Sie kämpft gegen falsche Schuldgefühle und die Justiz
Saskia Leber, 38, erlebte sexualisierte Gewalt. Sie setzt sich öffentlich zur Wehr, um ein Zeichen zu setzen. Denn Opfer sollen sich nicht rechtfertigen müssen für das, was ihnen angetan wurde.

Veröffentlicht am 9. Juli 2026 - 05:00 Uhr

«Ich habe lange gebraucht, um mir selbst zu glauben»: Saskia Leber
«Das schlechte Gewissen kam nicht aus mir. Es wurde mir gegeben. Rückwirkend. Nachträglich.» – Als sie aus dem Gröbsten heraus war, begann Saskia Leber alles aufzuschreiben. Was ihr passiert ist. Welche Gedanken sie seither umtreiben. Eine Empfindung, die immer wieder hochkommt, ist das schlechte Gewissen. Mal kann sie es verdrängen, mal holt es sie wieder ein.
«An guten Tagen weiss ich, dass ich nicht schuld bin, sondern dass ich das Opfer bin», sagt die Baslerin zum Beobachter. Dass sie nichts falsch gemacht habe und sich nicht schämen müsse. «Aber an schlechten Tagen fühle ich mich wie eine Mörderin, weil ein Mensch tot ist.»
Zugelassene Nähe brutal ausgenutzt
Die Person, die nicht mehr lebt, war ein vermeintlicher Freund von Saskia Leber. Wie eine «Seelenverwandtschaft» habe sich die Verbindung angefühlt, so die verheiratete Mutter von vier Töchtern. Kennengelernt hatten sie sich im Herbst 2024 zufällig an einer Party. Über alles konnte sie mit ihm reden, auch über intime Dinge. Sie verbrachten viel Zeit zusammen, tauschten sich in Tausenden Chat-Nachrichten aus. Zwischen den beiden bestand eine tiefe Vertrautheit, jedoch keine körperliche Beziehung.
Im Januar 2025 nutzte der Mann diese Nähe aus. Zweimal tat er Saskia Leber sexualisierte Gewalt an.
Nach dem ersten Vorfall liess sie sich von den Beteuerungen des Täters erweichen. Es sei ein einmaliger Fehler gewesen, er leide an einer Impulskontrollstörung. Doch schon kurz darauf kam es zum zweiten, heftigeren Übergriff. Nun gab es für Gutgläubigkeit keinen Spielraum mehr. Leber reichte eine Strafanzeige wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung ein.
Das schlechte Gewissen nach dem Suizid
Was die heute 38-Jährige erst hinterher durch eigene Nachforschungen erfuhr: Ihr angeblicher Vertrauter war ein Meister der zwischenmenschlichen Manipulation. Mit Lügengeschichten hatte er sich schon früher die Zuneigung von Frauen erschlichen – und wurde danach in mehreren Fällen gewalttätig. Das führte zu Verfahren und Massnahmen gegen ihn. Mit seinen Launen zwischen Charme, Weinerlichkeit und Drohungen spielte er mit den Frauen.
Prix Courage des Beobachters – Bühne frei für mutige Menschen
Auch bei Saskia Leber versuchte er es bis zuletzt. Wenn sie ihn anzeige, zerstöre sie sein Leben, flehte er sie unmittelbar nach der Tat an. Dann werde er sich umbringen. Im Mai 2025 wurde klar: Der falsche Freund hatte seine Drohung wahr gemacht und Suizid begangen. Und hinterliess damit bei Leber den Widerhaken aus Schuldgefühlen, die sie bis heute plagen.
«Der Kopf spielt dir manchmal einen Streich»
Mehr als ein Jahr später sitzt Saskia Leber in der Stube des Basler Reiheneinfamilienhauses, in dem sie mit ihrer Familie lebt. Ruhig und präzis erzählt sie von der inneren Zerrissenheit, die sie seither begleitet. Vom Kampf gegen das nagende Gefühl, mitverantwortlich zu sein für das, was passiert ist. Hat sie zu viel Nähe zugelassen? Ihrem späteren Peiniger missverständliche Signale gegeben? «Der Kopf spielt dir manchmal einen Streich und gibt dir die Schuld», sagt sie. «Aber das darfst du dir als Opfer nicht einreden lassen, sonst gehst du kaputt.»
«Es kann nicht sein, dass man sich als Opfer rechtfertigen muss für eine Tat, der man ausgeliefert war.»
Saskia Leber, Gewaltopfer
Aus Gesprächen mit anderen gewaltbetroffenen Frauen weiss sie, dass dieses Gefühlschaos weit verbreitet ist. Viele bleiben deshalb still. Saskia Leber wählte einen anderen Weg: Im Beobachter machte sie im März 2026 ihre Geschichte publik.
Opfer sollen sich nicht verkriechen
Sie habe stellvertretend für andere Betroffene ein Zeichen setzen wollen, sagt Leber: «Es kann nicht sein, dass man sich als Opfer rechtfertigen muss für eine Tat, der man ausgeliefert war.» Sie hofft, mit ihrem Gang an die Öffentlichkeit andere Frauen in dieser Situation zu ermutigen, sich nicht zu verkriechen – und damit sexualisierte Gewalt und deren Auswirkungen ungewollt unter den Teppich zu kehren.
«Ein bisschen Mut» habe dieser Schritt schon gebraucht, findet sie. Schliesslich exponiere man sich in einem schambehafteten Thema und müsse damit rechnen, für sein Verhalten öffentlich kritisiert zu werden. Am Schluss war der Drang, andere zu erreichen, aber grösser als die Angst vor negativen Konsequenzen.
Saskia Lebers Kampf um Anerkennung als Opfer einer Straftat spielt sich noch auf einer anderen Ebene ab: jener der Behörden.
Rückblende in den Januar 2025. Nach dem zweiten Übergriff brach Leber den Kontakt zum Täter ab. Er hingegen schrieb ihr weiterhin Nachrichten, bedrängte sie. Auch stellte er ihr nach, tauchte beim Zuhause der Familie auf, an ihrem Arbeitsplatz, bei der Kita der Kinder. Saskia Leber fühlte sich bedroht.
Obwohl sie zu jenem Zeitpunkt noch nichts über das kriminelle Vorleben ihres ehemaligen Vertrauten wusste, schaltete sie das basel-städtische Bedrohungsmanagement ein. Die Fachstelle der Kantonspolizei hatte Zugang zu den Akten des Bedrohers und musste dessen frühere Delikte gekannt haben. Trotzdem tat die Polizei nichts, um der verängstigten Frau das gewünschte Sicherheitsgefühl zu geben. Saskia Leber versteht diese Passivität bis heute nicht: «Man hat mich im Stich gelassen.» Und wieder war da die schmerzhafte Erkenntnis, als Opfer nicht ernst genommen zu werden.
Eine zynische Haltung
Dasselbe erlebte sie beim kantonalen Amt für Sozialbeiträge. Dort stellte Saskia Leber ein Gesuch um Genugtuung gemäss Opferhilfegesetz – und blitzte ab. «Ihre Opfereigenschaft wird verneint», schrieb das Amt im letzten Herbst. Aus dem intensiven Chat-Austausch mit dem inzwischen verstorbenen Täter las die Behörde heraus, sie habe sich zu wenig deutlich von ihm abgegrenzt. «Selbst wenn: Als ob das eine Einladung zu sexualisierter Gewalt wäre», kommentiert Saskia Leber. Dahinter stehe eine zynische Haltung, die einer Rechtfertigung solcher Taten gleichkomme.
Leber hat Beschwerde gegen den Entscheid des Amts eingelegt. Die Angelegenheit ist beim Appellationsgericht Basel-Stadt hängig.
Seit 2007 nichts gelernt?
Der Fall von Saskia Leber weist verblüffende Parallelen zu jenem von Nicole Dill auf. Die Luzernerin wurde 2007 von ihrem damaligen Partner aufs Schwerste misshandelt, weil Polizei und andere Instanzen sie nicht vor dessen gewalttätigem Verhalten gewarnt hatten – ein Lehrstück in verpasstem Opferschutz. Auch in ihrem Fall nahm sich der Täter das Leben. Dill, später ihrerseits Prix-Courage-Kandidatin, musste einen jahrelangen Rechtsstreit durchstehen, ehe ihr im April 2025 der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigte: Man hätte sie besser vor einer Gewalttat schützen müssen.
Hört sich die heute 57-jährige Nicole Dill die Geschichte von Saskia Leber an, wird sie «so etwas von hässig», wie sie dem Beobachter sagt. Zu vieles kommt ihr nur allzu bekannt vor. Vor allem: «Die Art und Weise, wie sie alleingelassen und erneut zum Opfer gemacht wurde, weil ihr die Behörden nicht glauben.»
Vom «Opfer» zur «Überlebenden»
Was müsste sich für Saskia Leber in erster Linie ändern? «Der Beweismassstab zur Anerkennung der Opfereigenschaft sollte drastisch heruntergesetzt werden», fordert die Familienfrau, deren Traumberuf einst Juristin war. Sie habe genügend Belege vorgelegt, dass sich die Übergriffe tatsächlich ereignet hätten; namentlich eindeutige Chat-Nachrichten oder eine Twint-Zahlung des Täters mit dem Vermerk «Es tut mir leid».
Ihre Erfahrungen, so belastend sie auch sind, nutzt die Baslerin, indem sie sich für andere gewaltbetroffene Frauen engagiert. Dabei geht es oft nur darum, eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe zu sein und solche Gedanken, Sorgen und Ängste zu teilen. Kleiner Aufwand, grosse Wirkung: «Man fühlt sich unglaublich allein, wenn einem so etwas passiert ist. Aber niemand sollte in dieser Situation allein sein.»
Beim Gespräch am Stubentisch ändert sich mit zunehmender Dauer die Begrifflichkeit. Aus dem «Opfer» im juristischen Sinn wird die «Überlebende». So will Saskia Leber verstanden werden: als Überlebende einer Straftat, in die sie unverschuldet hineingeraten ist. «Ich habe lange gebraucht, um das alles zu verstehen. Um mir selbst zu glauben. Um mir dieses schlechte Gewissen wieder abzunehmen.»
Prix Courage des Beobachters – Bühne frei für mutige Menschen
- Kantonales Bedrohungsmanagement Basel-Stadt: Medienanfrage, Auszüge aus Mails, allgemeine Informationen
- Amt für Sozialbeiträge Basel-Stadt: Vorbescheid und Entscheid betreffend Ausrichtung Genugtuung
- Rekursschreiben von Saskia Leber zuhanden des Appellationsgerichts Basel-Stadt
- Staatsanwaltschaft Basel-Stadt: Einstellungsverfügung Strafuntersuchung
- Dokumente: Chat-Auszüge und Audioaufnahme Gespräch zwischen Opfer und Täter
- Auszüge aus dem entstehenden Buchmanuskript von Saskia Leber





