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Implantate-SkandalOperieren statt fragen

Gibt es Probleme mit Implantaten, erfahren Patienten dies erst spät – oder gar nicht. Dabei würde ein simpler Fragebogen unnötige Folgeoperationen verhindern.

34 Prozent weniger Hüftprothesen im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr: Die Ankündigung einer Patientenbefragung nach der Operation hat im Kanton Basel-Stadt zu weniger Eingriffen geführt.
Von Veröffentlicht am 20. Dezember 2018, aktualisiert am 20. Dezember 2018

Aus den Augen, aus dem Sinn – nach diesem Motto implantieren viele Orthopäden Knie- und Hüftgelenke Umstrittene Therapie Glaubenskrieg um neue Arthrose-Therapie und sahnen dabei richtig ab. Die ganz cleveren unter ihnen beteiligen sich noch an den Firmen, die die Implantate herstellen. Sie profitieren damit doppelt, wenn sie deren Fabrikate verwenden.

Deutlich geringer ist das Interesse an den Patientinnen und Patienten. Was mit ihnen geschieht, wenn sie das Spital verlassen haben, ob und wie sich die Implantate Implantate «Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen» und die Operationsmethode nach Jahren entwickeln, scheint den meisten Chirurgen egal zu sein. Sie lassen nicht kontrollieren, wie beweglich Hüft- und Knieoperierte ein bis fünf Jahre nach der Operation sind. Sie fragen nicht, ob sie Schmerzen haben.

Betroffen sind viele. Allein 2016 bekamen rund 42'000 Frauen und Männer zum ersten Mal ein neues Knie- oder Hüftgelenk, verzeichnet das Bundesamt für Statistik.

Register könnte zahlreiche Operationen verhindern

Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland führen Register, die alle Implantationen von Hüft- und Knieprothesen erfassen – und das seit den achtziger und neunziger Jahren, Frankreich seit 2006, England seit 2007.

«Bis zu 4200 Neuoperationen hätten verhindert werden können.»

Urs Müller, Institut für Evaluative Forschung in der Medizin, Universität Bern

 

Solche «sehr erfolgreichen» Register wären auch in der Schweiz nötig, sagte Urs Müller vom Institut für Evaluative Forschung in der Medizin der Universität Bern schon im Jahr 2010. Der Nutzen sei offensichtlich. «Wenn schon 1982 bekannt gewesen wäre, dass sich Hüftprothesen aus Titanschäften zu früh lockern, hätten bis zu 4200 vorzeitige Neuoperationen Medizin Der fatale OP-Wahn verhindert werden können.» Müller forderte deshalb, dass fünf Jahre nach dem Eingriff Nachkontrollen durchgeführt werden müssen.

Seither sind acht Jahre vergangen, passiert ist nicht viel. Nur dass seit 2013 alle Hüft- und Knieimplantate im sogenannten Siris-Register erfasst werden. Allerdings enthält Siris keine Daten darüber, wie es den Patienten nach dem Spitalaustritt geht. 

Qualitätskontrollen sind schlecht fürs Geschäft

Im Ausland werden solche Register jeweils von der Aufsichtsbehörde geführt. Nicht so in der Schweiz: Siris wird «in Eigenverantwortung» von einer Stiftung geführt, in der sich Orthopäden, Spitäler, Santésuisse und der Verband der Implantateverkäufer zusammengeschlossen haben.

Das zögerliche Vorgehen überrascht nicht. Denn Qualitätskontrollen Behandlungsfehler Allein gegen die Götter in Weiss sind schlecht fürs Geschäft von Spitälern, Chirurgen und Implantateherstellern. Das zeigen die Zahlen aus Ländern mit Registern. Wo es Kontrollen gibt, sinkt die Zahl der Erstoperationen und werden Zweitimplantate nicht so früh eingesetzt wie in der Schweiz.

Frühwarnsystem für fehlerhafte Implantate kam nie zustande

Die Forderung nach Qualitätskontrollen ist in der Schweiz eine Geschichte der ewigen Ankündigungen geblieben. Ein Beispiel: Vor elf Jahren erklärte Siris-Stiftungspräsident Josef E. Brandenberg an einer Medienkonferenz, man werde auf Anfang 2008 eine zentrale Datenbank einführen und mit dem Sammeln von Daten über Hüft- und Kniegelenke beginnen. Damit werde man ein «Frühwarnsystem beim Auftreten von Schäden» haben. Siris erlaube «erstmals Qualitätsvergleiche zwischen Produkten, Kliniken und operierenden Ärztinnen und Ärzten». Es blieb jedoch bei der Ankündigung.

Die Kantone hätten es in der Hand, von ihren Spitälern systematische Nachkontrollen Hausarzt weg Zu welchem Arzt muss ich zur Nachkontrolle? zu verlangen. Doch sie haben nichts getan und sind damit auf die wiederholten Versprechen von Orthopäden wie Josef E. Brandenberg hereingefallen.

Nur Basel-Stadt ist der Geduldsfaden gerissen. Vor zwei Jahren kündigte der Kanton an, er werde ab 2017 die Patienten kurz vor der Operation und dann sechs und 24 Monate danach befragen – mit dem international standardisierten Fragebogen COMI. Der Kanton Baselland will sich nun anschliessen.

Qualitätsvergleich nicht möglich

Im Vergleich zum Vorjahr wurden 2017 in Basel 34 Prozent weniger Hüft- und 24 Prozent weniger Kniegelenke implantiert, stellt das Basler Gesundheitsdepartement fest. Eine «erfolgreiche Sensibilisierung» durch die angekündigten COMIs habe wohl eine Rolle gespielt, meint Thomas von Allmen, Leiter Spitalversorgung des Gesundheitsdepartements. Mit der Auswertung der Daten beauftragt hat der Kanton Basel-Stadt eine neutrale Stelle: das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Bern.

Mitte 2019 will auch der Kanton Zürich mit solchen Messungen starten. Allerdings mit einem anderen Fragebogen als in Basel, unter Federführung der Gesellschaft für Orthopädie. Damit wird die Gesellschaft ihre eigenen Mitglieder kontrollieren.

«Nur einheitliche Daten aus der ganzen Schweiz würden eine Qualitätsbeurteilung zulassen.»

Pierre-Yves Maillard, Leiter des Waadtländer Gesundheitsdepartements, SP-Politiker

 

So erfreulich der Vorstoss der beiden Kantone ist: Qualitätsvergleiche zwischen Spitälern Spitäler Wenn Ärzte zu selten operieren und operierenden Ärzten, wie es Siris-Präsident Brandenberg vor elf Jahren angekündigt hat, lassen sich nicht machen. Die Fragebögen sind zu verschieden, und die Befragungen werden in ungleichen Zeitabständen vorgenommen. «Nur einheitliche Daten aus der ganzen Schweiz würden eine Qualitätsbeurteilung zulassen», kritisiert der Waadtländer Gesundheitsdirektor Pierre-Yves Maillard. Er bedauert, dass der Bund solche Kontrollen nicht schon längst angeordnet hat.

Gesetzliche Grundlagen seit 1996

Tatsächlich hätte es das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Hand, aktiv zu werden. Gemäss dem Krankenversicherungsgesetz von 1996 kann es von Spitälern und Chirurgen solche postoperativen Befragungen einfordern. Mit diesen Daten könnte das BAG seinen gesetzlichen Auftrag erfüllen, die Qualität der Leistungserbringer zu überwachen.

«Systematische wissenschaftliche Kontrollen zur Sicherung der Qualität» wären auf der Basis des Gesetzes möglich. Das Bundesamt für Gesundheit entschuldigt die Passivität des Bundes mit der Behauptung, «hauptverantwortlich» für die Qualität seien die «Tarifpartner». Als ob Krankenkassen wüssten, wie man die Qualität medizinischer Leistungen erfasst.

Ärzte und Spitäler hätten dem Bund Daten zu Qualitätsindikatoren schon seit langem liefern müssen, also auch Outcome-Daten. Doch das BAG erkennt keine Verletzung dieser Verordnungsvorschrift, weil der Bund solche Daten «bisher nicht verlangt» habe.

Bandscheiben-Implantat zerbröselte

Das gilt auch für Bandscheiben-Implantate. Nachdem vor einem Monat der Skandal um die fehlerhaften Prothesen dank den Recherchen des «Tages-Anzeigers» (Artikel kostenpflichtig) aufgeflogen war, konnten Spitäler, Chirurgen, Swissmedic oder das BAG nicht einmal sagen, wie viele der schadhaften Implantate wer wo bei wem eingesetzt hat. 

Im Zentrum dieser Recherchen stand der Berner Chirurg Max Aebi. Der Professor für Orthopädie sass im wissenschaftlichen Beirat der Firma Ranier – jener Firma, die die Bandscheiben-Protesen hergestellt hat. Laut Recherchen soll er 2009 an einer Tagung des wissenschaftlichen Beirats gar darauf gedrängt haben, die Protesen trotz negativ verlaufener Tierversuche an Menschen zu testen.

Das Ergebnis war verheerend: Von den 29 Patienten, die an der Studie teilnahmen, kam es bei zwei Dritteln zu ernsthaften Problemen. Nachdem dies im Jahr 2014 bekannt wurde, musste der Hersteller einen kompletten Rückruf für das betreffende Implantat – die Cardisc-L – starten. 

Berner Staatsanwaltschaft ermittelt

Deshalb forderte Swissmedic die Chirurgen damals auf, ihre Patienten vor den fehlerhaften Prothesen zu warnen und sie zu Kontrollen einzuladen. Doch just der als «Star-Orthopäde» gehandelte Max Aebi konnte es sich leisten, die Aufforderung zu ignorieren. Er nahm damit in Kauf, dass eine seiner Patientinnen viel zu spät realisierte Patientenakten Welche Rechte haben Patienten? , dass ihr Kunststoff-Implantat zerbröselte. Unterdessen hat sich die Berner Staatsanwaltschaft in den Fall eingeschaltet und Ermittlungen aufgenommen. Diese seien aber komplex und würden daher einige Wochen dauern.

Die Siris-Stiftung verspricht weiterhin, sie werde eines Tages vergleichbare Outcome-Daten der Patienten erfassen.Doch das dürfte noch länger dauern, wenn das BAG seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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1 Kommentar

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casi
Die Medizin hat grossartige Fortschritte gemacht. Und damit begann auch die Profitgier an Bedeutung zu gewinnen! Das Schweizer "Gesundheits-Wesen", mutierte über die Jahre zu einem äusserst lukrativen, Menschen ausbeuterischen "Gesundheits-Un-Wesen"! Das kümmert die Zuständigen: BAG -Gesundheits-Direktoren - ParlamentarierInnen = lukrative VR-Mandate - Lobbyismus - Vetternwirtschaft - Bundesrat und Co, anscheinend nicht im Geringsten!? "Nichts passiert", nichts wird dagegen unternommen!? "Volks-Wohl-Politik"?

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