Ein paar Hühner, die zufrieden gackernd durch den Garten spazieren, hier und da ein Würmchen picken und uns wie zum Dank jeden Morgen mit ­frischen Eiern versorgen – gibt es ein idyllischeres Bild vom Landleben? Die eigenen Küchenabfälle den Hühnern verfüttern und später organischen Hühnermist im Garten ausbringen – was könnte den ökologischen Kreislauf besser illustrieren?

Kein Wunder, hört man immer ­häufiger in Einfamilienhaus-Quartieren und sogar in städtischen Hinter­höfen Hühner gackern. Offenbar ist ein Hühnerhof im eigenen Garten für viele, die mit dem Anbau von Tomaten und ­Zucchetti auf den Geschmack gekommen sind, ein weiterer Schritt hin zu einem naturverbundenen Leben und zur Selbstversorgung.

Pflege einer alten Hühnerrasse

Auch Nicole Egloff hat den Traum vom Hühnerhof in die Realität umgesetzt. Hinter ihrem Haus in Nunningen im Solothurner Jura stolzieren bei unserem Besuch sechs Hennen und ein ­Gockel in einem Gehege herum. Die Gefieder glänzen schwarz, auf den ­kleinen Köpfen sitzt eine windschiefe Haube, die den Tieren eine extra­vagant-punkige Attitüde verleiht.

Egloff fand Hühner schon als Kind «cool». Dass sie sich schliesslich für die bedrohten Appenzeller Spitzhauben entschied und diese auch ordnungs­gemäss im Zuchtbuch eintragen liess, ist Ehrensache. Ihr Lebens­gefährte Philippe Ammann setzt sich bei Pro Specie Rara für seltene Tierrassen ein, Egloff selbst ist Mediensprecherin der Stiftung. Die Erhaltung der alten Schweizer Rassen ist ihnen ein Herzensanliegen.

Eine Glucke führt ihre zwei Wochen alten Küken gerade hoch erhobenen Hauptes durchs Gehege. Die Nachkommen haben den Flaum bereits ­verloren und machen in ihrem erst halbfertigen Gefieder einen etwas abgerockten Eindruck.

Hühner halten

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Eine weitere Henne, deren Küken erst vor zwei Tagen geschlüpft sind, versteckt sich noch im separierten Brutgehege, was Egloff ­etwas unruhig macht: «Spätestens morgen muss ich sie herausholen.» Ein Huhn, das in die sogenannte Lege­starre verfalle, könne verhungern.

Egloff und Ammann haben ihren Hühnern ein kleines Paradies gebaut. Das Gehege ist mit Asthaufen, Wurzelstöcken und Schattenplätzen interessant strukturiert und so gross, dass der Boden nicht aufgescharrt und braun ist, sondern von grünem Gras über­zogen. «Soll die Wiese grün bleiben, empfiehlt es sich, 10, besser noch 20 Qua­dratmeter Grünfläche pro Tier einzurechnen.» Wenn weniger Platz vorhanden ist, kann man einen Teil temporär abtrennen, so dass sich in diesem die Grasnarbe wieder erholt.
 

Hühnerhaltung privat

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Die Flügel gestutzt

Da Spitzhauben gute Flieger sind, hat Ammann einen knapp 1,30 Meter ­hohen Zaun um das Gehege gebaut. Zudem hat er den Hühnern jeweils ­einen Flügel leicht gestutzt. Das bringt flatternde Hühner aus dem Gleich­gewicht und hindert sie daran, über den Zaun zu fliegen. Ein elektronischer Pförtner öffnet und schliesst den Stall in der Dämmerung per Lichtsensor, ein Futterautomat kann die Hühner drei bis vier Tage versorgen. «Es lohnt sich, am Anfang ein bisschen zu ­investieren – diese Anschaffungen ver­einfachen die Hühnerhaltung erheblich.»

Vogelnetz gegen die Elstern

Auch der Stall ist durchdacht: ­Ammann hat ihn auf einen alten Holzwagen gezimmert, das erschwert Mardern das Eindringen und spart die Baubewilligung.
 

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In den vier Jahren, in denen Egloff nun Hühner hält, musste sie ihnen nicht ein einziges Mal Medikamente und erst recht keine Antibiotika geben. «Das liegt an der robusten, alten Rasse, an der tiergerechten Haltung und am Sauberhalten des Auslaufs», ist sie überzeugt. Nur die letztjährigen Küken hat sie an die Elstern verloren. Eine traurige Geschichte. Doch dieses Jahr wird sie sich nicht wiederholen: Das Brutgehege ist jetzt mit einem vogel­sicheren Netz überdeckt.

«Natürlich kann man die Anschaffungskosten für Zaun und Stall nicht auf den Eierpreis runterbrechen.» So gesehen lohne sich die Hühnerhaltung nicht. «Aber es geht ja nicht nur um die Eier: Hühner wirken auch prima gegen Foodwaste – und gegen Stress. Es ist total entspannend, sie abends ein bisschen zu beobachten.» Das ist für die Hühner­expertin sogar wichtiger als die Eier, die sie sowieso nur in Kuchen und Crêpes mag. Überschüssige tauscht sie gegen Käse, den eine ­Bekannte herstellt. Selbstversorgung funktioniert auch im Tauschhandel.

Sieben auf einen Streich

Auf einmal springt Egloff auf, eilt über die Wiese. Beim Brutgehege bewegt sich etwas. Tatsächlich, die eben noch versteckte Glucke betritt den Auslauf. Gefolgt von einem, zwei, drei  – sieben Küken, die nervös und mit staksigen Schritten das kleine Treppchen in den Auslauf hinunterrennen. Alle nicht viel grösser als ein Ei, federweich und so süss, als hätte sie der Osterhase persönlich vorbeigebracht. Egloff strahlt. Nein, man muss Eier nicht mögen, um Hühner zu lieben.

So fühlen sich Henne und Hahn wohl

 

  1. Stall und Auslauf
    Pro Quadratmeter Stallfläche darf man je nach Rasse 6-7 Hühner halten. Zusätzlich sollte man einen Auslauf ins Freie von mindestens 10, besser aber 20 Quadratmetern Grünfläche pro Tier einrechnen.


     
  2. Zaun
    Um das Gehege gehört ein stabiler Zaun. Wie hoch er sein muss, hängt davon ab, wie gut die Hühner fliegen können.






     
  3. Hygiene
    Ein Kotbrett unter den Stangen kann alle paar Tage herausgezogen und gereinigt werden – so muss man den Stall selbst nur zwei- bis dreimal im Jahr putzen.




     
  4. Einzelhaltung ist verboten
    Hühner darf man nicht einzeln halten, zwei Hennen sind das Minimum. Einen Hahn brauchen die Hühner jedoch nicht zwingend zu ihrem Glück.
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So lebt ein Huhn

Für die drei Pro-Specie-Rara-­Hühnerrassen Appenzeller Spitzhaube, Appenzeller Barthuhn und Schweizerhuhn spricht, dass sie gut ans Klima angepasst sind und deshalb auch im Winter problemlos in einem unbeheizten Stall zurechtkommen. Ein gekaufter Hühnerstall geht schnell ins Geld. Wer aber selbst Hand anlegen und beispielsweise ein altes Gartenhäuschen umbauen kann, benötigt nur noch ein paar hundert Franken für den Zaun.

Ihr Futter scharren die Tiere aus dem Boden, als Ergänzung und Winterfutter nehmen sie gern ­Küchenabfälle, Körner, Fertigfutter und sogar Fleisch- und Fettabfälle. Frisches Wasser muss immer zur Verfügung stehen.

Wer seine Hennen brüten lassen möchte, aber keinen Gockel will, kann die unbefruchteten Eier ­gegen befruchtete austauschen. Diese bekommt man vom Rasseverein. Ob ein krähender Hahn für die Nachbarschaft zumutbar ist, hängt von der Lage und vom Ortsgebrauch ab. In einem städtischen Wohnquartier darf gemäss einem Bundesgerichtsentscheid ein Hahn zwischen 20 und 7 Uhr nicht ins Freie gelassen werden.

Infos, Merkblätter und Buchtipps zur Hühnerhaltung und zu den seltenen Schweizer Rassen finden Sie unter www.prospecierara.ch.

Autor: Julia Hofer
Fotos: Basile Bornand
Illustrationen: Anne Seeger