Italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus Italien machen sich im April 1965 Richtung Süden auf, um die Ostertage in ihrem Herkunftsland zu verbringen. Aufgenommen am Hauptbahnhof in Zürich.

Verboten, versteckt und abgeschoben

Von Sarah Berndt und Jasmine Helbling
am 26.09.2019

Nicht willkommen: eine Gastarbeiter-Familie am Hauptbahnhof Zürich, 1965

Quelle: Keystone

Jahrzehntelang durften Gastarbeiter in der Schweiz keine Familie haben. Ihre Kinder leiden bis heute.

Daniela, Marina und Franca Donati: «Erst als Erwachsene wurden wir zu Schwestern»

Die Donati-Schwestern: Marina, Daniela (links) und Franca (rechts).

Marina, Daniela (links) und Franca Donati (rechts)

Quelle: Salvatore Vinci

Daniela, 66, Marina, 61, und Franca Donati, 59, wuchsen getrennt auf – im Kinderheim, in der Pflegefamilie, bei der Nonna. Letztes Jahr gingen sie zum ersten Mal zusammen in die Ferien. 

Daniela: 
Wir hatten eine bewegte Kindheit, es war ein ständiges Hin und Her. Wir drei sind zwar Schwestern, aber nicht zusammen aufgewachsen. Ich fühlte mich als Einzelkind. Geboren wurde ich im Friaul, ich habe dort den Kindergarten besucht. Zeitweise habe ich sogar bei der Dorflehrerin gelebt. Ich muss aber auch in Zürich gewesen sein, es gibt Fotos von mir hier, und Erinnerungen. Beide Eltern arbeiteten, meine Mutter in der Hauswirtschaft, mein Vater ab 1948 in der Fabrik.


Franca:
Mutter ist von zu Hause abgehauen und kam ihn besuchen. Sie waren verlobt. Das gab dann Schwierigkeiten nach ihrer Rückkehr. 1953 kam Daniela auf die Welt. Mutter ging in die Schweiz, um zu arbeiten.


Marina:
Ich kam direkt nach der Geburt 1958 ins Kinderheim, in Zürich, beim Kreuzplatz, Franca zwei Jahre später auch. Am Samstag durften wir nach Hause, am Sonntag brachte uns der Vater wieder hin. Immer wenn wir die Kurve vor dem Heim gesehen haben, mussten wir weinen.


Franca:
Als ich geboren wurde, war nicht klar, ob ich hierbleiben konnte. Erst war ich hier im Kinderheim, dann kurz in Italien. Man hat mir erzählt, dass ich die ganze Zeit geweint habe. Es ging nicht. Deshalb haben meine Eltern für mich eine Pflegemutter gefunden, in Schwamendingen. Im Nachhinein war es ein grosses Glück für mich, da aufzuwachsen. Es war alles geordnet, ein Einfamilienhaus mit Garten. Am Freitag kam der Vater mich abholen. Ich hatte das Gefühl, er freute sich. Auch ich ging gerne. Am Sonntag kam ich wieder zur Pflegemutter. Das war normal, ich kannte nichts anderes. Heute frage ich mich manchmal, warum wir uns trotzdem als Familie empfunden haben. Als Kind habe ich mich das nie gefragt.


Marina: 
Die Situation war immer provisorisch. Es hiess die ganze Kindheit, wir gehen wieder. Einmal, als ich bei meinen Eltern in den Ferien war, haben sie mich nicht bei der Polizei gemeldet. Sie dachten wohl, dass sich das für zwei Monate nicht lohnt. Ich musste mich verstecken. Wenn es geklingelt hat, rannte ich in den Schrank. Einmal kam ein Mann und schaute unters Bett. Ich habe die Schritte gehört. Zwischen den Kleidern fühlte ich mich aber sicher. Meine Eltern hatten mehr Angst als ich, vor allem der Vater. Er hätte den Job verlieren können. Es waren Schwarzenbachs Zeiten.


Franca:
Weisst du, ich frage mich: Das hat ja alles Geld gekostet.  


Marina:
Aber sicher nicht so viel, wie Mutter verdient hat. Und ob sie dann hätte bleiben dürfen? Das Verrückte ist – wir haben ja alle auch Kinder – man kann sich das gar nicht vorstellen. Gerade als ich eigene Kinder bekommen habe, wollte ich immer wieder meiner Mutter darüber sprechen. Sie wollte nicht, begann zu weinen. Sie sah sich selbst als Opfer. Was sie natürlich auch ist. Aber ich habe von ihr nie gehört: Es tut mir leid. Das hat sicher mein Leben geprägt.  


Franca:
Ich stelle mir das für unsere Mutter mega schlimm vor. Direkt aus dem Spital die Kinder weg. Schrecklich! 

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Daniela:
Mir hat die Mutter mal erzählt, wie sie die Milch abgepumpt hat, um sie ins Kinderheim zu bringen – zu Fuss durch die Stadt.


Marina:
Ich konnte ihr das lange nicht verzeihen. Nicht mal Katzen machen das mit ihren Kindern. Es hätte andere Möglichkeiten gegeben. Ich habe in unserer Heimat eine 80-jährige Frau kennengelernt, die in derselben Situation war. Sie hätte ihre Kinder um keinen Preis hergegeben und ist deshalb mit ihnen in die Heimat gegangen.


Franca:
Unser Vater war im Krieg, traumatisiert. Sie sind eher spät zusammengekommen, bei Danielas Geburt war Mutter 30. Ich weiss, dass sie vor dem Krieg einen anderen Mann geliebt hat, der nicht zurückgekommen ist. Viele Dinge hatten einen Einfluss. Als Paar mussten sie schnell heiraten und Kinder haben, und hatten keine Zeit, gross zu planen.  


Marina:
Sie sind hierhergekommen, um Geld zu verdienen und zu sparen. Ich kenne andere Familien, die trotzdem ein Familienleben hatten. Meinen Eltern war das Sparen wichtiger. Wir waren auch nicht in einem Clan, so wie viele andere Italiener, wir waren allein. Um ihr Ziel zu erreichen, haben unsere Eltern das grosse Opfer erbracht und uns weggeben.  


Daniela:
Ich weiss noch als ich dich, Marina, zum ersten Mal gesehen habe. Ich war in Italien bei der Nonna. Ich kann mich gut erinnern, wie ein Auto die Strasse herunterkam. Darin kamst du mit deinen schwarzen Locken, wunderschön. Ich wollte dich zu mir nehmen und du sagtest immer «nein, nein».  


Franca:
Da war Marina wohl zwei, zweieinhalb. Was hat man dir denn gesagt?


Daniela:
Jetzt kommt deine Schwester. Ich erinnere mich auch an eine Situation in Zürich, als es an einem Abend klingelte. Ich war allein. Es war dunkel. Ein Mann mit Hut und Mantel stand im Türrahmen. Er sagte: «Wir wissen, dass du ein Schwesterlein hast, das bei euch versteckt ist. Du darfst nicht lügen. Lügen ist strafbar.» Er hat mich bedrängt, bis ich es gestanden habe. Als Nächstes erinnere ich mich an die grosse Aufregung, als die Eltern nach Hause kamen, alle hatten Angst, Marina weinte dicke Tränen. Ich fühlte mich sehr schuldig. Aber ich weiss nicht mehr, was danach war. 


Marina:
Ich kam zur Nonna, ins Elternhaus meiner Mutter, ihre jüngeren Geschwister wohnten noch da. Ich besuchte den Kindergarten, dann die Schule. Es war niemand da, der für mich zuständig war.

 

«Ich habe erst vor etwa zehn Jahren gelernt, mich nicht ständig anzupassen, ich war mein Leben lang überangepasst.» 

Marina Donati


Marina:
Viele unserer Generation waren im Kinderheim. Marie Meierhofer und ihr Team haben ein paar herausgepickt und wissenschaftlich begleitet, auch mich. Meine Stationen sind da dokumentiert. Dadurch weiss ich auch, dass ich mal im Friaul aus der Schule kam, und plötzlich stand da meine Mutter, ich wusste von nichts. Vielleicht habe ich sie an ihrer Kette erkannt, die sie immer anhatte. Ich musste das Land und die Schule wechseln, musste nach der dritten Klasse in Italien noch mal mit der zweiten anfangen in der Schweiz, ich konnte kein Deutsch. Ich glaube, wir lebten dann alle zusammen, oder?


Daniela:
Ein paar Jahre hatten wir wohl schon miteinander. Wir haben damals die Wohnung aber noch mit einer anderen Familie geteilt. Wir haben in Schichten gegessen, die anderen haben zuerst gekocht. Ich glaube, es waren Neapolitaner. Viele Italiener haben sich damals die Wohnung geteilt.

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Franca:
Wir haben bei Freunden schon gemerkt, dass wir anders waren. Zum Beispiel war für mich immer klar, dass wir keine anderen Kinder nach Hause einladen. Ich war viel bei meinen Freunden. Da habe ich mir schon gewünscht, dass es bei uns auch so wäre. Ab der vierten Klasse hatte ich einen eigenen Schlüssel. Den habe ich oft in der Schule vergessen, dann habe ich den Mittag im Treppenhaus verbracht. Im Haus gab es eine Schweizer Familie, da kam jeden Mittag der Vater heim. Ich habe ihnen beim Essen zugehört, wie sie miteinander gesprochen haben, wie es geklimpert hat.


Marina:
Geborgenheit habe ich im Hort erfahren, da war ich so gerne. Jedes Kind hatte ein Platz am Tisch mit seinem Set.  


Franca:
In der Schule habe ich nicht gelernt und keine Aufgaben gemacht. Ich war bockig. Die Eltern konnten sehr schlecht Deutsch. Zu den Elterngesprächen kam Daniela mit, die Eltern nicht. 


Daniela:
Sie waren zu schüchtern, das war ihnen fremd. Mutter konnte wenig Deutsch. Sie gaben sich Mühe, alles zu verstehen. Aber in den Fabriken haben sie andere Sprachen gesprochen.  


Marina:
Mein Vater hätte so gerne einen Jungen gehabt, einen Walter. Er hatte einen Freund, der im Krieg gestorben ist und so geheissen hat.  


Franca:
Ich fand das nicht so lustig. Man hatte das Gefühl, etwas nicht erfüllt zu haben. Erst als meine Mutter Ende der 90er Jahre im Spital war, hat er uns eine andere Seite gezeigt. Sie hatte einen Hirnschlag und war lange im Spital. Jeder von uns ging mal eine Woche bei ihm vorbeischauen. Aber er blieb selbstständig. Wir hatten noch zehn tolle Jahre mit ihm.  
 

«Ich habe versucht, mit meinen Kindern Italienisch zu reden, aber da kam ich mir vor wie im Theater. Deutsch ist meine Herzenssprache.»

Franca Donati


Franca:
Die ganze Kindheit hiess es, wir gehen zurück. Vater hat Geld nach Hause geschickt, sie liessen sich ein Haus bauen. Wir gingen oft in den Ferien hin. Ich habe es geliebt. Manchmal gingen die Eltern auch alleine und brachten schöne Sachen mit, ich ging mit der Pflegefamilie ins Appenzell. In der Lehre habe ich am Mittag am Hauptbahnhof die Züge beobachtet, die nach Chiasso fuhren. Nach der Lehre zog ich nach Italien. Ich blieb vier Jahre, merkte aber, dass ich mich nicht weiterentwickeln konnte, dass Zürich mein Zuhause ist. Heute habe ich Heimweh, wenn ich nicht in Zürich bin.


Marina:
Ich hatte nie Heimweh nach Italien. Ich habe mich nirgendwo zu Hause gefühlt.  


Franca:
Wo fühlst du dich jetzt heimisch? 


Marina:
Schon in Zürich. Ich liebe Zürich. Aber tiefe Wurzeln hatte ich nie – nicht in Italien und nicht hier. Ich könnte an vielen schönen Orten wohnen und es wäre in Ordnung. Das liegt am Provisorium, in dem wir gelebt haben. 


Franca:
Aber was bist du mehr, Italienerin oder Schweizerin? 


Marina:
Europäerin. Nicht weil es modern ist, sondern einfach, weil ich mich da zugehörig fühle.  


Daniela:
Ich bin eine richtige Zürcherin geworden, ich liebe Zürich. Als Teenager habe auch ich es gehasst und Italien idealisiert.


Marina:
Schwestern wurden wir erst, als wir eigene Kinder bekommen haben. Unsere Kindern waren gleich alt und spielten zusammen.


Marina:
Einmal bin ich schwarzgefahren, ein Kontrolleur kam. Ich musste meine Adresse angeben. Am Abend hat er angerufen. Daniela hat das Telefon abgenommen. Er hat gesagt «Wenn du noch einmal schwarzfährst, dann bist du draussen!» Das hätte der gar nicht sagen dürfen.  

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Franca:
Wir waren so autoritätsgläubig, weil wir Schiss hatten, hinausgeworfen zu werden.


Marina:
Das war auch noch in den 80er-Jahren so. Als ich meinen Sohn geboren hatte, erzählte mir eine Nachbarin, dass jede Frau nach einer Geburt 100 Franken von der Gemeinde bekomme. Sie überredete mich, nachzufragen. Dort sagte man mir: «Sie bekommen das nicht, weil sie eine Ausländerin sind.» Das war für mich wie ein Schlag. Zuerst betteln um 100 Franken und dann als Ausländerin gebrandmarkt zu werden.


Franca:
Daniela, du wolltest dich doch mal einbürgern lassen, als du noch relativ jung warst? 


Daniela:
Das war mit 20. Man musste dafür ins Stadthaus. Der Beamte war anzüglich und hat wüst über Italien gesprochen. «Bei uns ist es nicht so wie bei ihnen unten.» Deshalb zog ich mein Gesuch zurück. Später bekam ich den Pass durch meinen Mann. Es war so schön, ihn einfach so in den Händen zu halten.  


Marina:
Früher durfte man kein Doppelbürger sein, man musste einen Pass abgeben. Das wollte ich nicht. Meine Kinder mussten beide eine Prüfung machen bei der Einbürgerung. 


Daniela:
Meine Söhne bedauern heute, dass sie als Kind nicht Italienisch gelernt haben, wie Deine Kinder auch, Franca. 


Franca:
Deutsch ist halt meine Herzenssprache. Ich habe versucht, mit meinen Kindern Italienisch zu reden, aber da kam ich mir vor wie im Theater.


Daniela:
Wir haben im Friaul ja auch eine verborgene, alte Sprache, eine Art Dialekt. Wir können die Sprache alle, vielleicht nicht immer sprechen, aber wir verstehen jedes Wort.


Franca:
Wir haben jetzt ein kleines Projekt miteinander. Es gibt traditionelle Finken, die in Italien hergestellt werden. Jedes Tal macht die Finken anders. Wir sind gemeinsam hingereist und haben es gelernt, zu dritt eine ganze Woche. Das war das erste Mal, dass wir zusammen in die Ferien gefahren sind. Es ist gut gelaufen.  

Die Geschwister Daniela, Franca und Marina Donati auf dem Pfannenstiel

Seltenes Bild: die drei Schwestern gemeinsam auf dem Zürcher Pfannenstiel.

Quelle: private Aufnahme
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Aufgezeichnet von Sarah Berndt und Jasmine Helbling