Feuchte Hände vor einer wichtigen Präsentation, Herzrasen im überfüllten Zug oder die Sorge, dass den Liebsten etwas Schlimmes zustossen könnte: Angst ist ein lebenswichtiges Warnsignal. Sie schützt uns vor Gefahren und macht uns leistungsfähiger. Problematisch wird es, wenn das Alarmsystem zu häufig, zu stark oder ohne reale Gefahr aktiv wird.

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Krankheiten, in der Schweiz ist jede zehnte Person davon betroffen. Doch viele suchen erst nach Jahren Hilfe. «Angst wird oft mit Schwäche verwechselt», sagt Joe Hättenschwiler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung in Zürich. Eine Angststörung sei keine Charakterschwäche, sondern eine ernsthafte, aber gut behandelbare Krankheit.

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Wenn die Psyche körperliche Alarme auslöst

Angst ist häufig mit körperlichen Symptomen verbunden. Betroffene gehen deshalb oft zuerst wegen Herzrasens, Übelkeit, Schwindel oder eines Engegefühls in der Brust zum Arzt. Doch die Ursache liege im sensiblen Zusammenspiel zwischen Psyche und Körper, sagt Hättenschwiler. «Die Seele schlägt Alarm, weil innere Belastungen, Unsicherheiten oder frühere Erfahrungen vom Gehirn als Gefahr verarbeitet werden.»

Die häufigsten Arten von Angststörungen sind die generalisierte Angststörung (ständige Sorgen und Anspannung), die soziale Angst (Angst vor Bewertungen oder Situationen mit anderen Menschen), Panikstörungen (wiederkehrende Panikattacken) sowie spezifische Phobien (zum Beispiel die Angst vor Höhen, dem Fliegen usw.).

Zur Person

Die Welt wird immer kleiner

Was passiert, wenn jemand über Jahre hinweg unbehandelt unter starken Ängsten leidet? Dem Experten zufolge entwickeln die Betroffenen oft neue Denk- und Verhaltens- muster sowie ein starkes Vermeidungsverhalten. Wer eine Panikattacke im Bus oder Kino erlebt, meidet diese Orte. Mit der Zeit wird die Welt der Betroffenen immer kleiner, bis sie sich kaum mehr aus dem Haus trauen. «Das kann Beziehungen belasten und macht es schwierig, sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht.»

Wir alle zerbrechen uns manchmal den Kopf. Doch während normale Sorgen konkret sind und wieder vorübergehen, kreisen die Gedanken bei Menschen mit einer generalisierten Angststörung permanent um Katastrophenszenarien. «Wenn Sorgen und Ängstlichkeit den Alltag dominieren, Schlaf und Konzentration beeinträchtigen und über Wochen oder Monate anhalten, ist das ein klares Warnsignal», sagt Hättenschwiler.

Mehrere Faktoren spielen zusammen

Meist entstehen Angststörungen aufgrund mehrerer Faktoren. Neben der genetischen Veranlagung können unsichere Bindungen in der Kindheit, belastende Lebensumstände, chronischer Stress oder Verlusterfahrungen eine Rolle spielen. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer. «Vermutlich spielen biologische Faktoren wie Hormone eine Rolle, aber auch Unterschiede in der Stressverarbeitung und Sozialisierung», sagt der Psychiater. Gleichzeitig suchen Frauen häufiger professionelle Hilfe auf, Angststörungen werden öfter erkannt und diagnostiziert.

Ein wichtiger Behandlungsansatz bei Angststörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen. «Dabei lernen Betroffene, Angstsignale richtig einzuordnen, ungünstige Gedankenmuster zu verändern und sich der Angst schrittweise wieder zu stellen», so Hättenschwiler. Er erklärt, dass bei manchen Menschen nach der Therapie eine gewisse Verletzlichkeit bleibe. Wer aber die Angst verstehe, Warnzeichen frühzeitig erkenne und hilfreiche Strategien gelernt habe, könne Rückfälle meist gut abfangen oder verhindern.

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