Italienische Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus Italien machen sich im April 1965 Richtung Süden auf, um die Ostertage in ihrem Herkunftsland zu verbringen. Aufgenommen am Hauptbahnhof in Zürich.

Verboten, versteckt und abgeschoben

Von Sarah Berndt und Jasmine Helbling
am 26.09.2019

Nicht willkommen: eine Gastarbeiter-Familie am Hauptbahnhof Zürich, 1965

Quelle: Keystone

Jahrzehntelang durften Gastarbeiter in der Schweiz keine Familie haben. Ihre Kinder leiden bis heute.

Emanuela B.: «Wir haben uns nie versöhnt»

Emanuela B.

Emanuela B. (55)

Quelle: Salvatore Vinci

Emanuela B., 55, wurde als Kind über die Grenze geschmuggelt. Wo sie ihre ersten Jahre verbracht hat, weiss sie nicht.

Ich erhielt den C-Ausweis erst in der Schulzeit, davor hätte ich eigentlich gar nicht hier sein dürfen. Und ganz ehrlich: Ich weiss bis heute nicht, wo ich gewesen bin. Ich habe einzelne Erinnerungen, die ich nicht einordnen kann. Kinder, die draussen spielen, und ich weine, weil ich nicht rausdarf. Wenn ich meine Mutter fragte, wo ich war, hiess es ­immer: Du warst bei mir. Aber das kann nicht stimmen, ich war ja auch bei der Grossmutter in Italien, ging dort in den Kindergarten.

Meine Mutter erzählte einmal, wie sie mich mit drei Monaten zum ersten Mal in die Schweiz brachte, die anderen hätten ihr geholfen, mich am Zoll und an den Gesundheitskontrollen vorbeizubringen. Keine Ahnung, wie. Das ist die einzige konkrete Erzählung, obwohl ich immer wieder nachgefragt habe. Wenn sie über diese Zeit sprach, brach ihre Stimme. Dabei war sie ein Kopfmensch, jemand, der nie weint.

Die Gegend in der Nähe von Venedig, aus der meine Eltern stammen, war Kampfzone in beiden Weltkriegen. Das hat sie geprägt, «l’orgoglio», der Stolz, ist wichtig. Ihre Generation hat die Haltung: Wir ­haben Schlimmes erlebt, aber wir haben uns ­aufgerappelt, viel erreicht, uns gehts gut. Über Schmerz wird nicht gesprochen. Ich denke, meine Mutter empfand das als «Versagen im Herzen».

Politik im Klassenzimmer

Ich habe mein Leben lang versucht, das aufzuarbeiten. Meine Kindheit mit Fotos und mit Erinnerungsfetzen zu rekonstruieren. Die Beziehung zu meinen Eltern war belastet. Ich wollte innerlich gar nie mehr in diese Familie zurück, weil sie mich ja verlassen hatte, reagierte mit Trotz, ihr könnt mich mal. Ich war furchtbar enttäuscht, auch als ich bei ihnen war, sie arbeiteten nur, mein Bett stand in der Stube, sie waren nie da. Meine Mutter habe ich bis zu ihrem Tod nicht an mich rangelassen.

Bei der Einschulung in einem Dorf im Kanton Bern war ich eines der ersten Ausländerkinder mit festem Status. Es gab andere bei uns im Haus, die plötzlich wieder weg waren, Marco zum Beispiel, der nicht rausdurfte. Ich erinnere mich auch an eine Frau, die zwei Jahre lang immer drin war. Meine Mutter schickte mich zu ihr, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Die Schwarzenbach-Initiative fiel in meine Schulzeit. Das war für uns Kinder sehr belastend. Nicht die Politik, die war uns egal, aber dass Kinder in die Schule kamen und plötzlich sagten: Ich finde, du musst raus. Auch Kinder, die ich mochte. Das hat mich sehr verunsichert. Wir waren sowieso die Exoten. Ich ging mit Bauernmädchen in die Schule, die Zöpfe trugen, ich war von klein auf beim Coiffeur, am Sonntag schick angezogen. Es waren andere Welten.
 

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«Uns wurde dauernd vor Augen geführt, dass wir morgen wieder weg sein könnten.»

Emanuela B.


Meine Eltern hatten dauernd Angst, dass wir rausgeworfen werden könnten, wir durften auf keinen Fall auffallen. Auch die Stunden in der Italienerschule haben uns vor Augen geführt, dass wir morgen schon wieder weg sein könnten, sie war unser Anschluss ans italienische Schulsystem.

Provisorisch war auch die Wohnsituation. Wir lebten mit Möbeln der Firma, das Kissen, das Bettzeug, alles war geliehen, erst nach und nach haben meine Eltern eigene Bettwäsche gekauft.

In der siebten Klasse sollte ich einen Deutschintegrationskurs besuchen, mit vietnamesischen Kindern, die noch kein Wort Deutsch konnten. Absurd, ich sprach ja Berndeutsch. Und in Deutsch war ich überdurchschnittlich gut.

Wenn ich Ausländerstatistiken sehe, denke ich immer: Ich bin da drin, mein Sohn war bis vor kurzem da drin, obwohl er nicht einmal Italienisch spricht. Das hat nichts mit der Realität zu tun, das ist arg verfälscht. So fremd sind wir nicht, dass das statistisch so dastehen dürfte.

Emanuela B. und ihre Mutter

Blieben sich fremd: Emanuela B. und ihre Mutter in ihrem Dorf im Kanton Bern.

Quelle: private Aufnahme

Aufgezeichnet von Sarah Berndt