Es ist kurz vor Mitternacht. Sara Huber (Name geändert) liegt im Bett. Elektroden kleben an ihren Schläfen, an Stirn, Kinn, Oberkopf, an den Beinen, an der Brust. «Gute Nacht», sagt die Schwester, und Sara Huber schaut etwas skeptisch. Eine gute Nacht – mit all diesen Kabeln, wenn sie schon unter normalen Umständen kaum Schlaf findet?

Huber, 29, liegt im Schlaflabor der Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach, einem schlichten Einzelzimmer mit heller Holz­täferung. Zu den Elektroden am Körper kommen ein Gurt um die Brust, einer um den Bauch, ein Mikrophon am Kehlkopf, ein Clip am Finger und ein Schlauch unter der Nase. Auf dem Kopfkissen gebündelt liegen viele bunte Kabel, die ins Über­wachungsgerät auf dem Nachttisch führen.

Seit zwei Wochen ist Sara Huber stationäre Patientin in der Spezialklinik. Die Schlafprobleme quälen sie seit Jahren. Häufig hat sie das Gefühl, nächtelang wach zu liegen: «Wenn ich nur schon wenige Stunden schlafen könnte, wäre das ein Gewinn für mich.» Wenn sie spricht, erzählen ihre Hände mit. «Jeder hatte einen guten Rat für mich. Und bald konnte ich das, obwohl gut gemeint, nicht mehr hören», sagt sie, lacht und streicht die Haare aus dem Gesicht. Auch ihr Freund, ihre Brüder, die Eltern, sie alle durften irgendwann nicht mehr fragen, wie sie geschlafen hatte.

Huber geht es wie vielen. Die drei Schlaflabors in der Klinik sind jede Nacht ausgebucht – Schlaflosigkeit ist eine Volkskrankheit. Man schätzt, es seien 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung betroffen, ungefähr zehn Prozent leiden unter schweren, chronischen Schlafstörungen. Sie schlummern einfach nicht ein oder wälzen sich Nacht für Nacht in den dunklen Stunden, wenn sich kleine Probleme zu rie­sen­gros­sen aufplustern.

Die schwersten Fälle kommen nach Bad Zurzach. Eine Nacht im Schlaflabor gibt darüber Aufschluss, ob jemand an ­einer psychisch bedingten Schlafstörung, am Restless-Legs-Syndrom (RLS) oder an einer Schlafapnoe leidet. Menschen mit RLS wecken sich durch heftige, unkontrollierte Zuckungen in den Beinen häufig selbst auf. Bei der Apnoe setzt während des Schlafens der Atem aus. Huber glaubt nicht, dass sie Restless Legs plagen oder ­eine Apnoe. Für sie ist die Nacht im Labor wichtig, um ihre Wahrnehmung zu überprüfen. Sara Huber weiss nicht, ob sie tatsächlich kaum in den Tiefschlaf fällt oder bloss meint, sie sei gar nie richtig weg.

«Wenn man nächtelang nicht schläft, hat das grausame Folgen», sagt die 29-Jährige. Nur mit grösster Anstrengung gelinge es ihr, den Tag hinter sich zu bringen. Sie holpert wie eine stotternde Dampflok über die Schienen, während der Rest der Welt scheinbar wie ein Schnellzug über die Hoch­leis­tungstrassees braust.

Huber stellte immer hohe Anforderungen an sich. Die Schule, die Ausbildung, der Sport. Seit drei Jahren ist sie Sekundarlehrerin in einer kleinen Gemeinde im Kanton Luzern. Ruhe gibt es den ganzen Tag keine. Unterricht, Austausch mit Lehrern, Anfragen der Eltern, und wenn sie das Schulhaus verlässt, gehts zum Sport. Im Volleyballtraining die Bälle übers Netz schmettern – und den Mittwochnachmittag lang Juniorinnen trainieren.

«Meine Tage sind immer randvoll», sagt sie und reibt sich die Augen. Die brennen, weil sie oft so lange offen sind. Langsam schleicht sich die Müdigkeit in ihr Gesicht, und da fällt plötzlich auf, dass dunkle Schatten unter ihren Augen liegen. Tage voller Termine, das kennen viele, doch nicht jeder kann die Anspannung abends gleich elegant abstreifen.

«Ich falle abends erschöpft ins Bett, bin schrecklich müde», sagt Sara Huber. Doch ihr Körper steht weiterhin unter Hochspannung. Und der Teufelskreis beginnt: «Ich sage mir: ‹Du musst jetzt schlafen, sonst schaffst du den Tag morgen nicht.›» Der Druck, unbedingt schlafen zu wollen, mache alles nur schlimmer. Nickt sie dann irgendwann trotzdem ein, schreckt sie bald wieder hoch, und die Gedanken beginnen wieder zu kreisen.

Die kleine Depression am frühen Morgen

«Das ist ein typisches Muster», sagt Schlafspezialist Jens Georg Acker, der Sara Huber in Bad Zurzach betreut. Es hat sogar eine körperliche Ursache: «Zwischen drei und vier Uhr nachts macht unser Körper eine kleine Depression durch.» Alle Sys­teme sind auf Sparflamme, wer dann aufwacht, sieht alles automatisch schwärzer als am Tag. Kommt dann der Druck dazu, unbedingt schlafen zu müssen, drehen die Gedanken im Leeren. «An positive Dinge denkt da keiner», sagt Acker. Und es seien meist leistungsorientierte, eher ängstliche Menschen, die unter derartigen Schlaf­problemen litten.

Zur Entspannung ein Sudoku lösen

Für alle, die das kennen, hat der Psychiater einen Rat: «Wer länger als 15 Minuten wach liegt, soll aufstehen, auch wenn er sich schrecklich müde fühlt.» Und dann am besten monotone Dinge tun: bügeln, leichte Hausarbeit verrichten, Sudoku lösen oder Tier­filme gucken. Aber keinesfalls empfehlenswert sind Thriller, Ego-Shooter oder sonstige aufregende Dinge.

Und wenn man wieder richtig müde ist, sollte man zurück ins Bett. Bei Sara Huber half all das nicht mehr, auch Schlafmittel blieben wirkungslos.

Es ist kurz nach zwölf, als Nachtschwester Daniela Schreier im Überwachungsraum die Technik testet. «Die Augen bitte nach links, nach rechts, nach oben», sagt sie in die Gegensprechanlage. Die Elektroden an Hubers Schläfen messen die Augenbewegungen. Der REM-Schlaf (Rapid Eye Movement) lässt sich so erkennen, denn dann flitzen die Augen hinter den geschlossenen Lidern hin und her. Der REM-Schlaf ist wichtig, um die Geschehnisse des Tages zu verarbeiten. Meist träumt man dann im Schlaf lebhaft, gleichzeitig erschlaffen alle Muskeln. Ein raffinierter Mechanismus im Hirn lähmt sie – damit der Träumende nicht körperlich «ausführt», was er erlebt. Die Sensoren am Kinn messen, ob der Kiefermuskel erschlafft.

Schwester Schreier sieht ihre Patientin auf einem Videomonitor. Über einen zweiten Bildschirm flimmern verschiedene Kurven. Sie stellen dar, was die Elektroden messen. Das Elektroenzephalogramm (EEG) zeigt in drei schlichten Linien die Hirnaktivität. Erst wenn sie in grösseren Zacken ausschlagen, weiss Schreier, dass Huber schläft. Die Gurte um Bauch und Brust kontrollieren die Atmung, die Sensoren an den Beinen die Bewegungen.

Nun ist es dunkel im Labor Nummer zwei, wo Huber liegt. Und mit der Dunkelheit kriecht die Angst ins Bett, die Angst, nicht schlafen zu können. Und auch, obwohl ein Widerspruch, die Angst vor dem Kontrollverlust, den der Schlaf bedeutet, dem Loslassen, Sich-gehen-Lassen. Das Bewusstsein wird ausgeknipst. Und nicht umsonst bringt schon die griechische Mythologie den Schlaf in Zusammenhang mit dem Tod: Hypnos, Gott des Schlafs, und Thanatos, Gott des Todes, sind Brüder. Schlafes Bruder ist der Tod.

Auf dem Monitor sieht man, wie Huber sich zur Seite dreht, die Decke bis unters Kinn zieht. Was es heisst, die Kontrolle über den Körper zu verlieren, weiss sie, seit sie schwer krank war. Mit den Folgen kämpft sie noch immer. Ein Teil von ihr ist immer im Alarmzustand.

Wenn der Stress überhandnimmt

Vor drei Jahren begannen bei ihr heftige Durchfälle, sie musste bis zu 30-mal am Tag zur Toilette rennen, wurde immer schwächer, bis sie das Bewusstsein verlor und im Krankenhaus landete. Diese Er­fahrung steckt ihr noch heute in den ­Knochen. Wie alles schwarz wird vor den ­Augen. Sie rappelte sich wieder auf, doch die Schlafprobleme verschlimmerten sich. Im Herbst 2012 folgte der zweite Kollaps, seit November ist sie krankgeschrieben. Seit einigen Wochen nimmt sie ein Medikament gegen Angst und ein leichtes Antidepressivum, weil das müde macht und beim Einschlafen hilft.

Den Körper entspannen zu lernen ist deshalb ein wichtiger Teil der Therapie in der Klinik. Huber lernt dort Tai-Chi und progressive Muskelentspannung. Bei dieser spannen die Patienten einzelne Muskelgruppen an und lockern sie wieder. Das fördert die Durchblutung und die körper­liche Entspannung. Und dreimal die Woche geht Huber zur Psychologin.

Die fünf Phasen des Schlafens

Es ist ein Uhr nachts. Sara Huber döst, das EEG zeigt gleichmässige Zacken. Doch sie rutscht nicht tiefer. Fachleute teilen den Schlaf in fünf Phasen ein. Phase eins ist das Einschlafen, man hängt irgendwo zwischen Wachen und Schlafen. Der Geist ist noch aktiv, bei Störungen schreckt man leicht hoch. In Phase zwei schläft der Mensch oberflächlich, die Augen bewegen sich kaum, die Muskeln entspannen sich, trotzdem wacht man auch aus diesem ­Zustand noch leicht auf.

«Sie ist eingeschlafen», sagte Nachtschwester Schreier schon vor einer halben Stunde. Doch tief ist Hubers Schlaf nicht. Dann löst sich eine Elektrode. Schreier muss ins Zimmer hinüber und sie wieder befestigen. Als die Tür aufgeht, hebt Huber den Kopf. Sie habe sowieso nicht geschlafen, sagt sie. Das EEG jedoch zeigte, dass sie sich irgendwo zwischen Phase eins und zwei befand. Wer mit Schlafstörungen kämpft, hat häufig, selbst wenn er aus ­Phase zwei aufwacht, das Gefühl, überhaupt kein Auge zugetan zu haben.

Erst mit Phase drei und vier ist der Tiefschlaf da. Er ist wichtig für die Erholung und findet normalerweise in der ersten Nachthälfte statt. Wer nie in den Tiefschlaf fällt, fühlt sich trotz Schlaf erschöpft. Im Tiefschlaf ist der Körper völlig entspannt, der Blutdruck fällt ab, Herzschlag und ­Atmung verlangsamen sich. In diesem Stadium ist der Schlafende nur schwer zu wecken. Phase fünf ist dann der REM-Schlaf. Doch warum wir überhaupt schlafen müssen, kann die Wissenschaft noch immer nur ansatzweise sagen (siehe «Warum wir schlafen»).

Um halb drei taucht sie ab

Es ist morgens um halb drei, und Huber rutscht in den Tiefschlaf. Das gelingt ihr längst nicht jede Nacht. Das EEG zeigt langsame Wellen. Nachtschwester Schreier kann einen Moment durchatmen. Die Nacht im Überwachungsraum ist anstrengend. In den Zimmern rechts und links von Huber liegen zwei ältere Männer. Einer der beiden ist sehr unruhig, fuchtelt im Halbschlaf mit den Armen, reisst immer wieder Elektroden ab.

Kurz nach sechs Uhr weckt Schreier ­ihre Patientin. Huber darf nur von Mitternacht bis sechs Uhr morgens schlafen. «Schlafdruck» heisst das in der Klinik. ­Pa­tienten mit stressbedingten Schlafpro­blemen werden so behandelt – sie dürfen nur im Bett liegen, wenn sie richtig müde sind. Ziel ist es, das Durchschlafen wieder zu lernen. Wenn es über einige Stunden gelingt, darf Huber die Schlafenszeit in Viertelstundenschritten verlängern.

Später besprechen Arzt und Patientin die Labornacht. Das Schlafprotokoll ist ausgewertet, die Schlafphasen und ihre Reihenfolge sind analysiert, mögliche körperlich bedingte Störfaktoren ausgeschlossen. Für Sara Huber das wichtigste Resultat: Ihre Wahrnehmung stimmt mit den Messungen überein. «Dass ich nicht schlafen kann, ist eigentlich nur ein Symptom», sagt sie nach dem Gespräch. «Ich muss meine Ängste und meine Ruhelosigkeit in den Griff bekommen.»

«Das will ich ändern»

Vier Tage und Nächte später tritt Sara Huber aus der Klinik aus. Etwas Erstaunliches ist passiert: Sie hat seit der Labornacht besser geschlafen. «Ich weiss jetzt, dass ich mir mehr Ruhe gönnen muss», sagt sie. Sie spüre ihre Grenzen schlecht, könne nicht nein sagen, wolle immer alles sehr gut machen. «Das will ich ändern.» Denn in zwei Wochen geht es zurück zur Arbeit.

In der Klinik in Bad Zurzach läuft der Hochbetrieb weiter. Jede Nacht liegen drei Betroffene, von Kopf bis Fuss verkabelt, in den Betten. Weil sie wieder schlafen möchten. Denn eigentlich, sagen die Fachleute, kann das jeder.

«Warum wir schlafen»

Wir tun es jede Nacht, und doch haben die Forscher keine klare Antwort auf die Frage, warum wir eigentlich schlafen müssen. Warum können wir nicht einfach den Körper ausruhen, sondern müssen dazu das Bewusstsein ausschalten? Die Antwort liegt im ­Gehirn, darin sind sich die Forscher einig. Nicht jedoch darin, was dann ­genau passiert: Die einen glauben, das Hirn müsse sich im Schlaf irgendwie reparieren. Die anderen sagen, der Schlaf diene dazu, Erinnerungen zu verfestigen. Sie würden am Tag nur flüchtig gespeichert, erst die nächt­liche Nachbearbeitung mache sie ­dauerhafter. Wieder andere glauben, dass das Gehirn im Schlaf die Synapsen, die Verbindungen zwischen den Nervenzellen, herunterfährt, damit sie für den nächsten Tag wieder flexibel genug sind, um Neues aufzunehmen.