Auch hier in Kiew ist – trotz allem – immer noch Sommer. Eine Zeit der Ferien und Festivals, der Prüfungen, Glacen und Abschlussbälle – genau wie überall sonst auch. 

Meine beste Freundin bringt demnächst ihr Kind zur Welt. Und zwei meiner anderen guten Freunde – ich hatte sie einst einander vorgestellt – haben gerade geheiratet. Ihre Hochzeit sah aus wie ein Fotoshooting für ein Hochglanzmagazin. Das liegt daran, dass wir hier mittlerweile darauf aus sind, zu jedem Anlass eine möglichst grosse Party zu schmeissen – und was, bitte schön, ist ein besserer Anlass als eine Hochzeit?

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Zur Person

Es war Zufall, dass just am Hochzeitstag ballistische Raketen in den Vororten von Kiew einschlugen, nur wenige Kilometer vom Veranstaltungsort entfernt. Als der Luftalarm losging, drehten wir die Musik lauter, um die Explosionen nicht zu hören. 

Es ist so viel leichter, so etwas durchzustehen, wenn man nicht allein ist. Ich vermute, das ist auch ein Grund, warum die Menschen in die Schutzräume gehen; um die gemeinsame Verantwortung zu spüren, wenn neben einem Hunderte andere Menschen im selben Raum atmen. 

Glaceladen weggebombt

Es war wahnsinnig heiss die letzten Wochen in Kiew, wie überall in Europa in diesem Sommer. Passenderweise hat meine Lieblingsmarke eine neue Glacesorte auf den Markt gebracht. Ich bin allerdings nicht dazu gekommen, sie auszuprobieren. 

Der Süsswarenladen lag direkt auf meinem Weg zur Arbeit – kein idealer Standort, weil eine notorisch gefährdete Stelle; die Fenster des Shops waren schon mehrfach von den Druckwellen der Bomben zerschmettert worden. Für gewöhnlich waren die Fenster deshalb mit Sperrholzplatten zugenagelt. Doch als ich das letzte Mal dort war, waren Arbeiter gerade damit beschäftigt, neue Fenster mit Scheiben einzubauen, und ich meinte noch zur Verkäuferin: «Die Ladenbesitzer sind unglaublich optimistisch, dass sie immer wieder neues Glas einbauen.» Sie lachte. 

Heute gibt es dort keine Wände und kein Dach mehr, in die man Fenster einbauen könnte. Wo früher ein Computergeschäft, ein Postamt, eine Drogerie, ein Supermarkt und ebendieser Süsswarenladen standen, ist nur noch eine klaffende Leere. 

Bei jeder Explosion versucht jemand, in Kiew einzubrechen.

Der Angriff ist schon mehr als einen Monat her. Doch noch immer hängt dort der schwere Geruch von Verbranntem in der Luft. 

Durch dieselbe Explosion verschob sich auch die Tür zur Wohnung meiner Kollegen. Eine gepanzerte, massive Tür. Gebaut, um lange zu halten. Jetzt, wann immer in der Nähe etwas explodiert, «wandert» diese Tür im Türrahmen herum. Das klingt dann, als würde jemand versuchen, in die Wohnung einzubrechen. Und so ist es ja irgendwie auch, stelle ich mir vor: Bei jeder Explosion versucht jemand, in Kiew einzubrechen.

Prüfungen im Alarmzustand

Die landesweiten Prüfungen für die Hochschulzulassung sind gerade zu Ende gegangen. In Odessa mussten die Schülerinnen und Schüler 13 Stunden lang die Prüfung ablegen, da sie ständig durch Luftangriffe unterbrochen wurde. Um dem vorzubeugen, wurden in Charkiw die Prüfungszentren in U-Bahn-Stationen eingerichtet. In Kiew legten die Schüler meiner Mutter ihre Prüfungen nach drei schlaflosen Nächten in Folge ab. In der Wohnung des einen waren im Morgengrauen die Fenster von einer Druckwelle herausgeschleudert worden. Und pünktlich um neun Uhr musste er die Prüfung ablegen, die über seine Zukunft entscheidet. 

Seit nunmehr fünf Jahren sammeln die Maturanden an der Schule meines Bruders jeweils Spenden für die Armee, anstatt eine Abschlussfeier zu veranstalten. In jeder Klasse gibt es mehrere Väter, die derzeit beim Militär dienen. 

Von meinem Büro aus kann ich die Kuppeln des Kiewer Höhlenklosters sehen, der Lawra Petschersk; einer Kathedrale, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört und in diesem Jahr ihren 975. Geburtstag feiert. Zu Beginn des Sommers brannte infolge eines russischen Raketenangriffs das Dach einer ihrer wichtigsten Kirchen aus. 

Einen Tag lang brachten schreckliche Bilder davon die Ukraine zurück auf die Seiten der internationalen Medien. Ich hingegen ertappte mich beim Gedanken, dass ich gegenüber dieser Art von Zerstörung gleichgültig geworden bin. Es mag banal klingen, aber mich interessiert eigentlich nur noch, wie viele Menschen bei Angriffen verletzt oder getötet werden. Auch Schäden an Wohnhäusern berühren mich noch, weil ich weiss, dass dadurch innerhalb von Sekunden ganze Familien obdachlos werden. Aber Denkmäler – nicht wirklich.

Geopolitik für die Hunde 

Nur wenige Tage vor dem Angriff auf die Kathedrale hatte ein Buchfestival in dieser Gegend innerhalb von drei Tagen 27’000 Besucherinnen und Besucher angezogen. In den letzten Jahren war ich stets bestrebt, solchen Menschenmengen aus dem Weg zu gehen. Dieses Mal wollte ich es mal wieder probieren – und ging hin.
 
Eine weitere öffentliche Veranstaltung, die ich diesen Sommer besucht habe: ein Gedenklauf, der vor vier Jahren ins Leben gerufen wurde, um einen Freund und Kollegen zu ehren, der 2022 im Kampf gefallen war. Dieses Jahr nahmen 3500 Menschen am Lauf teil, trotz der schlaflosen Bombennacht zuvor in Kiew – und trotz Hitzerekord. Einige liefen in militärischer Vollmontur, andere auf Beinprothesen, wieder andere mit Hunden, die ihre Besitzer verloren hatten, und einige Frauen schoben Kinderwagen mit Kindern, um ihre verstorbenen Väter zu ehren – oder die Männer und Frauen in Gefangenschaft.
 
Als ich an einem realen Abbild von Picassos «Guernica» vorbeiging – einem mehrstöckigen Wohnhaus, das kurz zuvor in Schutt und Asche gelegt worden war – und beobachtete, wie direkt daneben Hundebesitzer ihre Vierbeiner spazieren führten, dachte ich mir nur: Hunde scheren sich nicht um Geopolitik. Sie müssen einfach nur Gassi gehen. Also gehen ihre Besitzer mit ihnen nach draussen, auch nach einer schwierigen Nacht – wie es fast jede Nacht in diesem Sommer in Kiew war –, und hoffen, dass ihre Haustiere unterwegs keine Granatsplitter verschlucken.  

«Wenn der Krieg vorbei ist …»

Kürzlich hörte ich in der U-Bahn, als ich versuchte, das Drehkreuz mit meinem Wohnungsschlüssel zu öffnen (da merkt man, dass man am Anschlag läuft), wie zwei Hochschulabsolventen sich über ihre Zukunft unterhielten. Und natürlich begann ihr Gespräch mit: «Wenn der Krieg vorbei ist …»  

Ich wünsche mir tatsächlich nichts sehnlicher, als über den Krieg endlich nur noch in der Vergangenheitsform zu sprechen – und Hochzeiten, Festivals und Wettläufe zu erleben, ohne dabei ständig die Luftalarm-App zu checken.