Jetzt will Terre des Hommes die Experimente an Kindern untersuchen
Experimentelle Operationen an Kindern – vermittelt von Terre des Hommes: Nach der Beobachter-Recherche kündigt die Direktorin des Hilfswerks eine Untersuchung an. Für eine Entschuldigung sei es aber zu früh.

Veröffentlicht am 29. Juni 2026 - 18:36 Uhr

«Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst»: Barbara Hintermann, Direktorin von Terre des Hommes Lausanne
Jahrzehntelang steckte Terre des Hommes Lausanne Adoptivkinder bei ihrer Einreise in Quarantäne. Hier wurden das Blut und andere Körpersäfte der Kinder für pharmakologische Tests genutzt. Gleichzeitig führte ein mit Terre des Hommes verbandelter Herzchirurg an Tausenden von Kindern aus Krisengebieten experimentelle Herzoperationen durch. Jetzt zeigen diese Beobachter-Recherchen Folgen.
In einem Interview mit dem Westschweizer Fernsehen RTS kündigt Terre-des-Hommes-Direktorin Barbara Hintermann eine interne Untersuchung an. «Wir nehmen diese Vorwürfe sehr ernst», sagte sie. Für eine Entschuldigung an die betroffenen Kinder sei es aber zu früh. Weil die Akten der Adoptionsfälle sowie auch jene der medizinischen Hilfsprogramme schon vor Jahren an den Kanton Waadt übergeben worden seien, würden nun im internen Archiv «kontextbezogene Akten» analysiert, so Barbara Hintermann.
Die Äusserungen der Terre-des-Hommes-Direktorin haben einen schalen Nachgeschmack. So sagte Hintermann im Interview, die Quarantänen und medizinischen Experimente seien von den Krankenhäusern durchgeführt worden, folglich seien diese zuständig: «Wenn es medizinische Versuche gab, liegt die Verantwortung dafür bei den Ärzten, nicht bei uns.»
Herzchirurg im Vorstand von Terre des Hommes
Doch das Hilfswerk war damals eng mit Ärzten verbandelt. Etwa mit dem Genfer Herzchirurgen Charles Hahn, der während Jahrzehnten Kinder aus Krisenregionen wie Algerien und Marokko in die Schweiz holte, um sie am offenen Herzen zu operieren. Hahn führte damals nicht nur die risikoreichen Operationen durch, er sass auch gleichzeitig im wichtigsten Gremium von Terre des Hommes, dem Conseil exécutif. Diesem gehörten neben Hahn zeitweise noch drei weitere Ärzte an. Laut einem Dokument hatte Terre des Hommes 1970 zudem einen eigenen medizinischen Beraterstab, den Conseil médical mit sieben Ärzten. Deren Aufgaben gehen aber aus den Unterlagen nicht hervor.
Vorstandsprotokolle, die der Beobachter im Staatsarchiv Waadt einsehen konnte, belegen die wichtige Funktion des Herzchirurgen Hahn. Er war an der Seite von Terre-des-Hommes-Gründer Edmond Kaiser über Jahre hinweg eine der federführenden Personen an der Spitze des Hilfswerks. In einer internen Weisung vom März 1973 weist der Vorstand alle Mitarbeitenden an, sämtliche Dossiers von Kindern in Hahns Genfer Büro zu senden – «aucune exception», also ohne Ausnahme. Er entscheide, was mit den Fällen passiere.
Besorgter Heimleiter
Dem Beobachter liegen auch Listen von behandelten herzkranken Kindern vor, die belegen, dass es über die Jahre hinweg immer wieder zu Todesfällen gekommen ist. Vor, während und nach den Operationen. In einem eindringlichen Brief forderte der damalige Leiter des Walliser Kinderheims Massongex wegen der vielen Todesfälle Unterstützung von Hilfswerkgründer Kaiser. Die in die Schweiz geholten Kinder mit angeborenen Herzfehlern mussten in Massongex auf ihre Operation warten. Immer montags fuhr ein Kleinbus die Kinder nach Genf ins Spital.
Auf der Rückreise nahm der Bus die operierten Kinder der Vorwoche mit, doch immer wieder fehlten einige. Der Heimleiter schrieb Kaiser, ihm sei gesagt worden, die Todesrate bei den Operationen betrage 10 Prozent. Doch nun gebe es Fälle, da liege die Sterberate bei 50 Prozent. Offenbar gehe es bei diesen Eingriffen nur um die Medizin: «La médecine pour la médecine. L’art pour l’art.»
Charles Hahn, der 2000 verstorben ist, veröffentlichte 1978 sein wissenschaftliches Fazit aus seiner 17-jährigen Tätigkeit. In einer Fachpublikation dokumentiert Hahn 5920 Operationen, davon 5202 am offenen Herzen. Über die Herkunft der Patienten und ihr Alter erwähnt die Publikation nichts, thematisiert sind lediglich medizinische Aspekte und Vorgänge bei Operationen. Auch über seine Rolle im Vorstand von Terre des Hommes schreibt Hahn in seiner wissenschaftlichen Arbeit nichts.
Politiker wollen Auskunft
Die Ankündigung von Terre des Hommes folgt auf eine Reihe politischer Forderungen nach Aufklärung. Sowohl im Nationalrat als auch in den Kantonsparlamenten von Genf und Waadt wurden Vorstösse eingereicht, die Auskunft darüber verlangen, inwiefern die Aufsichtsbehörden Kenntnis hatten über die Quarantänen und experimentellen Herzoperationen.
Terre-des-Hommes-Direktorin Barbara Hintermann betonte gegenüber RTS, vor der Publikation der Beobachter-Recherche im Frühling sei sie über diese Aktivitäten nicht informiert gewesen. Doch der Beobachter hatte die Vorkommnisse dem Hilfswerk bereits im Sommer 2025 geschildert. Und bereits ein Jahr zuvor erwähnte die Studie über fragwürdige Adoptionen aus Indien die Quarantäne und die pharmakologischen Tests an Blut und Körpersäften.
- Radio Télévision Suisse, RTS: Sendung «Forum» (24. Juni 2026)
- Beobachter: «Wie Terre des Hommes Babys für Experimente missbrauchte» (Ausgabe 7/2026)
- «The Journal of Cardiovascular Surgery»: A 17 years experience in surgical treatment of congenital cardiac malformations (Charles Hahn, 1978)




