Leonie Molina (Name geändert) liebt grosse Hand­taschen. Weil da alles reinpasst, was sie braucht, wenn sie Orte aufsuchen muss, die auch andere Menschen benutzen. Flugzeuge, Bankschalter oder – im schlimmsten Fall – öffentliche Toiletten.

Wenn sich der Besuch einer solchen partout nicht vermeiden lässt, holt Leonie Molina einen Desinfektionsspray aus der Tasche. Dann antibakterielle Tüchlein, um Toilettenring und Wasseroberfläche abzudecken. Danach eins, um den Spülknopf nicht mit Händen anfassen zu müssen. Und noch eins, um nicht ungeschützt die Türfalle zu berühren. Nach dem Hände­waschen schliesslich trägt sie ein Desinfektionsgel auf, das verspricht, 99,9 Prozent der Bakterien zu entfernen. Dann atmet sie tief durch und schwört sich: «Nie wieder!»

Es gibt viele Dinge, die Molina aus Angst vor Bakterien und Viren vermeidet: Schwimmbadbesuche, Ferien im Ausland oder Essen in Restaurants. «Wenn die Leute wüssten, wie viele sich nach dem WC-Besuch die Hände nicht waschen, wären Restaurants und Hotels leer», sagt die selbständige Kosmetikerin. Inzwischen putzt sie selbst die heimische Toilette zweimal täglich. Ist ihr Mann zu Hause, sogar öfter.

«Manche mögen es sehr sauber»

Als Mysophobie wird die übersteigerte Angst vor Kontakt mit Schmutz oder Bak­terien und Viren bezeichnet. Diese Angst kann sich auf real existierende Verunrei­nigungen beziehen – sie kann aber auch auftauchen, wenn weit und breit kein Schmutz auszumachen ist. «Krankhaft ist diese Angst nicht unbedingt», sagt Michael Rufer, stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Unispitals Zürich. «Manche Menschen mögen es sehr sauber, andere weniger. Solange ein Mensch gut mit seinen Ansprüchen zurechtkommt, sprechen wir nicht von einer Krankheit.» Aber: Wenn die Betroffenen unter der Angst zu leiden begännen und es nicht schaffen würden, ihr Verhalten zu ändern, werde aus der Marotte ein Zwang. Der trifft etwa 150'000 Männer und Frauen in der Schweiz, weltweit leidet etwa jeder Fünfzigste irgendwann im Leben an behandlungsbedürftigen Zwängen. Prominentestes Opfer: Michael Jackson. Der Musiker wagte sich zeitweise nur noch mit Handschuhen und Mundschutz in die Öffentlichkeit.

Die Gründe für schwere Ausprägungen sind laut Rufer vielfältig. Die Persönlichkeit kann eine Rolle spielen, die Risikobereitschaft, die Neigung, jede Gefahr zu meiden, die Erziehung und nach heutigem Stand der Wissenschaft auch die genetische Prägung. Zudem könne ein schweres Trauma in der Kindheit eine Zwangsstörung auslösen. Schwere Ausprägungen nehmen laut Rufer nicht zu, doch scheint die Gruppe der ganz normalen Mikrobenphobiker rasant zu wachsen. Danielle Meier (Name geändert) ist eine von ihnen. Die Zürcher Lehrerin gräbt mit ihren Schülern problemlos Zwergenhöhlen im Wald, aber im Bus hört für sie der Spass auf: Sich an einer Haltestange festzuhalten kommt nicht in Frage. «Wenns keinen Sitzplatz mehr hat, bin ich aufgeschmissen. Aber lieber ein wenig Akrobatik als irgendeine Krankheit», sagt Danielle Meier. Ein Blick in die Handtasche der jungen Frau verrät: Ohne Desinfektionsmittel geht auch sie nirgendwo hin.

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Desinfizieren nimmt seit der Vogelgrippe zu

Wie kommt das, in einem der saubersten Länder der Welt? Der Absatz von Handdesinfektionsmitteln ist in der Zeit der Vogel- und der Schweinegrippe rapide gestiegen. Dank den damaligen Kampagnen hat sich bei den Konsumenten der Gedanke verankert, Händedesinfektion sei im Zusammenhang mit Übertragung von Krankheiten wichtig. Resultat: Das Händedesinfektionsgel gehört bis heute zu den Topsellern.

Gar nicht erfreut über den Erfolg dieser Produkte ist Fritz Titgemeyer. Der Mikrobiologe der Uni Münster suchte den öffentlichen Raum nach Krankheits­erregern ab: Handgriffe, Einkaufswagen, Touchscreens, Haltestangen. Sein Fazit: «Die Gefahr, sich an einer Haltestange oder an einem Bancomaten mit einer schweren Krankheit anzustecken, ist äusserst gering.» Natürlich fand der Wissenschaftler vielerorts Schmutz. «Das mag eklig sein, aber gefährlich ist es nicht», sagt er.

Sogar öffentliche Toiletten darf man laut Titgemeyer ohne Panik benutzen. Wer sich im eigenen Auto in den Strassenverkehr wage, gehe definitiv höhere Risiken ein. Und: «Händewaschen kann sinnvoll sein, aber der regelmässige Einsatz von Desinfektionsmitteln macht die Haut anfälliger für Krankheiten.» Wer sich zu eifrig schützt, kann also eher krank werden.

«Darüber reden reicht nicht»

Was also tun, wenn es einem wie Danielle Meier schon beim Gedanken an eine Haltestange kalt den Rücken herunterläuft und man trotzdem den Bus benutzen will? Bei solch klar begrenzten Ängsten rät Psychiater Michael Rufer zur Selbsthilfe. In erster Linie gehe es darum, sich mit der Angst zu konfrontieren. Will heissen: die Haltestange im Bus zu benutzen, ohne sich danach gleich die Hände zu waschen oder zu desinfizieren. Für Leonie Molina unvorstellbar, für Danielle Meier eine Mutprobe. Und Rufer doppelt nach: «Um die Angst zu überwinden, reicht es nicht, es bloss einmal zu tun. Wenn man wirklich darüber hinwegkommen will, muss man es über längere Zeit tun, am besten täglich.»

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Ist die Zwangsstörung ausgeprägt, sollte man zum Therapeuten gehen. Aber auch dort gehe es letzten Endes darum, sich der Angst zu stellen. Real. «Besprechen reicht nicht», sagt Rufer. Seine Patienten tun genau das, wovor ihnen graust: das öffent­liche WC benutzen oder den Bancomaten. «Um diesen Schritt führt keine Therapie der Welt herum.»

Leonie Molina kaufte sich jüngst eine neue Tasche, einen geräumigen Shopper aus Leder. Das Geld dafür nahm sie aus der Ferienkasse, die sie und ihr Mann regel­mässig füttern. Denn die beiden konnten sich nicht einigen: Er will ans Meer, sie auf keinen Fall ein Hotel-WC benützen.

Mehr Infos über Zwangsstörungen

Lesen Sie mehr zu diesem Thema auf den Websites der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen (SGZ)