Die wenigsten Menschen kommen auf die Idee, dass Rückenschmerzen vom Hintern verursacht werden. Doch es gibt Studien, die genau das nahelegen. So zeigte etwa eine Untersuchung aus Malaysia, erschienen 2012 im Fachblatt «Pain Practice», dass die Muskeln im Po bei 17 Prozent der Patienten mit chronischen Rückenschmerzen verspannt waren und sich nach Besserung der Beschwerden entspannten. Das Phänomen heisst Piriformis-Syndrom oder Tiefer-Gesässmuskel-Syndrom.

«Solche Patienten sehen wir in der physiotherapeutischen Praxis häufig», sagt Hannu Luomajoki, Professor für Physiotherapie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) mit Forschungsschwerpunkt Rückenschmerzen. «Leider wird das von den meisten Ärzten nicht erkannt.» Orthopäden und Neurochirurgen nutzen zur Diagnose vor allem bildgebende Verfahren – verspannte Muskeln sind auf Röntgenbildern und Aufnahmen aus der Magnetresonanztomografie Gefährliche Kontrastmittel Die «Röhre» ist nicht harmlos aber nicht zu erkennen. Stattdessen aber etwa Bandscheibenvorfälle. «Das führt zu vielen Fehldiagnosen», sagt Luomajoki. «Denn Bandscheibenvorfälle verursachen bei der Hälfte der Menschen keinerlei Rückenschmerzen.» So kommt es, dass Patienten, deren Problem in der Pomuskulatur liegt, an der Wirbelsäule operiert Rückenschmerzen Oft wird zu schnell operiert werden.

Tief in der Hüfte

Piriformis

Der Piriformis liegt unter dem grossen Gesässmuskel und gehört zu den tiefen Hüftmuskeln. Der Ischiasnerv läuft dicht an ihm vorbei.

Quelle: Andrea Klaiber
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Ausstrahlende Schmerzen

Das Piriformis-Syndrom verursacht oft die besonders unangenehme Ischialgie: Schmerzen, die von einem gereizten Ischiasnerv ausgehen. Sie strahlen von der Hüfte ins Bein aus und machen oft jeden Schritt zur Qual.

Der Ischiasnerv läuft dicht am Piriformis, dem birnenförmigen Muskel, vorbei. Wenn dieser verspannt ist, kann er den Nerv quetschen. «Das kommt besonders häufig bei Leuten vor, bei denen der Ischiasnerv im Beckenbereich verzweigt», sagt Luomajoki.

Aber auch wenn keine solche Anomalie vorliegt, kann die Gesässmuskulatur ausstrahlende Schmerzen verursachen. «Ich habe das Piriformis-Syndrom schon öfter bei älteren Frauen erlebt, deren oberflächliche Gesässmuskulatur schwach war», sagt Luomajoki. «Sie kompensierten die Schwäche mit dem Piriformis, der daraufhin verspannte.»

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Manchmal trifft es aber auch Sportler. Eishockey- und Unihockeyspieler und Rollerblade-Fahrer seien gefährdet, weil sie den Piriformis besonders gut trainierten. Ähnliche Schmerzen wie durch den birnenförmigen Muskel können auch durch die anderen Pomuskeln ausgelöst werden, sofern diese verspannt sind und Triggerpunkte Massage Richtig entspannen entstehen, also kleine Verkrampfungen von Muskelfasern, von denen der Schmerz ausstrahlt.

Auch Laien können erkennen, ob die Pomuskulatur die Ischias-Beschwerden verursacht: etwa wenn das Bücken beim Schuhebinden den ausstrahlenden Schmerz auslöst, während der Rücken nicht wehtut und normal beweglich bleibt. Auch wenn das Dehnen der betroffenen Seite Erleichterung bringt, kann das ein Indiz sein.

Wer den Verdacht hat, dass Pomuskeln Verursacher der Schmerzen sind, wendet sich am besten an einen Physiotherapeuten, eine Sportärztin oder an einen manuellen Mediziner. Die Therapie besteht aus Dehnübungen und, wenn das nicht ausreicht, aus Triggerpunktmassagen. «Dabei lösen wir durch Druck auf den Muskel dessen Spannung, so dass dieser nicht mehr auf den Nerv drückt», sagt Luomajoki.

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Den Piriformis-Muskel dehnen: So gehts

Übung für Anfänger

Piriformis-Muskel dehnen: Übung für Anfänger

Den linken Fuss auf das rechte Knie legen, rechten Oberschenkel umgreifen und zu sich ziehen, bis Sie eine Dehnung in der linken Gesässhälfte spüren. Pro Seite je dreimal 20 Sekunden lang halten. Schultern und Kopf entspannt lassen.

Quelle: Institut für Physiotherapie/ZHAW/Prof. Dr. H. Luomajoki – Illustration: Anne Seeger

 

 

Übung für Fortgeschrittene

Piriformis-Muskel dehnen: Übung für Fortgeschrittene

Rechtes Bein angewinkelt auf den Tisch legen, Unterschenkel parallel zur Tischkante. Oberkörper mit geradem Rücken nach vorn neigen. Mit den Händen nach vorn wandern. Bei Schmerzen in der Leiste Übungen beenden.

Quelle: Institut für Physiotherapie/ZHAW/Prof. Dr. H. Luomajoki – Illustration: Anne Seeger

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