An der Autonomen Schule Zürich herrscht Gewusel. Seit Anfang April stehen jeden Samstag Hunderte für Tragtaschen mit Lebensmitteln an. Die Schlange führt an einem Co-Working-Space vorbei, wo sonst Hipster mit Vintage-Sonnenbrillen Latte macchiato schlürfen. Jetzt warten auf dem Trottoir Familien mit Kindern, Frauen und Männer mit Einkaufstrolleys und grossen Plastiksäcken. Zwei-Meter-Abstände sind mit Klebeband auf der Strasse markiert.

Die 30 Helfenden mit bunten Stoffmasken koordinieren, führen Strichlisten, befüllen fliessbandartig Notfalltaschen: Öl, Kartoffeln, Zwiebeln, Pasta, Reis, Mehl, Tomatensauce. Das Nötigste für eine Woche.

Mittendrin steht Amine Diare Conde, in sauber gebügeltem hellblau kariertem Hemd, dunkelblauen Jeans, weissen Turnschuhen. «Amine, wo sollen die Suppen hin?», fragt ein Helfer. «Dort hinten in die Ecke», weist er freundlich an. «Hola Amine, te veo más tarde», grüsst eine Frau, die einen vollen Sack in der Hand hat. Man sieht sich beim nächsten Mal. Conde kennt viele persönlich, die hier ihr Essen holen.

Vier Stunden zu früh

Am Abend werden über 900 Bedürftige in der Autonomen Schule vorbeigekommen sein. Nicht nur Sans-Papiers, auch Menschen mit Aufenthaltsbewilligung, die aus Angst, ihre Papiere zu verlieren, keine Sozialhilfe beantragen, auch Randständige Obdachlose in Corona-Zeiten «Noch einsamer als sonst» mit Schweizer Pass. In der Woche zuvor waren es noch 700 Menschen. «Eigentlich wollten wir um Mittag anfangen», sagt Conde. «Um acht Uhr standen aber schon 30 Leute hier, also haben wir den Start vorgezogen.»

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Ein paar Tage vorher sassen wir in Condes Büro in der Autonomen Schule. Von hier aus koordiniert der 22-Jährige die Essensverteilung, sammelt Spenden, nimmt Lieferungen entgegen, legt Vorräte an. «Möchtest du?», fragt er und zeigt auf eine dampfende Kartonbox, sein Mittagessen: «Reis, Lammfleisch und Pommes frites.» Er insistiert, dass wir teilen.

Zum Essen kommt er dann aber nicht. Conde erzählt, wie er am 16. März, dem Tag, an dem der Bundesrat die ausserordentliche Lage ausrief, in der Migros stand. Dort sah er, wie die Leute ihren Einkaufswagen vollstopften mit WC-Papier, Mehl, Konserven – «als wäre Krieg». Ihm sei mulmig geworden. «Ich dachte an die, die keinen Notvorrat anlegen können und Hunger haben.» Die folgende Nacht schlief er nicht.

Am nächsten Morgen begann er zu telefonieren, zu organisieren. Conde lebt seit bald sechs Jahren in der Schweiz und hat ein enormes Netzwerk, ist in Theater- und Aktivistengruppen engagiert, setzt sich für andere Sans-Papiers ein und gibt Sprachmaterial für Migranten mit heraus.

«Ich bin privilegiert», sagt er. Er habe nicht in einen dieser Bunker ausserhalb der Stadt ziehen müssen, sondern habe in Zürich bleiben können. «Die anderen Flüchtlinge sehen mich mit einem Hemd im Büro sitzen und denken, mir ginge es besser als ihnen. Aber ich weiss, wie sich Hunger anfühlt.»

Flucht übers Mittelmeer

Mit 16 ist Amine Diare Conde von Guinea über den Senegal, Mauretanien, die Westsahara, Marokko und dann übers Mittelmeer nach Europa geflüchtet Tote Flüchtlinge in Italien «Auf Plastik steht: Migrante numero 1, 2...» . Fünf Versuche brauchte es, mehrere Male schwamm er aus Angst vor der marokkanischen Küstenwache Alarmphone «Oft sind die Leute völlig in Panik» zurück ans Ufer. «Die hätten mich in die Wüste verfrachtet und verhungern lassen», sagt er. Auf seiner Reise erlebte er Hunger und Durst. «Einen Durst, der einen dazu bringt, Meerwasser zu trinken – keine gute Idee.»

Weil er weiss, wie sich ein Loch im Magen anfühlt, will er nicht, dass andere Hunger leiden. Schon gar nicht in der reichen Schweiz Obdachlose in der Schweiz «Niemand wird freiwillig obdachlos» . Und doch geht es aktuell vielen Menschen so. Besonders Sans-Papiers ist mit der Pandemie die Existenzgrundlage weggebrochen.

Viele der in der Schweiz lebenden rund 90'000 Sans-Papiers arbeiteten vor der Krise schwarz – oft in privaten Haushalten oder der Gastronomie, häufig ohne Vertrag. Die meisten lebten von etwa 1000 Franken im Monat und hätten keine Ersparnisse, sagt Bea Schwager von der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich. Wenn Gassenküchen und andere gemeinnützige Organisationen geschlossen sind, werden sie nicht satt.

Amine Diare Conde verhandelt mit Lieferanten, sammelt Spenden, baut eine Infrastruktur auf.

Über sein Netzwerk telefoniert sich Conde bis zu einem Kita-Verpflegungsdienst durch, der während des Lockdowns auf vorgekochten Mahlzeiten sitzen geblieben ist. Der Dienst spendet über 5000 Mahlzeiten. Dass Conde Essen hat, verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Sein Telefon läuft heiss, Tag und Nacht. In kürzester Zeit sind die Mahlzeiten weg.

Er braucht mehr Lebensmittel und telefoniert weiter. Conde verhandelt mit Lieferanten, sammelt Spenden, baut eine Infrastruktur auf. Die Migros liefert eine Ladung Babybrei, ein Gemüseproduzent ein paar Tonnen Bananen, ein Grosshändler abgelaufene Müesliriegel. Gewisse Dinge kauft Conde mit Spendengeldern dazu.

Tonnenweise Kartoffeln

Die Ware stapelt sich in der Autonomen Schule. In einem Raum, wo sonst eine Disco stattfindet, liegen tonnenweise Zwiebeln und Kartoffeln. Pro Woche gibt Conde bis zu 20'000 Franken für Lebensmittel aus. Auch die Stadt Zürich unterstützt die Aktion mittlerweile.

Condes Engagement ist ansteckend. 130 Freiwillige helfen mit. Neben der Essensabgabe beliefern Conde und Helfende alle Notstellen im Kanton Zürich und bringen Essen in andere Kantone. «‹Essen für alle› ist eine Bewegung, und Amine ist ihr Motor», sagt Katharina Morello, Präsidentin vom Trägerverein der Autonomen Schule.

Condes Handy blinkt ununterbrochen. Er checkt das Display. Diesen Anruf muss er entgegennehmen. «Amine, kannst du Ware abholen? Ich habe Reis in Fünf-Kilo-Säcken», sagt ihm der Leiter eines christlichen Zentrums. «Kein Problem.» Immer häufiger erhält Conde Anrufe von Leuten, die Essen liefern wollen. Sein eigenes Essen ist mittlerweile kalt.

Zwei Mal wurden Amine Diare Conde Lehrstellen angeboten. Er konnte sie nicht antreten. Ohne Papiere keine Lehrstelle.

Daneben büffelt Conde Mathe. Er holt seinen Sek-Abschluss nach. «Ich liebe Geometrie.» Sein Traumberuf ist Ingenieur. Nur sechs Jahre ging er in Guinea zur Schule. Er schaffte die Aufnahmeprüfung für eine Schweizer Privatschule trotzdem. Um die Kosten zu stemmen, haben Freunde für ihn 13'500 Franken gesammelt – mehr, als er brauchte. «Alles, was über die Schulgebühren hinausging, habe ich gespendet», sagt Conde.

Zwei Mal wurden ihm Lehrstellen angeboten. Er konnte sie nicht antreten. Ohne Papiere keine Lehrstelle Junge verpassen Anschluss Nach der Schule in die Leere . Sein Asylgesuch wurde abgelehnt. Seit letztem Herbst läuft ein Härtefallgesuch.

Conde wählte einen anderen Weg als viele Sans-Papiers. Statt sich zu verstecken, zeigt er sich in der Öffentlichkeit, engagiert sich, redet mit den Behörden. Im Juni hätte er im Bundeshaus zusammen mit anderen abgewiesenen Flüchtlingen das Projekt «Junge Stimmen» präsentieren sollen, das sich für junge Geflüchtete einsetzt. Wegen Corona wurde der Anlass verschoben.

Conde hat einen Brief an Verteidigungsministerin Viola Amherd geschrieben. Mit dem Geld, das ein einziger Panzer koste , könne man den Hunger in der Schweiz bekämpfen. Er schlägt vor, das Budget der Armee für 2020 um 0,1 Prozent zu kürzen und das Geld in die Versorgung der Hungernden zu stecken.

«Wir wären auch dankbar für die Unterstützung der Armee beim Transport und bei der Lieferung der Lebensmittel», schliesst er und unterzeichnet mit «Sohn der Helvetia». Wieso? Er fühle sich in der Schweiz zu Hause – und Helvetia sei eine Kämpferin.

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Elio Bucher, Online-Produzent

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