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RückentherapienRuhe ist kein gutes Rezept

Früher galt: Wer Rückenschmerzen hat, soll sich schonen. Doch heute weiss man, dass das genaue Gegenteil stimmt. Gute Therapien setzen auf gezielte Kräftigung.

von aktualisiert am 27. Mai 2015

Generationen von Ärzten hatten unrecht: Schonung bei Rückenschmerzen, das weiss die Medizin heute, führt oft in einen Teufelskreis: Aus Schonhaltung resultiert Bewegungsmangel, daraus folgt Muskelabbau, dieser führt zu Verspannungen und zu noch mehr Schmerzen. Es gibt Fälle, in denen nur das Skalpell Linderung verspricht. Aber sie sind eher selten. Die Rheumaliga Schweiz hat errechnet: In weniger als 15 von 100 Fällen ver­ursacht eine Krankheit der Wirbelsäule oder im Innern des Körpers die Schmerzen, und nur ­einer von 100 Schmerzgeplagten muss letztlich auf den OP-Tisch. Für alle anderen gilt: Sinnvolle Bewegung ist die beste Therapie – und auch die beste Prävention. Dies sind die häufigsten Behandlungsmethoden:

Chiropraktik und Osteopathie

Die Chiropraktik ist eine alternativmedizini­sche, biomechanische Methode, um funktionelle Störungen zu beheben und die Beweglichkeit der Wirbelsäule wiederherzustellen. Lassen Sie sich nur von einem Chiropraktor behandeln, der eine Tomographie- oder Röntgenaufnahme konsultiert, bevor er manipuliert. In der Schweiz dürfen sich nur anerkannte Medizinalpersonen Chiropraktor nennen. Chiropraktoren sind wie alle Medizinalperso­nen zu 80 Stunden Fortbildung pro Jahr verpflichtet. Die Grundversicherung der Krankenkassen deckt ihre Leistungen.

Verwandt mit der Chiropraktik ist die Osteopathie. In England steht «Osteopathy» für ein umstrittenes Konzept nach A. T. Still. Die Ausbildung in den USA zum «Doctor of Osteopathic Medicine» hingegen orientiert sich an der wissenschaftlichen Medizin.

Physiotherapie

Schon vor rund 4000 Jahren kannte man in ­China Massagen und medizinische Bäder. Auch aus der Antike sind gymnastische Übungen überliefert. Die Physiotherapie ist eine Weiterentwicklung der früheren «Krankengymnastik» und soll Bewegungs- und Funktionsfähigkeiten des mensch­lichen Körpers wiederherstellen und verbessern. Die Behandlungen werden vom Arzt verordnet. Der Physiotherapeut gehört zu den Gesundheitsfachleuten. Es gibt sehr unterschiedliche Ausbildungs- und Erfahrungsgrade. Lassen Sie sich vom Arzt beraten. Und bleiben Sie diszipliniert: Zehn Stunden Physio allein genügen nur in den seltensten Fällen.

Alternative Behandlungsmethoden

Es gibt unzählige alternative Behandlungen bei Rückenleiden. Obwohl die Wirksamkeit bei ­einigen wissenschaftlich nicht belegt ist, helfen sie manchen Patienten. Erkundigen Sie sich nach der Ausbildung des Therapeuten. Er sollte neben seiner Methode auch medizinisches ­Basiswissen haben und von der Krankenkasse anerkannt sein.

Elektrotherapie (Tens)

Mit schwachem Strom sollen Nerven gereizt und damit die Schmerzwahrnehmung über­lagert werden. Obwohl die Wirksamkeit der ­Methode umstritten ist, wird Tens auch an ­Spitälern eingesetzt.

Akupunktur

Die chinesische Medizin arbeitet nach völlig ­anderen Prinzipien als die westliche, basiert aber auf jahrhundertealter Erfahrung. Etliche Stu­dien belegen die Wirksamkeit, andere stellen sie in Abrede. Tatsache ist: Viele Patienten fühlen sich dank Akupunktur besser.

Wärmeanwendung

Wärmflaschen, Wärmekissen und Flector-Pflas­ter fördern die Durchblutung und können Verspannungen lösen helfen. Das Hausmittel soll nur angewendet werden, wenn sicher keine Entzündung vorliegt.

Magnettherapie

Durch elektromagnetische Bestrahlung wird ein angenehmes Wärmegefühl erzeugt, das die Regeneration anregen soll. Wissenschaftlich nicht belegt.

Feldenkrais-Methode

Der Patient erhöht unter Anleitung seine Körperwahrnehmung, was nicht nur dem Rücken nützen soll. Wissenschaftlich nicht belegt.

Rolfing

Eine Art Tiefenmassage, die über das Binde­gewebe die Statik des Körpers verbessern und so auch Rückenschmerzen lindern soll. Nicht wissenschaftlich belegt.

Lasertherapie

Mit ungefährlicher Laserstrahlung sollen Entzündungen gehemmt werden, was die Regeneration fördert. Keine wissenschaftlichen Belege.

Sport

Je fragiler der Rücken ist, desto weniger sind Kontaktsportarten wie Fussball, Handball oder Kampfsportarten geeignet. Fast immer gut sind sanfte Sportarten wie Nordic Walking oder ­Wassergymnastik. Auch Schwimmen tut dem Rücken gut, vorausgesetzt, die Technik stimmt (Rückenschwimmen und Kraul sind besser als Brustschwimmen, weil das die Halswirbelsäule belas­tet). ­Dazu ist moderates Krafttraining ­unter Anleitung sinnvoll, weil der Körper mit dem Alter Muskelmasse abbaut. Früher wurden vor allem die grossen Rückenmuskeln trainiert. Heute weiss man, dass eine gute Bauchmus­kulatur und starke Core-Muskeln zwischen Zwerchfell und Becken der Rumpfstabilisation dienen.

Yoga, Pilates und Antara

Yoga, Pilates und Antara dehnen den Körper, halten ihn geschmeidig und machen ihn weniger anfällig für Verletzungen. Zudem schulen sie die Rumpfmuskulatur, die Balance und die Koordination, was Stürzen und Unfällen vorbeugen kann. In einer kleinen Klasse sind indivi­duelle Betreuung und Kontrolle eher möglich. Für Menschen mit Rückenbeschwerden sind erfahrene, gut ausgebildete Kursleiter wichtig. Solche, die sich ihre Kenntnisse in Kurzausbildungen angeeignet haben, sollte man meiden.

Schmerzmittel: Besser früh als zu spät

Viele Menschen mit Rücken­leiden wollen sich nicht mit Chemie vollstopfen. Aber bei akuten Schmerzen ist die Scheu verfehlt. Denn nur wenn der Schmerz gedämpft wird, kann man Schonhaltungen vermeiden, in Bewegung bleiben und die Schmerzursache ­an­gehen. Ärzte und schmerz­erfahrene Patienten wissen: Es ist leichter, latenten Schmerz nicht stärker werden zu lassen, als starken Schmerz wegzu­bekommen. Hält ein Schmerz länger an oder kehrt immer wieder, ohne dass man zur Pille greift, kann er gar ­Nervenzellen verändern. Das «Schmerz­gedächtnis» erinnert sich dann an die Erfahrung und chronifiziert den Schmerz.

Gut wirken Paracetamol-Präparate und nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), die zusätzlich Entzündungen hemmen. In der dreistufigen Schmerzmittelskala der Weltgesundheits­organisation (WHO) stellen ­diese Medikamente die Stufe 1 dar. Man sollte sie mehrmals täglich in ­regelmässigen ­Abständen einnehmen – und nicht erst, wenn die Schmerzen einsetzen. So verhindert man, dass man ungewollt das «Schmerzgedächtnis» trainiert.

Zur Stufe 2 der WHO gehören verschreibungspflichtige, schwache Opioide. Oft wird ­eine Kombination aus Stufe 1 und 2 empfohlen, weil die Medikamente verschieden wirken. Nützt diese Medikamentierung nichts, verschreibt der Arzt starke Opioide der Stufe 3.

Die Medizin kennt heute auch Kombinationen mit Medika­menten, die ursprünglich zur Behandlung anderer Erkrankungen entwickelt wurden. Oft hilft etwa eine Kombination mit ­Antidepressiva, weil Patienten mit chronischen Schmerzen ­einen tieferen Serotoninspiegel haben. Serotonin ist ein Hormon, das unter anderem als Botenstoff zwischen den Nervenzellen wichtig ist und grossen Einfluss auf die psychische ­Verfassung hat. Solche Kombinationen von Medikamenten sollten Schmerzpatienten aber nie selbst ­ausprobieren, da ­gefährliche Wechselwirkun­gen möglich sind. Deshalb muss der Arzt auch wissen, welche Mittel, die nichts mit dem Kreuzschmerz zu tun haben, ein ­Patient sonst noch einnimmt.

Viele Rückenpatienten haben die Pein als ständigen Begleiter akzeptiert. Es gibt jedoch Schmerzen, die man als Alarmzeichen ernst nehmen muss. Bei folgenden Symp­tomen muss man sofort zum Arzt:

 

  • Schmerzen, die in Arm oder Bein ausstrahlen;
     
  • Gefühl von Taubheit oder ein Kribbeln in den Füssen oder Zehen;
     
  • Gefühlsstörungen am Bein;
     
  • Lähmungen in Arm oder Bein;
     
  • allgemeines Unwohlsein mit Fieber, Gewichtsabnahme oder anderen Beschwerden;
     
  • Schmerzen nach einem ­Unfall;
     
  • zusätzliche Schmerzen in Brust oder Bauch.