Michelle Keller* konnte nicht mehr rennen. Sie wollte die Beine bewegen, links, rechts, links, rechts, immer schneller. Nichts ging. Sie spürte ihre Muskeln nicht mehr. Ihr Körper verweigerte die Bewegung. Er fühlte sich an, als gehöre er jemand anderem. Sie hatte keine Ahnung, was los war. Sie spürte nur Panik.

Es war das letzte Symptom einer Reihe von psychischen Problemen, an denen die damals 18-Jährige litt. In der Schule musste sie gegen Zwangsgedanken kämpfen. Ständig hatte sie Angst, dass sie aufstehen und einen Mitschüler umbringen würde. Oder sich selber. Sie war so übermüdet, dass sie sich kaum konzentrieren konnte.

Die Aussenwelt nahm sie wie durch eine milchige Scheibe wahr. Sie fühlte sich gefangen in einer anderen Realität. Schliesslich flog sie vom Gymi. Doch erst am Tag, als sie nicht rennen konnte, wusste sie: Ich brauche Hilfe.

Freiwillig in die psychiatrische Klinik

Kurz darauf liess sie sich in eine psychiatrische Klinik einweisen. Trotz dem Schock, in einer Klinik zu sein, fühlte sie sich besser: Sie musste nicht mehr funktionieren. Die Ärzte verschrieben ihr eine hohe Dosis Antipsychotika und ein Antidepressivum. Nach drei Monaten entliessen sie sie mit der Diagnose «Verdacht auf Schizophrenie». «Formales Denken ist verlangsamt», steht im Abschlussbericht. «Patientin hat noch leichte Konzentrationsstörungen, leidet immer noch an mittelgradigen Derealisations- und Depersonalisationssymptomen. Schlafstörungen werden verneint.»

Zurück im Alltag fühlte sich Michelle Keller allerdings immer noch weit weg von der Realität. Die intelligente Frau schleppte sich durch eine KV-Lehre und schloss sie mittelmässig ab. Danach konnte sie sich in keinem Job länger als ein Jahr halten. 

«Du schnarchst unglaublich krass. Ich hatte die ganze Nacht Angst, dass du erstickst.»

Michelle Kellers* Freund

Sie schlief zwar wie ein Stein. Trotzdem war sie den ganzen Tag unkonzentriert und döste alle zehn Minuten weg. Manchmal brauchte sie alle Energie, die sie hatte, um gegen das Gewicht ihrer Augenlider zu kämpfen. Ihr Arzt untersuchte sie, attestierte ihr perfekte Blut- und Eisenwerte. Die Erschöpfung komme von den Medikamenten, sagte er. Sie glaubte ihm.

Dann lernte sie ihren jetzigen Freund kennen. Nach der ersten Nacht sagte er: «Du schnarchst unglaublich krass. Ich hatte die ganze Nacht Angst, dass du erstickst.» 

Sie schnarchte wie ein fetter Säufer

Mit 25 liess sie sich in ein Schlaflabor einweisen. Die Werte der feingliedrigen Frau verdutzten die Ärzte. «Sie sagten mir, dass ich lauter schnarche als ein 60-jähriger, rauchender, fetter Säufer», erinnert sie sich lachend. 

Michelle Keller erhielt eine Maske, die ihr nachts Sauerstoff in die Lungen pumpte. Zudem wurden die Mandeln entfernt. Sie waren so gross, dass sie die Apnoe verursacht hatten. Die junge Frau hatte nachts immer wieder längere Aussetzer beim Atmen.

Mit diesem Problem ist sie nicht allein. Männer und Frauen mit Schlafapnoe, die pro Stunde mehr als 20 Atemaussetzer haben, leiden doppelt so häufig an einer Depression wie die Normalbevölkerung. Gemäss einer Studie einer deutschen Schlafklinik gilt jeder Fünfte als depressiv. 

«In der Psychiatrie wird das Thema Schlaf zu wenig beachtet», sagt Raphael Heinzer, Chefarzt der Schlafklinik am Unispital Lausanne. «Allzu oft wird angenommen, dass die Müdigkeit von der psychischen Krankheit kommt, und nicht umgekehrt.» Forscher glauben, dass der Schlafmangel die Betroffenen erschöpft und sie daran hindert, richtig am Leben teilzunehmen. «Zudem kann es sein, dass der Körper durch den ruppigen Schlaf gestört wird und nicht mehr fähig ist, in der Nacht die Abfallmoleküle im Gehirn zu säubern», sagt Heinzer.

Rundum gesünder dank Atemmaske

Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen Schlafapnoe und Schizophrenie. Das zeigt eine Studie von Jens Acker, Chefarzt der KSM Klinik für Schlafmedizin Bad Zurzach und Flughafen Zürich. Danach leiden schizophrene Patienten rund doppelt so oft an einer Schlafapnoe wie gesunde Menschen. 

«Da gibt es etwa den Fall eines schizophrenen Mannes. Er hatte einen massiv gestörten Tagesablauf und lag bis zu 18 Stunden apathisch im Bett», so Acker. «Nachdem er sich an die Atemmaske gewöhnt hatte, ging es ihm so viel besser, dass er in einer geschützten Werkstatt arbeiten konnte.»

Ob eine Schlafapnoe eine Schizophrenie auslösen kann, ist laut Acker offen. Aber sie könne eine Krankheit verschlimmern. Daher fordert er, dass die Medizin dem Thema mehr Aufmerksamkeit widmet, in psychiatrischen Kliniken wie bei Hausärzten und in der Prävention: «Ein Drittel aller Patienten beim Hausarzt klagt über Schlafstörungen. Eine riesige Menge. Und heute weiss man, dass man Erschöpfungsdepressionen vorbeugen kann, indem man die Schlafstörungen korrekt behandelt.» Problematisch sei, dass viele Hausärzte keine andere Lösung als Schlaftabletten kennen.

Eine App für den Selbsttest

Letztes Jahr hat das Unispital Lausanne die Gratis-App Nosas veröffentlicht. Sie wird heute auch für depressive Patienten empfohlen. Damit kann man mit sechs einfachen Fragen (in Englisch) testen, ob man an einer Schlafapnoe leidet. Die App ist für Android und iOS erhältlich.

Lange glaubte man, dass zwei bis vier Prozent der Bevölkerung an Schlafapnoe mit Atemaussetzern leiden. Es könnte aber jeden zweiten Mann und jede fünfte Frau über 40 treffen, zeigen Studien von Raphael Heinzer am Unispital Lausanne. «Wir haben heute viel feinere Messinstrumente», sagt er. Nicht alle wissen, dass sie schnarchen. Und nicht alle leiden unter den Folgen der unruhigen Nächte. Heinzer hat einen Fragebogen für Hausärzte und Psychiater ausgearbeitet, mit dem sie klären können, ob Patienten eine behandlungsbedürftige Apnoe haben. Darin wird unter anderem Alter, Geschlecht, Halsdurchmesser und BMI abgefragt.

So fühlt es sich an, ausgeschlafen zu sein

Nach der ersten Nacht mit dem Luftgerät wachte Michelle Keller mit einem eigenartigen Körpergefühl auf, das ihr fremd war. Erst allmählich realisierte sie: So fühlt es sich an, wenn man ausgeschlafen ist. 

Diese Nacht war der Wendepunkt in ihrem Leben. Sie spürte, wie ihr der regelmässige tiefe Schlaf allmählich die Energie zurückbrachte. Die psychischen Probleme minderten sich langsam, aber stetig. Sie konnte sich besser konzentrieren, und zum ersten Mal hatte sie genug Kraft, sich gegen ihre Ängste zu wehren.

Michelle Keller holte die Erwachsenenmatur nach und schloss mit guten Noten ab. Im September 2017 hat sie, mittlerweile 30, angefangen zu studieren. Germanistik und Geschichte. Ihr Freund schläft jede Nacht neben ihr. Das Schnarchen komme nur noch sehr sporadisch vor, sagt er. «Ich finde es fast herzig.»

 

*Name geändert

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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