Beobachter: Frau Ehlert, wann waren Sie das letzte Mal gestresst?
Ulrike Ehlert: Gerade heute, am ersten Tag nach den Ferien, wenn viele Aufgaben zusammenkommen.

Beobachter: Was tun Sie dagegen?
Ehlert: Bei mir hilft eine kleine Auszeit im Garten, da gehe ich sogar in meinen eleganten Schuhen schnell hin. Oft will ich nur kurz etwas schauen. Ehe ich michs versehe, ist dann eine halbe ­Stunde um, aber das negative Gedankengut hat sich geklärt und an Bedeutung verloren.

Beobachter: Stress bedeutet nicht für alle Menschen das Gleiche. Warum ist das so?
Ehlert: Es gibt unterschiedlich intensive Stressfaktoren: Alltagsbelastungen, chronischen Stress, kriti­sche Lebensereignisse oder Traumata. Auch ­reagiert jeder Mensch anders. Wenn jemand ­bestimmte Eigenschaften hat – sogenannte Resi­lienzfaktoren –, steckt er Stress besser weg.

Beobachter: Wer zum Beispiel?
Ehlert: Wir stellten in einer Studie fest, dass bei eidgenössisch geprüften Bergführern die psychischen Auffälligkeiten extrem niedrig sind. Sie sind in der Lage, selbst in lebensbedrohlichen Situationen professionell und überlegt zu reagieren. Andere Personen mit ungünstiger Ausstattung und negativen Erfahrungen empfinden allein schon Stressfaktoren des Alltags als enorme Belastung.

Beobachter: Was braucht man, um stressunempfindlich zu sein?
Ehlert: Es gibt kein wissenschaftlich definiertes Profil der Stressresistenz. Aber die soziale Unterstützung ist ein wichtiger Faktor. Wie eine Studie aus den USA zum Hurrikan Katrina zeigte, konnten die meisten Betroffenen gut mit den Folgen der Katastrophe umgehen. Nur wer sich gleichzeitig mitten im Hurrikan befand, über eine ungüns­tige genetische Ausstattung verfügte und nur auf geringe soziale Unterstützung zählen konnte, hatte eine höhere Wahrscheinlichkeit, an ­einer Depression oder einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken. Die meisten Menschen haben also die Voraussetzung, um mit Stress umzugehen.

Beobachter: Weshalb klagen trotzdem so viele über Stress?
Ehlert: Unsere gesellschaftliche Struktur ermöglicht uns eine enorm hohe Selbstverwirklichung. Wir alle haben heute extrem hohe Erwartungen an unser Leben. Zudem muss man viel präsenter sein. Ziemlich viele Menschen glauben, in ihrer Freizeit auch noch Ausserordentliches leisten zu müssen, und fangen zum Beispiel mit Extremsportarten an.

Beobachter: Aber ist Sport nicht ein Mittel, um Stress abzubauen?
Ehlert: Einem Teil der Menschen tut Sport wirklich gut. Aber es gibt viele Leute, die sich den Halbma­rathon oder Marathon beweisen müssen und einen Riesenstress haben, weil sie die hohen Trainingsfrequenzen auch noch in ihrem Alltag unterbringen müssen.

Beobachter: Woran erkennt man, dass der Stress ­überhandnimmt und man aufpassen muss?
Ehlert: Klassische Stresssymptome sind eine nieder­geschlagene Stimmung und Gereiztheit. Auch Schlafstörungen oder häufiger Durchfall sind ein Zeichen, dass etwas nicht mehr stimmt. Oder die Änderung von Genuss- und Ernährungsgewohnheiten. Wenn das Glas Wein zum Abendessen plötzlich zur Flasche wird. Oder die zwei, drei Genusszigaretten zu einem ganzen Päckchen.

Beobachter: Stress ist Ihr Hauptforschungsgebiet. ­Woran forschen Sie gerade?
Ehlert: Eine aktuelle Studie befasst sich mit der Frage, wie das Umweltverhalten von Männern vom Verhältnis zwischen dem Stresshormon Cortisol und dem Sexualhormon Testosteron abhängt. Wir suchen noch Männer für die Studie: Auf der Website www.mannundumwelt.ch können sich Interessierte informieren.

Beobachter: Ursprünglich ist Stress ja eine natürliche Reaktion des Körpers auf Gefahr: Wieso ist Stress schädlich für den Körper?
Ehlert: Stress ist etwas Positives, aber nur wenn er nicht die ganze Zeit auftritt. Das Stresshormon Cortisol steigt an, wenn man zum Beispiel am Morgen aufwacht, das ist ganz natürlich. Nach einer Stunde normalisiert es sich wieder. Das Cortisol steigt auch bei arbeitsbezogenem Stress an, ­deshalb sollte nach der Arbeit eine Erholungsphase folgen. Kritisch wird es, wenn das Hormon ­dauerhaft zu weit oben bleibt und das ­Zusammenspiel zwischen Cortisol, Adrenalin und Nor­adrenalin nicht mehr stimmt. Dann ist es nicht mehr möglich, auf akute Belastungen zu reagieren.

Beobachter: Was bedeutet das für den Körper?
Ehlert: Wenn der Stress so stark wird, dass er schädlich ist, kommt es zu Fehlregulationen der Stresshormone. Die natürliche Schutzfunktion des Körpers, «fight or flight», also «Kampf oder Flucht», funktioniert nicht mehr, wenn das Stresshormonfreisetzungsprofil eines Menschen fehlreguliert ist. Der Körper reagiert mit einer Fehlanpassung. Eine Form der Fehlanpassung ist das Burn-out.

Beobachter: Wie lässt sich ein Burn-out erkennen?
Ehlert: Burn-out ist keine Diagnose, sondern ein Zustand. Hinweise dafür können sein, dass man überhaupt keine Lebensfreude mehr hat, nur noch zynisch ist, sich von allem völlig überfordert fühlt und sich von Freunden und Familie zurückzieht. Dies kann dazu führen, dass sich eine Depression entwickelt oder eine Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit entsteht.

Beobachter: Welche Krankheiten werden durch Stress ausgelöst oder begünstigt?
Ehlert: Bei vielen Menschen, die anfällig für Infekte sind, wurde nachgewiesen, dass sie häufig viel Stress hatten. Es ist in der Zwischenzeit genau erforscht, dass Stress das Immunsystem negativ beeinflusst und die Blutfettwerte und den Blutdruck ansteigen lässt. Eine weitere Auswirkung von Stress ist erst seit kurzem bekannt: Auch Schutzhormone im Gehirn, die wir für die An­regung des Zellwachstums brauchen, werden durch anhaltenden Stress ungünstig beeinflusst.

Beobachter: Was bedeutet das?
Ehlert: Jemand, der Stress hat, bildet sich nicht nur ein, gestresst zu sein, sondern der Körper reagiert messbar darauf. Besonders hoch ist die Cortisolfreisetzung, wenn die Stresssituation als sehr bedrohlich empfunden wird und die Bewältigungsmöglichkeiten schlecht sind.

Beobachter: Was hilft, mit Stress umzugehen?
Ehlert: Aus der Forschung weiss man inzwischen, dass bei der Stresswahrnehmung neben genetischen Voraussetzungen und der biologischen Anpassung mit den genannten Stresshormonen auch die Lernerfahrung eine wichtige Rolle spielt.

Beobachter: Man kann lernen, sich nicht stressen zu lassen?
Ehlert: Ja, das haben Studien von uns gezeigt. Viele lassen sich stressen, weil sie negative Gedanken haben. In sogenannten Stressimpfungstrainings kann man üben, selbstschädigende Gedanken ein Stück weit in Schach zu halten und damit den Stress besser zu bewältigen. Etwa indem man sich sagt: «Ich habe es schon oft geschafft, warum sollte ich es diesmal nicht schaffen?»

Beobachter: Dazu muss man aber erkennen, dass der Stress zu viel wird.
Ehlert: Ja, aber die allerwenigsten Menschen reagieren darauf. Viele glauben, sie können es sich nicht leisten. Für viele ist das Lebensmotto: immer mehr, immer toller, immer grossartiger. Oder sie sind Konflikten ausgesetzt, etwa wenn man ­arbeiten gehen muss und gleichzeitig das Kind erkrankt. Die Lebenskunst bei der Stressbewältigung ist, herauszufinden, was einem wirklich guttut. Das wird den Patienten in den Reha­kliniken wieder beigebracht.

Beobachter: Sollte man es nicht besser vorher schon lernen?
Ehlert: Natürlich. Jeder sollte seine persönlichen Ansprüche an den Lebensstil überdenken und sich überlegen, wie viel er zu geben bereit ist, um sie zu erfüllen. Das ist die beste Stressprävention. Was auch hilft, sind die ganzen Entspannungstechniken. Es gibt Studien, die zeigen, dass Yoga das Immunsystem kurzfristig positiv beeinflusst. Nur muss entweder das Interesse oder der Leidensdruck ziemlich gross sein, um diese Techniken erst mal zu lernen. Man muss auch sehen, dass es eine ganze Reihe von Leuten toll findet, gestresst zu sein.

Mehr zur Person

Psychologieprofessorin Ulrike Ehlert, 52, leitet die Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Verhaltensmedizin, Psychobiologie und stressabhängige Erkrankungen.
Foto: Marion Nitsch

Quelle: Thinkstock Kollektion