alle Ewigkeit.» Mit 18 Jahren vertraut sie sich einem Pastor an. Dieser schickt sie zur Konversionstherapie. Von «Therapie» will Blattner aber eigentlich nicht reden.

«Ich konnte nicht lesbisch sein und konnte mich nicht suizidieren.»

Lea Blattner

Während acht Jahren hat Blattner einen Coach. Er lehrt sie, wie sie sich feminin zu kleiden oder wie eine Frau zu gehen hat und vermutet, dass ein Dämon in Blattner eingefahren ist. Wegen eines Missbrauchs in der Kindheit oder weil ihre Vorfahren in der Vergangenheit Fehler gemacht haben. «Ich musste einen Rapport ausfüllen, sobald ich eine Frau attraktiv fand.» An Heilungsgottesdiensten umringen sie Mitglieder und beten für ihr Seelenheil. Sie erduldet alles. Denn: «Ich wollte einfach normal sein.»

Der Druck wird immer grösser. «Ich konnte nicht lesbisch sein und konnte mich nicht suizidieren. Für beides würde ich in die Hölle kommen.»

Sie beginnt ein Doppelleben zu führen

Corona ist Blattners Rettung. Auch die Kirchen sind zu. Sie beginnt das Internet zu durchforsten und stösst auf eine explizit queerfreundliche Seelsorgerin. Zum ersten Mal lässt sie den Gedanken zu: Was ist, wenn ich so richtig bin, wie ich bin?

Von da an führt Blattner ein Doppelleben. Sie ist zerrissen. «Mir war klar, dass ich mein ganzes soziales Umfeld verlieren würde, sollte ich mich outen.» Lea Blattner ist zu diesem Zeitpunkt Co-Präsidentin der Jungen EVP und im Parteivorstand der EVP Schweiz. «Um vollkommen frei zu sein, musste ich mich darum auch öffentlich outen.»

Prix Courage des Beobachters – Bühne frei für mutige Menschen

Mit den Hasskommentaren alleingelassen

Sie schreibt das Datum ihres öffentlichen Coming-outs ein Jahr im Voraus in die Agenda: den 26. April 2025. Tag der lesbischen Sichtbarkeit. Vorab informiert sie die Partei. Der EVP-Mediensprecher ist beim Interview mit der «Basler Zeitung» dabei. Die ersten Reaktionen seien mehrheitlich schön gewesen, erinnert sich Blattner. «Ein 80-jähriger Mann schrieb mir, dass er endlich zu seiner Homosexualität stehen könne. Es meldeten sich Eltern, dass sie ihre queeren Kinder nun besser verstehen würden.»

Aber es gibt auch die andere Seite. Beleidigende Mails. Hasskommentare auf Social Media: «Ekelhaft!», «Du bist ein Werkzeug des Teufels!». Lea Blattner löscht sie alle. Im Sommer liegt ein Brief in ihrem Briefkasten, unfrankiert. Darin droht man ihr mit dem Tod. Ab da habe sich etwas verändert, sagt Blattner. «Auch anonyme Kommentare schmerzen. Aber hier wusste jemand, wo ich wohne, und kam vorbei.»

Morddrohungen im Briefkasten

Lea Blattner zuckt nun zusammen, wenn es an der Haustür läutet. Von ihrer Partei habe sie keine Hilfe oder Rückendeckung erfahren. Im Gegenteil. «Man gab mir die Schuld, weil ich mein Coming-out auf Social Media gepostet habe. Man sorgte sich vor allem um Wählerstimmen.» Die EVP bestreitet diese Darstellung. Sie habe Lea Blattner Hilfe angeboten. Die EVP habe von den Drohbriefen zudem erst kurz vor der Bekanntgabe des Rücktritts Anfang 2026 gewusst.

Ende 2025 bekommt sie wieder einen Brief. Wenn sie nicht von ihren Ämtern zurücktrete, könne man für nichts garantieren. Sie würde die Partei zerstören, für welche die Verfasserin oder der Verfasser so viel investiert hat. Für Blattner ist klar: Wer das geschrieben hat, muss aus der EVP kommen. Bis heute hält die Partei fest, dass es dafür keine Beweise gebe. Ansonsten hätte man umgehend den Parteiausschluss eingeleitet, schreibt die EVP: «Homophobie, Hass und Drohungen werden in der EVP nicht toleriert.» Lea Blattner hat teilweise Todesangst, schläft kaum mehr.

Austritt aus der EVP – der letzte Schritt

Anfang 2026 tritt Blattner vom Amt als Co-Präsidentin der Jungen EVP und aus dem Vorstand der EVP Schweiz zurück. Das Warum macht sie öffentlich. Nicht, weil sie keine Lust mehr hat. Sondern wegen all des Hasses – den sie auch aus den eigenen Reihen erfahren habe. «Damals wusste ich nicht, ob ich den Tag des Rücktritts überleben würde.» Sie habe befürchtet, dass man ihr das Warum übel nehme.

Aber sie wird auch unterstützt. Etwa von ihr wildfremden Menschen, die ihr sagen, dass sie zum Vorbild geworden ist. «Was für ein Vorbild wäre ich gewesen, hätte ich einfach geschwiegen?»

Im April 2026 tritt sie ganz aus der Partei aus. Der letzte Schritt. Seither politisiert sie für die Grünen. Die EVP gibt sich in einer Medienmitteilung geläutert, verspricht sogar, eine interne Meldestelle einzurichten. Betroffene sollen künftig frühzeitig begleitet und Hinweise systematisch aufgenommen werden, teilt die EVP zudem mit. Lea Blattner glaubt nicht wirklich daran.

Heute arbeitet sie als Praktikantin in der Sozialdiakonie. «Gott ist für mich nicht mehr der alte, strafende Mann. Er ist eine Geisteskraft, die uns stärkt. Er gibt mir die Freiheit, so zu sein, wie ich bin. Kein Richter, sondern ein Aufrichter.»