1. Home
  2. Gesundheit
  3. Medizin & Krankheit
  4. Schönheits-OP: Schöner dank Skalpell?

Schönheits-OPSchöner dank Skalpell?

In der Schweiz operieren rekordverdächtig viele Schönheits­chirurgen. Jedoch nicht alle sind vertrauenswürdig.

von aktualisiert am 19. Oktober 2017

Immer mehr Schweizerinnen, aber auch Schweizer, legen sich unters Messer. So waren es im vergangenen Jahr nahezu 55'000 Schönheitsoperationen, die durchgeführt wurden. Man schätzt, dass es jährlich 5 bis 10 Prozent mehr werden. In erster Linie wird Fett abgesaugt, der zweithäufigste Eingriff ist die Korrektur von Augenlidern, Tränensäcken und Augenfältchen. An dritter Stelle steht die Brustvergrösserung. Der Gross­teil der Kundschaft von Schönheitschirurgen sind immer noch Frauen, aber die Männer holen auf. ­Inzwischen beträgt ihr Anteil an der Klientel fast 20 Prozent.

Die Anfänge im Krieg vor 100 Jahren

Die moderne plastische Chirurgie entstand im Ersten Weltkrieg. Als dieser 1914 ausbrach, ahnte noch niemand, welche Opfer die indus­trialisierte Kriegsführung produzieren würde. Keine der Kriegsnationen war auf dermassen viele Verletzte vorbereitet. Die Medizin reagierte rasch: Durch Kugeln, Splitter, Gas und Flammen Verletzte, Verstümmelte, Verätzte und Verbrannte wurden an der Front notfallmässig versorgt und dann in Spitälern weiterbehandelt. Erstmals arbeiteten die Ärzte im grossen Stil mit Hauttransplantation. Zudem galt es, Funktio­nen operativ wiederherzustellen und Entstellte wieder einigermassen ansehnlich zu machen. Die schrecklichen Jahre des Ersten Weltkriegs verhalfen der neuen medizinischen Disziplin, der plastischen Chirurgie, zum Durchbruch.

Daran denkt heute niemand mehr, der die eigene ästhetische Optimierung in Erwägung zieht. Im Frühling, wenn Mann und Frau wieder mehr Haut zeigen, werden von den Schönheitschirurgen vor allem kleinere Eingriffe verlangt: Botox gegen Falten spritzen, ein bisschen Fett absaugen, die Brüste für den Bikiniauftritt ein wenig vergrössern. Doch nicht nur die nahende Badesaison ist ein Grund, sich unters Messer zu legen: Europaweit ist die Zahl der Haartransplan­tationen, Augenlid- und Nasenkorrekturen von 2012 bis 2013 deutlich angestiegen. Forscher meinen, den Grund in Instagram und Snapchat gefunden zu haben: Immer mehr junge Leute halten sich mit der Kamera quasi einen Spiegel vor. Sie möchten sich vorteilhaft präsentieren und versuchen, ihr Gesicht zu verschönern.

Eigentlich gilt in der Schweiz, dass an Patientinnen unter 18 Jahren keine reinen Schönheitsoperationen durchgeführt werden sollen. Man geht davon aus, dass die Urteilsfähigkeit im Bezug auf den eigenen Körper während der Pubertät noch nicht ausgereift ist.

Ihr Wunsch nach Selbstoptimierung lässt viele Menschen vergessen, dass es entgegen den Anzeigen und Meldungen in den Frauenzeitschriften keine Wunder gibt. Auch eine Schönheitsoperation ist eine Operation, die Spuren bleiben eine Weile sicht- und auch ­spürbar. Allerdings geht der Trend dahin, dass Frauen nicht zuwarten, bis alles hängt, sondern recht früh und in weniger drastischen Schritten mit der Verjüngungschirurgie beginnen – und dann weitermachen: Sie werden Stammkundinnen beim Schönheitschirurgen.

Schönheitschirurg: Kein geschützter Titel

Das grösste Problem im Zusammenhang mit Schönheitsoperationen ist, dass kein Arzt in der Schweiz eine spezifische Ausbildung braucht, um sich Schönheitschirurg nennen zu dürfen. Jeder Hausarzt, Gynäkologe oder Rheumatologe darf solche Eingriffe anbieten und durchführen. Die Versuchung ist gross: Das Geschäft mit dem Traumkörper boomt, und viele Ärzte wittern ein lukratives Tätigkeitsfeld.

Obwohl die Schönheitschirurgie heute eine Dienstleistung ist wie viele andere, ist sie nicht ganz mit einem Autoservice vergleichbar: Ers­tens kann wie bei jedem chirurgischen Eingriff etwas schiefgehen, und zweitens setzt einen ­jede Schönheitsoperation für eine gewisse Zeit ausser Gefecht. Wer es sich leisten kann, bucht deshalb eine Safari oder eine Kreuzfahrt, an ­deren Anfang die Schönheits-OP steht und von der man dann drei Wochen später sichtlich ­erholt zurückkehrt. Denn zugeben, dass man der Schöpfung ein wenig nachgeholfen hat, möchten immer noch die wenigsten.

Hat man keine Zeit für grosse Ferien, versucht man, die Sache möglichst unauffällig zu machen. Die Methode für Business-Women ist heute die Fraktionierung: Man behandelt jeweils nur einen Teil der Haut. Indem man Hitze durch feine Löcher zum Bindegewebe schickt, wird dieses stimuliert, was wiederum die Hauttextur verbessert. Die Krux dabei: Je weniger radikal und damit je weniger sichtbar ein Eingriff ist, desto weniger nachhaltig ist auch seine Wirkung.

Weniger Risiko: Darauf sollte man achten

Die Tatsache, dass ein Schönheitschirurg ein kostenloses ­Beratungsgespräch anbietet, ist kein Zeichen für dessen Seriosität: Ein solches Gespräch ist faktisch ein Verkaufsgespräch. Nur wer sich von den potenziellen Kunden fürs Beraten bezahlen lässt, kann es sich langfristig auch leisten, von einem Eingriff abzuraten. Das Spezialzentrum für Ästhetische Chirurgie Acredis, das eng mit der SPO Patientenschutz zusammenarbeitet, empfiehlt, die ­folgenden vier Punkte auf der Suche nach einem guten ­Chirurgen oder einer guten Dermatologin zu beachten:

1. Sich über die Behandlungs­möglichkeiten informieren
Generell gilt: Je besser ein ­Patient sich vor einem Beratungsgespräch informiert, umso effektiver verläuft es für ihn. Man sollte sich deshalb bereits vorab schlaumachen. Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? Welche Risiken bestehen?

Die folgenden Websites bieten seriöse Informationen zum Thema Schönheitschirurgie:

  • Schweizerische Gesellschaft für Dermatologie und ­Venerologie (SGDV): www.derma.ch
  • Swiss Group for Esthetic Dermatology and Skincare (SGEDS): www.sgeds.ch
  • European Academy of ­Dermatology and ­Venere­ology (EADV): www.eadv.org
  • European ­Society for ­Cosmetic and Aesthetic ­Dermatology (ESCAD): www.escad.org
  • www.acredis.com

2. Einen geeigneten Arzt ­finden
Sucht man einen Arzt für die gewünschte Behandlung, findet man unzählige Anbieter. Vor allem das Internet ist ein ­Informationsdschungel, in dem ­wenig Transparenz über die ­gebotene Qualität herrscht. Die folgenden Kriterien sind bei der Suche entscheidend: Der Arzt oder die Ärztin

  • verfügt über einen adäquaten Facharzttitel
  • ist auf die gewünschte ­Behandlung spezialisiert
  • kann Erfahrung beziehungsweise hohe Fallzahlen für die gewünschte Behandlung vorweisen
  • legt den Fort­bildungsfokus auf die ­gewünschte ­Behandlung
  • kann eine hohe Patienten­zufriedenheit nachweisen
  • bietet ein um­fassendes Aufklärungs­gespräch an
  • nimmt sich genügend Zeit für die Fragen des Patienten

3. Medizinische Aufklärung vor der Behandlung
Das Beratungsgespräch ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen ästhetischen Behandlung. Dabei beantwortet der Arzt alle Fragen und klärt über Behandlungsmöglichkeiten, Risiken und ­Kosten auf. Eine ausführliche Aufklärung ist sehr wichtig und die Grundlage für die Entscheidung für oder gegen eine ­Behandlung.

Falls nach dem ersten Beratungsgespräch noch Frage- oder Redebedarf besteht, sollten Patienten unbedingt ­einen weiteren Gesprächs­termin vereinbaren. Es kann ­ausserdem sinnvoll sein, eine Zweitmeinung bei einem anderen Spezialisten einzuholen.

4. Entscheidung für oder gegen die Behandlung
Patientinnen und Patienten sollten sich für diese Entscheidung ausreichend Zeit nehmen und sich nicht unter Druck ­setzen lassen.

Alles für die Schönheit: Die häufigsten Eingriffe und ihre Vor- und Nachteile

Fettabsaugen
Das Absaugen von Fett an Bauch, Po und Beinen – auch unter den harmlos klingenden Begriffen Lipoforming oder ­Bodyforming bekannt – ist die häufigste Schönheitsoperation in der Schweiz. Mit Kanülen werden zwei bis drei Liter Fett abgesaugt. Fettabsaugen ist ­jedoch auch die Schönheitsoperation mit der höchsten ­Rate an Komplikationen. Wissenschaftler schätzen, dass es bei jedem zehnten Patienten Probleme gibt. Neben Verletzungen durch die Saugkanülen können Blutungen und Infek­tionen entstehen. Werden durch den Eingriff Nerven geschädigt, kann es zu bleibenden Gefühlsstörungen kommen. Zu den weniger schlimmen Folgen gehören Blutergüsse und Dellen. Am häufigsten treten Komplikatio­nen dann auf, wenn der Arzt zu viel Fett auf einmal absaugt. Theoretisch sind bis zu zehn ­Liter möglich, als risiko­arm ­gelten zwei bis drei. Die Kosten für einen solchen Eingriff ­bewegen sich zwischen 2000 und 15'000 Franken.

Brustvergrösserung
Mit dem Wiederaufbau der weiblichen Brust beschäftigen sich Ärzte schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, damals noch aus rein medizinischen Gründen, wenn beispielsweise wegen eines Tumors eine Brust amputiert werden musste. Man experimentierte mit Elfenbein, Rinderknorpel, Wolle, Glaskugeln, Paraffin­injektionen, ­Bienenwachs oder Polyethylen. Die Einführung solcher Fremdkörper führte jedoch zu ­Abwehrreaktionen. 1963 kamen die ersten Silikonimplantate zur Brust­vergrösserung auf den Markt. Die Implantate ­gerieten später dadurch in die Schlagzeilen, dass manche Kissen platzten. Deshalb ist die Wahl eines ­zuverlässigen Arztes und eines zuverlässigen Produkts extrem wichtig. Weltweit sinkt das Durchschnitts­alter von Frauen, die sich die Brüste vergrössern lassen; das Durchschnitts­volumen der Implantate steigt stetig.

Botox
Das Nervengift Botulinumtoxin, kurz Botox, wird in der Neuro­logie seit Anfang der 1980er ­Jahre als Arzneimittel in der Behandlung von speziellen ­Bewegungsstörungen verwendet. In der Schönheitschirurgie ist es seit 2002 zugelassen und wird zur Reduktion von Falten, zum Beispiel der «Zornesfalte» auf der Stirn, eingesetzt. ­Allerdings wird mit dieser an sich simplen Behandlung auch viel Unfug getrieben. Der ­Dermatologe René Rüdlinger sagt: «In Miami mieten Gaunertrupps Hotelzimmer und spritzen Botulinumtoxin von zweifelhafter Herkunft und sogar Silikon, das für den Bau gedacht ist, in die Haut. Da sieht man unglaubliche Sachen.»

Filler
Als Filler werden sich selbst ­abbauende, aber auch dauerhaft verbleibende Füllmate­rialien bezeichnet, die unter Falten gespritzt werden: ­Hyaluronsäure, Kollagen oder Eigenfett. Diese Füllstoffe sind biologisch abbaubar und gut verträglich. Hyaluronsäure wird zu Wasser abgebaut und ver­ursacht keine Allergien. «Spritzt man falsch, kann man Hyaluronsäure innerhalb von zwei Minuten mit einem Enzym auflösen, im Gegensatz zu ­Botox», sagt Dermatologe ­Rüdlinger. Bei den dauerhaften Füllmaterialien warnen Experten vor Nebenwirkungen und Komplikationen: Es gibt kaum ein Mate­rial, bei dem Fremd­körperreaktionen gänzlich ausgeschlossen werden können. Auch kann es passieren, dass sich das Füllmaterial nach einer gewissen Zeit nicht mehr am richtigen Ort befindet, weil sich das ­Gesicht verändert hat.

Peelings
Peelings oder auf Deutsch «Schälkuren» gibt es in drei Stufen: oberflächliche, mitteltiefe und tiefe Peelings. Kosmetikerinnen machen oberflächliche Peelings, bei denen Unreinheiten entfernt werden. Die oberste Schicht der Gesichtshaut ­erneuert sich etwa alle vier ­Wochen, so dass die Behandlung regelmässig wiederholt werden muss. Peelings beseitigen allerdings keine ­Fältchen. Diese liegen im Bindegewebe, und dort kommt man mit oberflächlichen und mitteltiefen Peelings nicht hin. Nach einem mitteltiefen Peeling, das gerade noch Sommersprossen entfernt, muss man eine Woche zu Hause bleiben. Ein tiefes Peeling entfernt Pigmentveränderungen und feine und auch gröbere Fältchen – man sieht deutlich jünger aus. Peelen kann man mit Laser, physisch oder chemisch mit Phenol, ­wobei die physische Methode, quasi ein «Schleifen» der Haut, heute kaum mehr ­angewandt wird. Je nach ­Peeling ist man für eine relativ ­lange Zeit ­unpräsentabel, unabhängig von der Methode. Nach einem Peeling ist guter Sonnenschutz noch wichtiger als sonst, da sich die Haut zuerst regenerieren muss und extrem empfindlich ist.