«Wir müssen uns trauen, kritisch nachzufragen»
Dank Manuela Eggli muss sich der Berner Chirurg Max Aebi vor Gericht verantworten. Er hatte sieben Patienten künstliche Bandscheiben implantiert – obschon er von Komplikationen wusste.

Veröffentlicht am 25. Juli 2026 - 05:00 Uhr

«Mir geht es um Gerechtigkeit»: Manuela Eggli litt nach der OP durch Max Aebi jahrelang unter Schmerzen.
Ärzte vor Gericht sieht man selten. Entsprechend hoch waren die Wellen, die der Fall des einstigen Berner Starchirurgen Max Aebi warf. Anfang Jahr wurde der einst international renommierte Orthopäde vom Regionalgericht Bern-Mittelland wegen versuchter schwerer Körperverletzung verurteilt – zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 17 Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren. Zudem muss er die Verfahrenskosten übernehmen und 4000 Franken Genugtuung bezahlen.
Das Gericht kam zum Schluss, Aebi habe seine Patienten nicht ausreichend über die Risiken eines Bandscheibenimplantats und über eigene Interessenkonflikte informiert. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, der Arzt bestritt sämtliche Vorwürfe und meldete Berufung an. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Die Probleme waren bekannt
Dass sich der inzwischen 78-Jährige überhaupt vor Gericht verantworten muss, geht auf mutige Menschen zurück – vor allem auf Manuela Eggli. Die Tamedia-Zeitungen machten im November 2018 in einer Artikelserie publik, wie unreife oder defekte Medizinprodukte an Patienten gelangten. Dabei berichteten sie auch über die künstliche Bandscheibe «Cadisc-L» des britischen Herstellers Ranier Technology.
Das Bandscheibenimplantat verursachte bei Patienten in Deutschland und Belgien ab 2010 massive Komplikationen. Sie litten wegen des Implantats unter schrecklichen Schmerzen. Bei über 70 Betroffenen musste die Prothese im Rücken später in mühsamen Folgeoperationen wieder entfernt werden.
Die Tamedia-Journalisten berichteten damals auch, wie zwei Schweizer Professoren in diese Geschichte involviert waren. Einer von ihnen, der Bandscheibenspezialist Max Aebi, setzte das Implantat am Berner Salem-Spital bei sieben Patienten ein. Gegenüber den Journalisten gab er an, es gehe seinen Patienten gut.
«Ich konnte es kaum glauben.»
Manuela Eggli
Auf diesen Bericht hin meldete sich Manuela Eggli bei der Redaktion. Sie schrieb von einem Déjà-vu, das sie gehabt habe. «Ich konnte es kaum glauben», sagt Eggli heute. «Mir wurde nach der Publikation der Geschichte plötzlich bewusst, dass genau dieses Implantat auch bei mir eingesetzt wurde.» Ebenfalls mit fatalen Folgen. Auch bei ihr führte die künstliche Bandscheibe zu massiven Komplikationen.
Max Aebi wiederholte darauf in der SRF-Sendung «10 vor 10», dass er nicht verstehe, warum es den deutschen Patienten so schlecht gehe. Eggli wollte die öffentliche Aussage ihres Chirurgen nicht unwidersprochen stehen lassen, worauf die «Sonntagszeitung» ihre Geschichte aufgriff, damals noch anonym.
Eggli hatte schon seit ihrer Jugend Rückenprobleme, trieb aber trotzdem immer Sport. Doch die Beschwerden wurden mit den Jahren schlimmer. So liess sie sich 2011 auf Anraten ihres Hausarzts von Aebi operieren. Da sie in der Administration einer Medtech-Firma arbeitete, kannte sie den Namen Max Aebi. Er galt als Koryphäe in der Rückenchirurgie. Zermürbt von jahrelangen Schmerzen liess sie sich auf die Operation mit der künstlichen Bandscheibe ein. Aebi versprach, sie könne nach dem Eingriff auch wieder Sport treiben, alles werde gut. «Er sagte mir genau das, was ich hören wollte.»
Der Alltag wurde zur Tortur
Die Folgen der Operation waren verheerend. Die heute 56-Jährige aus dem Berner Seeland litt weiter unter Schmerzen, mal mehr, mal weniger. Eggli dachte, es brauche wohl einfach seine Zeit, bis eine Besserung eintritt. Mehrfach musste sie zur Nachkontrolle. Zwei Jahre nach dem Eingriff beendete Aebi die Kontrollen mit der Begründung, alles sei gut.
Mit Physiotherapie und Behandlungen bei einer Chiropraktikerin hielt sie sich über Wasser. Bis sich die Situation ab 2014 stark verschlechterte. «Trotz starker Schmerzmittel konnte ich mich kaum noch bewegen. Der Alltag mit Familie und Arbeit wurde zur Tortur.»
Zu Aebi hatte sie kein Vertrauen mehr. 2016 wandte sie sich an einen Wirbelsäulenspezialisten. Der Befund nach der Röntgenaufnahme: Das Implantat war richtiggehend in Einzelteile zerbröselt, diese waren verteilt im Rücken. Einige Fragmente hatten sich bereits in die Wirbelsäule eingefressen. Die Folge: Das Implantat musste Stück für Stück wieder entfernt werden.
Was Eggli damals nicht wusste: Die Herstellerfirma nahm das Produkt nach den vielen Komplikationen im Ausland bereits 2014 vom Markt. Mehr noch: Die britische Medtech-Firma forderte damals die Ärzteschaft auf, bei Betroffenen den Zustand des Implantats zu kontrollieren. Doch Aebi informierte weder Manuela Eggli noch die anderen Patientinnen und Patienten.
Prix Courage des Beobachters – Bühne frei für mutige Menschen
Ein Strafverfahren wird eröffnet
Kurz nachdem die Tamedia-Zeitungen Manuela Egglis Schicksal publik machten, eröffnete die Berner Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen den Chirurgen. Und die Hirslanden-Gruppe trennte sich von ihrem Belegarzt Aebi, der zuvor im Hirslanden-Spital Salem operiert hatte. Zudem liess die Spitalgruppe die Vorkommnisse extern untersuchen. Der Bericht kam später zum Schluss, Aebi habe weder die Patienten über die Gefahren des Eingriffs informiert noch seine finanziellen Eigeninteressen offengelegt.
Aebi war zwischen 2007 und 2015 nämlich nicht nur Präsident des wissenschaftlichen Beirats der Herstellerfirma, er erhielt von Ranier Technology auch eine Option zum Kauf von Aktien. Im Untersuchungsbericht heisst es, der Chirurg «besass demnach ein direktes finanzielles Interesse am Erfolg» der Bandscheibenprothese.
Besonders denkwürdig: Chirurg Aebi war zuvor bereits an Tests beteiligt gewesen, bei denen die Bandscheibenprothese an Affen eingesetzt wurde. Trotz ernüchternder Resultate forcierte die Herstellerfirma – unter dem fachlichen Beirat von Aebi – das Implantat und brachte es 2010 auf den Markt. Nur ein Jahr später erfolgte die Operation bei Manuela Eggli.
«Manchmal kam ich mir vor, als wäre ich die Beschuldigte.»
Manuela Eggli
Für Manuela Eggli folgte mit den Ermittlungen eine schwierige Zeit: Einvernahmen bei der Polizei und der Staatsanwaltschaft, juristische Schriftwechsel, weitere Abklärungen – über Jahre hinweg. «Das lange Verfahren war sehr belastend. Manchmal kam ich mir vor, als wäre ich die Beschuldigte», sagt sie heute. Sogar von Freunden musste sie sich teils vorwerfen lassen: «Willst du wirklich juristisch gegen einen Arzt vorgehen?» Man sagte ihr, das bringe doch nichts, ihr Wort habe gegen seines ohnehin kein Gewicht.
Aber Manuela Eggli liess sich nicht unterkriegen: «Mir geht es um Gerechtigkeit.» Auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist, empfand sie die Verhandlung vor Gericht als eine Genugtuung. «Damit habe ich nie gerechnet.» Ihr sei es vor allem darum gegangen, andere vor einem solchen Schaden zu schützen. «Ich will die Leute sensibilisieren. Ja, wir brauchen Ärzte. Aber wir müssen uns auch trauen, kritisch nachzufragen.»
Chirurg verweigert Aussage
Wie der einstige Starchirurg heute über diese Eingriffe denkt, bleibt offen: Vor dem Berner Regionalgericht machte Aebi von seinem Recht Gebrauch und verweigerte die Aussage. Seine Verteidigerin bestritt die Vorwürfe. Dass sich das Implantat im Rücken der Patienten zersetzt habe, sei nicht auf eine Handlung des Arztes zurückzuführen, sondern auf die Beschaffung des Produkts. Dafür sei nicht der Arzt verantwortlich, sondern die Herstellerfirma.
Aebis Verteidigerin forderte vor Gericht nicht nur einen Freispruch, sondern verlangte für den Chirurgen 862’000 Franken Schadenersatz und 56’000 Franken Genugtuung. Stattdessen muss er nun aber die Verfahrenskosten von 180’000 Franken übernehmen sowie die Kosten von Manuela Egglis Anwalt.
Vor dem Regionalgericht nutzte Aebi als Angeklagter schliesslich sein Recht auf das letzte Wort – und bat die sieben von ihm operierten Patientinnen und Patienten um Entschuldigung. Was der Chirurg zur Nomination seiner Patientin für den Prix Courage sagt, bleibt offen. Er liess eine Anfrage des Beobachters unbeantwortet.



