«Scho rächt so» oder «Chasch mi mal»?
Wer in einem Café oder an der Bar zahlen möchte, dem wird immer häufiger eine feste Prozentzahl fürs Trinkgeld vorgeschlagen. Für Redaktor Marco Cousin ist das zeitgemäss, seine Kollegin Céline Sallustio findet: einfach nur nervig.

Was spricht gegen automatische Trinkgeldprozente – was dafür? Redaktorin Céline Sallustio und Redaktor Marco Cousin sind unterschiedlicher Meinung.
Wer bargeldlos im Restaurant oder im Café an der Ecke bezahlt, trifft am Kartengerät immer öfter auf vordefinierte Prozentzahlen fürs Trinkgeld. Betriebe reagieren damit auf den Trend zum kartenbasierten Bezahlen.
Doch die digitale Nachfrage sorgt für Unmut: Eine aktuelle Umfrage des Konsumentenschutzes zeigt, dass sich fast 90 Prozent der Befragten an den vordefinierten Optionen stören. Viele empfinden das Prozedere als Nötigung, haben beim Ablehnen ein schlechtes Gewissen oder halten die Abfrage gerade in Selbstbedienungslokalen schlicht für dreist.
Auf der Beobachter-Redaktion löst die Praxis unterschiedliche Reaktionen aus:
- Die Gastro passt sich der Kundschaft an! Was denn sonst? Pro von Marco Cousin
- Ich will kein schlechtes Gewissen vom Kartengerät! Kontra von Céline Sallustio
Die Gastro passt sich der Kundschaft an! Was denn sonst?
Pro von Marco Cousin
Ich habe über sechs Jahre in diversen Gastrobetrieben gearbeitet. Vor der Pandemie war Barzahlung üblich, die Fr. 5.50 für den Take-away-Cappuccino wurden noch ab und zu aufgerundet. Drei Jahre später war Bargeld out, Twint und kontaktloses Bezahlen lagen dafür im Trend. Die Folgen fürs Trinkgeld: Barbeträge mit dem spontanen Aufrunden wurden immer seltener. Und gerade beim kontaktlosen Bezahlen «über d Gass» oder an einer Bar geriet das Trinkgeld in den Hintergrund. Eine Studie aus dem Jahr 2022 bestätigt: Wenn zehn Personen mit Karte bezahlen, geben höchstens acht überhaupt Trinkgeld.
Dass Gastrobetriebe dem entgegenwirken wollen, ist verständlich: Wenn sich das Bezahlverhalten der Kundschaft ändert, müssen Unternehmen sich mit verändern – auch beim Trinkgeld. Sicher: Lange hat uns in der Schweiz niemand aktiv gefragt, ob wir Trinkgeld geben wollen. Da wirken die Vorschläge auf dem Display fast wie ein Affront, das Verzichten wie ein unterdrücktes «Chasch mi mal» ins Gesicht der Angestellten, die meist im Tieflohnsektor arbeiten.
Aber dem ist nicht so. Die Vorschläge auf dem Display als Druck oder Zwang abzutun, ist kleinlich. Trinkgeld ist und bleibt in der Schweiz freiwillig. Auch ich habe nach einem schönen Familienznacht im Restaurant keine Lust auf Prozent- und Dreisatzrechnen. Aber das verlangt auch niemand. Entweder wir entscheiden uns für Trinkgeld, oder wir lassen es sein. Mit Bargeld war und ist es nicht anders.
Ich will kein schlechtes Gewissen vom Kartengerät!
Kontra von Céline Sallustio
Am liebsten hole ich mir meinen Hafermilch-Cappuccino an der Theke einer Baristakette. Wenn ich dort bargeldlos bezahle, schlägt das Kartengerät ein Trinkgeld vor: 10 Prozent, 15 Prozent, 20 Prozent – oder gar kein Trinkgeld. In diesen Momenten wird mir unsere Zweiklassengesellschaft vor Augen geführt: Niemals kämen wir auf die Idee, einem Arzt oder einer Pilotin Trinkgeld zu geben, weil hier das Gehalt schon stimmt. Vor dem Kartengerät aber werden die Unebenheiten des sozialen Gefüges deutlich. Deshalb beschleicht mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich das Trinkgeld ablehne.
Fast fühle ich mich gezwungen, Trinkgeld zu geben. Selbst dann, wenn der Service lediglich daraus bestand, dass ein Barista einen Kaffee zubereitete und mir über die Theke reichte. Und das ärgert mich. Mit diesem Unmut stehe ich keineswegs allein da. Eine Umfrage des Konsumentenschutzes zeigt ein klares Bild: 89 Prozent der Befragten stören sich an den vordefinierten Auswahltasten auf den Geräten.
Besonders das Unbehagen, in den Augen des Personals als Geizhals wahrgenommen zu werden, wiegt schwer. Mehr als die Hälfte fühlt sich beim Wegdrücken der Prozentzahlen unter Druck gesetzt. In Selbstbedienungslokalen halten knapp 32 Prozent das Prozedere für dreist, während lediglich eine kleine Minderheit von 11 Prozent Verständnis zeigt.
Keine Frage: Ein guter Service verdient Anerkennung. Doch solange das Kartengerät uns das schlechte Gewissen gleich mitverkauft, hinterlässt selbst der beste Hafermilch-Cappuccino einen bitteren Nachgeschmack.
Was denken Sie über dieses Thema? Schreiben Sie uns in der Kommentarspalte.
- Konsumentenschutz: Trinkgeld – eine Blackbox für die Gäste
- «Journal of Behavioral and Experimental Economics»: Cash or card? Impression management and restaurant tipping behavior
- SRF News: Trinkgeld-Vorschläge – aufdringlich oder eine Erleichterung?






