Als Sie vom Postautobrand in Kerzers FR hörten – haben Sie sofort versucht zu analysieren, was für ein Mensch der Täter gewesen sein könnte?
Zuerst war ich, wie wohl alle, erschüttert. Ich nahm es einfach als schlimme Nachricht wahr. Erst danach beginnt bei mir als Experten das Nachdenken.

Was kann einen Menschen zu einer solchen Tat treiben?
Wenn jemand versucht, sich selbst zu töten und dabei andere Menschen mit in den Tod reisst, muss man von extremer Verzweiflung ausgehen – und wahrscheinlich auch von grosser Wut. Gleichzeitig kann eine schwere psychische Erkrankung eine Rolle spielen. Dann versteht die Person womöglich gar nicht mehr, welchen Risiken sie andere aussetzt.

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Warum will jemand, dem es so schlecht geht, auch noch andere mit in den Tod reissen?
Manche machen die anderen für ihr eigenes Leid verantwortlich und nehmen sie deshalb mit in den Tod. In anderen Fällen – etwa bei schwerem Wahn – glaubt jemand, die Familie wäre ruiniert, wenn er sich das Leben nehmen würde. Daraus entsteht die Überzeugung, man müsse die Angehörigen davor schützen und deshalb auch umbringen.

In Kerzers kannte der Täter die Opfer aber nicht.
Genau. Zufallsopfer sind ausgesprochen selten. Auch deshalb beschäftigt dieser Fall gerade so viele Menschen.

Der Täter lebte am Rand der Gesellschaft, wohnte isoliert in einem Camper. Welche Rolle spielt das?
Bei sozial isolierten Personen können die Hemmungen sinken. Wer in Beziehungen eingebunden ist, möchte sich meist auch sozial akzeptabel verhalten. Wer aus diesen Netzen fällt, hat weniger zu verlieren.

Sollte man eingreifen, wenn man jemanden kennt, der sehr eigenbrötlerisch lebt?
Wichtig ist, Kontaktpunkte für solche Menschen zu schaffen. Aber das kann nicht allein Aufgabe einzelner Bürger sein. Dafür braucht es ein funktionierendes Gesundheits- und Sozialnetz – und das haben wir grundsätzlich. Trotzdem fallen einzelne Menschen durch solche Raster. Man kann etwa eine Gefährdungsmeldung bei der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde machen. Dann wird geprüft, ob Hilfe nötig ist. Gleichzeitig gilt: Nicht jeder Sonderling ist gefährlich.

Der Täter war polizeibekannt, verschanzte sich schon früher in einem Gebäude und drohte mit Selbstverletzung. Das sind doch eindeutige Warnsignale?
Zumindest zeigt es, dass dieser Mensch keinen anderen Weg mehr sah, auf seine Situation aufmerksam zu machen. In solchen Fällen mit sehr ungewöhnlichem und auch bedrohlich anmutendem Verhalten wäre eine psychiatrische Abklärung sinnvoll.

Sehen Sie Parallelen zu anderen Fällen?
Dass sich jemand selbst anzündet, passiert häufiger in einem politischen oder einem aktivistischen Kontext. So wie hier ist es extrem selten. Für mich spricht das eher für eine schwere psychische Erkrankung mit Wahnvorstellungen. Die Tat ist extrem zerstörerisch.

«Für 99 Prozent der Patienten funktioniert das System gut. Wenige Menschen aber fallen durch die Maschen.»

Elmar Habermeyer, Psychiater

Aufenthalte in Psychiatrien werden bewusst so kurz wie möglich gehalten. Patienten ohne stabiles Umfeld landen oft in Notschlafstellen oder auf der Strasse. Ist das ein Problem?
Früher lebten Menschen jahrelang in Kliniken. Das will heute niemand mehr. Stattdessen wurden ambulante Angebote aufgebaut: Wohnheime, sozialpsychiatrische Dienste, Ambulatorien. Für 99 Prozent der Patienten funktioniert dieses System gut. Wenige Menschen aber fallen durch die Maschen. Besonders diejenigen, die keine Hilfe annehmen wollen. Ein Dilemma. Für sie bräuchte es mehr aufsuchende Angebote – also Fachpersonen, die dorthin gehen, wo diese Menschen leben.

Nach solchen Taten haben Menschen Angst. Ihr Rat?
Weiter Bus fahren! Wer beginnt, Situationen zu vermeiden, verstärkt die Angst nur. Statistisch bleibt die Schweiz ein sehr sicheres Land. Im öffentlichen Verkehr begegnet man manchmal randständigen Personen, die irritierend wirken können. Aber nicht jeder von ihnen ist ein potenzieller Täter. Wichtig ist, auf Intuition und gesunden Menschenverstand zu hören.

Spielt die angespannte Weltlage auch eine Rolle?
Viele Menschen stehen unter grossem gesellschaftlichem Druck – oder haben das Gefühl, dass es so ist. Wenn je-mand psychisch belastet ist, spürt er diesen Druck noch stärker. Insofern kann auch das gesellschaftliche Klima bei der Ursachenforschung nicht aussen vor bleiben.

Nach Crans-Montana muss die Schweiz die zweite Brandkatastrophe verarbeiten. Was macht das mit uns?
Es erhöht die Aufmerksamkeit. Das kann auch positive Folgen haben, zum Beispiel beim Brandschutz. Aber es gibt auch Gefahren, beispielsweise wegen einer möglichen Nachahmung. Deshalb ist es wichtig, über solche Taten sachlich zu berichten und keine Details zu verbreiten, die als Vorlage dienen könnten.

Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst auf «schweizer-illustrierte.ch» erschienen.