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Schlagen, Kiffen, SprayenMit diesen Strafen müssen Jugendliche rechnen

Im Jugendstrafrecht steht nicht die Straftat im Vordergrund, sondern die Persönlichkeit des 
Jugendlichen. Mit der Sanktion soll erreicht werden, dass der Jugendliche nicht wieder straffällig wird. 


Wenn ein Jugendlicher einen ­anderen bestiehlt oder gar niederschlägt: Was kann das Opfer tun? Und was passiert mit dem Täter?

Von aktualisiert am 24. Juli 2017

Wenn es um den Sieg im Fussball geht, hört bei vielen der Spass auf. Das musste auch der 12-jährige Sven aus Schlieren erfahren. Er trainierte auf der Schulhauswiese mit seinen Kollegen fürs Schülerturnier. Dabei schoss er den Ball unabsichtlich einem zwei Jahre älteren Jungen in den Bauch. Der wurde so wütend, dass er Sven kurzum seine Faust ins Gesicht schlug. Sven fiel auf den Hinterkopf und erlitt nebst einem Nasenbeinbruch eine Gehirnerschütterung. Er musste 24 Stunden im Spital bleiben und konnte eine Woche lang nicht zur Schule.

«Ich fand, diesem Jungen – aber auch meinem Sohn – müsse man zeigen, dass ein solches Verhalten nicht geht und Konsequenzen hat», so Svens Mutter Lydia. Sie wollte den Vorfall der Polizei melden.

Strafanzeigen können bei der Stadt- wie bei der Kantonspolizei persönlich erstattet werden, und zwar unabhängig davon, wo die Tat stattfand und wo der Geschädigte oder der Täter wohnt. Die Polizei muss abklären, was geschehen ist. Dazu können Personen einvernommen, Hausdurchsuchungen durchgeführt und Zeugen einvernommen werden.

Svens Mutter hatte auf dem Polizeiposten anfangs Bedenken, dass der beschuldigte Junge aufgrund ihrer Strafanzeige auf dem Schulhof abgeführt werden könnte. Der Beamte beruhigte sie: Der Junge bekomme zusammen mit seinen Eltern eine Vorladung. Wenn er auf dem Posten nicht erscheine, werde man ihn zu Hause auf­suchen. Also erstatteten Sven und seine Mutter Anzeige. Sven wurde vom Polizisten sogleich einvernommen. Die Mutter war dabei. «Der Polizist hat Sven alles Mögliche gefragt, um herauszufinden, wie sich alles abgespielt hat, und um zu überprüfen, ob er auch wirklich die Wahrheit sagt», sagt die Mutter. Svens Aussagen wurden protokolliert. Später wurde der angeschuldigte Junge von der Polizei zu den Vorwürfen befragt.

Jugendliche Beschuldigte haben im polizeilichen Verfahren grundsätzlich die gleichen Rechte wie Erwachsene. Sie können die Aussage verweigern oder einen Anwalt beiziehen. Dazu haben sie das Recht, eine Vertrauensperson mitzunehmen, einen Freund etwa oder die Eltern. Jugendliche können auch explizit verlangen, dass Eltern bei Befragungen anwesend sein können. Ein grundsätzliches Recht, dabeizusein, gibt es allerdings nicht.

Aussergerichtliche Einigung wäre möglich

Nachdem die Polizei ihre Ermittlungen in Svens Fall abgeschlossen hatte, überwies sie den Fall an die Jugendanwaltschaft Limmattal. Diese eröffnete eine Strafuntersuchung wegen einfacher Körperverletzung. Der zuständige Jugendanwalt schlug Sven in der Folge eine Mediation vor, also ein Verfahren, um den Konflikt mit dem beschuldigten Jungen aussergerichtlich zu schlichten – Sven lehnte ab. So wurde der angeschuldigte Junge vom Jugendanwalt erneut zur Tat einvernommen. Ausserdem führte ein Sozialarbeiter ein Gespräch mit seinen Eltern.

Drei Monate nach der Tat informierte der Jugendanwalt Sven und seine Eltern, dass der angeschuldigte Junge wegen einfacher Körperverletzung schuldig gesprochen und mit einer Sanktion belegt worden sei. Mit welcher Sanktion er bestraft wurde, erfuhr Sven nicht. Dem Opfer wird dies nie mitgeteilt. Für Sven und seine Eltern ist die Sache damit erledigt, Schadenersatz oder Genugtuung haben sie nicht gefordert. «Ich hoffe, der Junge wurde mit einigen ­Tagen gemeinnütziger Arbeit bestraft, die ihm eine Lehre für die Zukunft sein werden», so Svens Mutter.

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Strafen und Massnahmen bei 10- bis 18-jährigen Tätern

Kinder bis zum 10. Geburtstag sind nicht strafmündig. Ob eine Reaktion auf ihr Tun erfolgt, liegt in der Kompetenz der Eltern, allenfalls der Kindesschutzbehörde.

Alter: ab 10. bis 15. Geburtstag

Strafe:

 

  • Verweis (Verwarnung), allenfalls mit Probezeit von 6 Monaten bis 2 Jahren und damit verbundenen Weisungen
  • Persönliche Leistung (maximal 10 Tage, etwa gemeinnützige Arbeit, Teilnahme an Kursen, Gewaltberatung, bedingt oder unbedingt)


Massnahme:

 

  • Aufsicht (Beratung und Kontrolle der Eltern durch geeignete Person oder Stelle)


Alter: ab 15. bis 18. Geburtstag

Strafe:

 

  • Persönliche Leistung (maximal 3 Monate, bedingt oder unbedingt)
  • Busse (bis 2000 Franken, bedingt oder unbedingt)
  • Freiheitsentzug (1 Tag bis 1 Jahr, ab 16. Geburtstag bis 4 Jahre, bedingt oder unbedingt)


Massnahme:

 

  • Persönliche Betreuung (ähnlich wie Beistandschaft)
  • Ambulante Behandlung (Therapie)
  • Unterbringung bei Privatpersonen, im Heim oder in einer Therapiestation

Die Rückfallquote ist tief

Diebstahl und der Konsum von Betäubungsmitteln machten den grössten Teil der 12‘090 gefällten Jugendstrafurteile im Jahre 2016 aus. Das Recht sieht Strafen und Massnahmen vor, wobei beide gleichzeitig angeordnet und hinzu Weisungen erteilt werden können, etwa bezüglich Schulbesuch oder Suchtmittelkonsum. Im Vordergrund steht nicht die Straftat, sondern die Persönlichkeit des Jugendlichen, sein Verhalten, seine Erziehung und seine Lebensumstände. Mit der Sanktion soll erreicht werden, dass der Jugendliche nicht wieder straffällig wird.

Die Mehrheit der jugendlichen Straftäter sind denn auch Ersttäter und kommen in der Folge nie mehr mit dem Gesetz in Konflikt. Ihre «Sünden» werden nicht ins Strafregister eingetragen. Ein Eintrag erfolgt nur, wenn der Jugendliche mindestens 16 Jahre alt ist und eine stationäre Massnahme gegen ihn ausgesprochen wird.

Für welche Straftat gibt es welche Strafe?

Mit diesen Sanktionen müssen Junge rechnen:

 

  • Eine 17-Jährige überfällt eine alte Frau und raubt sie aus
    Schwierige familiäre Verhältnisse, Eltern arbeiten beide, die Jugendliche ist oft allein zu Hause, es gibt auch in der Schule Schwierigkeiten

    Umfassende Abklärung zur Person, führt eventuell zu Massnahme. Sanktion: mindestens zwei Wochen persönliche Leistung
     
  • Eine 10-Jährige stiehlt am Kiosk Süssigkeiten
    Intakte Familienverhält­nisse, wurde zum ersten Mal erwischt

    Vorladung und Einvernahme (ist meist schon Strafe genug), dann als Sanktion ein Verweis (gelbe Karte)
     
  • Ein 11-Jähriger zerkratzt ein Auto
    Lebt in intakten familiären Verhältnissen, wurde zum ersten Mal erwischt

    Einvernahme, Verweis als Sanktion
     
  • Ein 16-Jähriger besprayt eine Hauswand
    Lebt in intakten familiären Verhält­nissen, zum zweiten Mal erwischt

    Persönliche Leistung von mindestens 3 Tagen
     
  • Eine 15-Jährige kifft
    Lebt in intakten familiären Verhältnissen, zum ersten Mal erwischt

    Einvernahme, Verweis als Sanktion
     
  • Ein 14-Jähriger schlägt einen 12-Jährigen so, dass das Nasenbein bricht und er eine Hirnerschütterung erleidet
    Schwierige familiäre Verhältnisse, Eltern arbeiten beide, sprechen kaum Deutsch, der Jugendliche ist viel allein zu Hause, es gibt auch in der Schule Schwierigkeiten

    Umfassende Abklärung wegen einer allfälligen jugendstrafrechtlichen Massnahme, also Gespräche mit Dolmetscher und Eltern, Kontakt mit Schule. Könnte auf eine sozialpädagogische Familienbegleitung hinauslaufen. Eventuell Anordnung einer Therapie oder – wenn im Schulumfeld ähnliche Vorfälle bereits vorkamen – eines Antiaggressionstrainings. Strafe: je nachdem, ob bereits Akten existieren, drei bis fünf Tage persönliche Leistung (Antiaggressionstraining könnte angerechnet werden)

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