Es ist das Ende einer langen Leitung: Mehrmals wurde die Einführung einer nationalen dreistelligen Opferhilfenummer verschoben. Seit dem 1. Mai 2026 ist die nationale Kurzwahl 142 in Betrieb. Das hat Bundesrat Beat Jans in einer Medienkonferenz zum Stand der politischen Massnahmen gegen häusliche Gewalt bekannt gegeben. 

Die Nummer richtet sich an alle Menschen, die physische, psychische oder sexuelle Gewalt im privaten oder öffentlichen Raum erlebt haben. «Die Nummer ist ein wichtiges Signal», sagte Jans. «Wer Gewalt erlebt, findet rund um die Uhr Gehör und Hilfe.»

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Ein wesentlicher Vorteil dreistelliger Nummern ist die leichte Einprägsamkeit: In Stress- oder Paniksituationen sind kurze Nummern wesentlich einfacher abzurufen als lange Nummern, die erst gesucht werden müssen.

Opferhilfe, aber keine Polizei

Wer die Nummer wählt, wird mit einer kantonalen Fachstelle verbunden. Dort nimmt eine Fachperson den Hörer ab, die eine psychologische und juristische Basisberatung geben kann. Das Angebot richtet sich auch an Angehörige von Betroffenen.

Bevor der Anruf an die 142 durchgestellt wird, hören Anrufende eine aufgezeichnete Ansage. Wer akut bedroht werde, heisst es dort, soll sich via 117 direkt an die Polizei wenden. Der Hintergrund ist ein technischer. Denn Anrufe bei der 142 sind erst einmal anonym. Somit wissen die Fachpersonen nicht, wer die anrufende Person ist und wo sie sich befindet – im Unterschied zu Anrufen bei der Polizei. Wer bei der Polizei anruft, dessen Handystandort kann von der Behörde geortet werden, und ein Einsatz zu einem möglichen Tatort ist damit viel schneller möglich.  

Beratung mit Chatbot

In dringlichen Fällen, die keine akuten Notfälle sind, können die via 142 erreichten Fachpersonen jedoch an Sanität, Not- oder Schutzunterkünfte vermitteln. Der entscheidende Punkt ist, dass die Polizei nicht kontaktiert wird und damit schon gar kein Strafverfahren in Gang gesetzt wird. Denn ein solches kann für Betroffene zusätzlich belastend sein. Selbst wenn Anrufende Offizialdelikte schildern, das Gegenüber also von Gesetzes wegen die Polizei aktivieren müsste, geschieht das aufgrund des anonymen Rahmens und der Vertrauenssituation nicht.

Ziel der 142 ist also ein möglichst niederschwelliger Erstkontakt zur Opferhilfe im Sinne einer Stabilisierung oder Beratung. Wo eine akute Notsituation vorliegt, werden die Anrufenden telefonisch weiterbegleitet. Wer bei der 142 anruft, kann selbst entscheiden, ob er oder sie danach noch einmal von der Opferhilfe kontaktiert werden möchte.

Anrufe bei der Nummer sind gratis und erscheinen weder auf Rechnungen noch auf Anrufverbindungen. Dies kann wichtig sein, wenn Tatpersonen im Umfeld von Betroffenen das Mobiltelefon kontrollieren. Einzig auf der Telefonliste der selbst getätigten Anrufe muss die Nummer händisch gelöscht werden.

Immer erreichbar, egal wo

Rund 80 Prozent aller Notrufe gehen heute über das Mobilfunknetz zu den Notrufdiensten. Die Anbieter Swisscom, Salt und Sunrise müssen daher sicherstellen, dass Notrufe auch dann ankommen, wenn sie an einem Ort kein eigenes Netz anbieten. Ingo Klinger, zuständig für Notfallnummern bei der Swisscom, erklärt es in einem Interview der Opferhilfe beider Basel so: «Sollte das Mobilfunknetz von Salt an einem Standort nicht verfügbar sein, dann wird der Anruf über das an diesem Standort verfügbare Mobilfunknetz von Swisscom oder Sunrise übermittelt. Dies im Gegensatz zu einem normalen Anruf, der nicht übermittelt wird.»

Notfallnummern: Die Übersicht

Die zentrale Nummer führt zwar zu einer Vereinheitlichung des Opferschutzes. Dennoch bleiben kantonale Unterschiede, wie die SP-Nationalrätin Tamara Funiciello gegenüber dem «Tages-Anzeiger» kritisiert. So gibt es zum Beispiel in Zürich ein professionelles Team, das die Hotline rund um die Uhr betreut. In anderen Kantonen sind während der Bürozeiten die Opferberatungsstellen zuständig, doch vorher und nachher – etwa in der Nacht – nehmen Freiwillige der Dargebotenen Hand die Anrufe entgegen. Diese werden zwar geschult. Doch eine Weiterbildung ersetze keine professionelle Hilfe, sagt Funiciello. 

«Wenn Sie die Ambulanz kontaktieren, wollen Sie doch auch nicht, dass Freiwillige den Hörer abnehmen.» Funiciello verlangt, dass alle Betroffenen von sexualisierter und häuslicher Gewalt die gleichen Leistungen erhalten, egal, wo sie wohnen. 

Andere europäische Länder wie Spanien haben eine dreistellige Notfallnummer bereits in Betrieb. Erfahrungen dort zeigen, dass die Nummer nur so effektiv ist wie das Netz dahinter. Das bedeutet: ausreichend Schutzplätze in Frauen- und Mädchenhäusern. Hier hinkt die Schweiz hinterher. Frauenhäuser sind schweizweit chronisch überlastet.

Quellen