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Gepflegter WaldHier fühlen sich die Schweizer am wohlsten

Bief de Vautenaivre bei Goumois im Jura
Mystischer Wasserfall mitten im Wald: Bief de Vautenaivre bei Goumois im Jura. Bild: Thomas Senf, visualimpact.ch

Umweltpsychologin Nicole Bauer untersucht die Auswirkungen von Waldaufenthalten auf den Menschen. Ihre Studien liefern interessante Erkenntnisse.

von Andrea Haefelyaktualisiert am 2017 M07 04

Beobachter: Erholt man sich besser in einem gepflegten oder in einem wilden Wald?
Nicole Bauer: Es ist tatsächlich ein Unterschied. Wir haben für eine Doktorarbeit 50 Testpersonen durch den Wald spazieren lassen. Danach füllten sie einen Fragebogen zu ihrem Befinden aus. Den Test stellten wir im Labor nach. Die Probanden spazierten mit Kopfhörern auf dem Laufband vor einem riesigen Bildschirm virtuell durch den gleichen Wald. Und beantworteten danach die gleichen Fragen. Das war übrigens die erste Studie, bei der man sich die Mühe machte, die Probanden in den Wald zu schicken, statt nur Fotos vorzulegen.

Beobachter: Und was ist dabei herausgekommen?
Bauer: Beide Tests zeigen praktisch identische Ergebnisse: In der Schweiz aufgewachsene Enddreissiger erholen sich im gepflegten Wald besser als im wilden. Das ist erstaunlich, wir hatten eigentlich das Gegenteil erwartet.

Beobachter: Wieso?
Bauer: Nun, man denkt doch automatisch, dass mehr Natur mehr hilft…

Beobachter: Aber?
Bauer: Wir wissen es nicht sicher, gehen aber davon aus, dass man sich in der Umgebung am wohlsten fühlt, die man gewohnt ist. Unsere Probanden wurden in einer Zeit geboren, in der es fast nur bewirtschaftete Wälder gab. Schweizer fühlen sich in einem gepflegten Wald am wohlsten.

Nicole Bauer, 46, ist Umweltpsychologin und beschäftigt sich mit sozialwissenschaftlicher Landschaftsforschung. Sie arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Beobachter: Macht der wilde Wald nicht auch Angst?
Bauer: Angst war für die Probanden überhaupt kein Thema. Anderseits: Wer gibt schon gern zu, dass er sich im Wald am helllichten Tag und in Stadtnähe fürchtet.

Beobachter: Wurde auch das Blut der Probanden untersucht?
Bauer: Nein. Dafür wäre die Einwilligung der Ethikkommission nötig gewesen. Wir scheuten den Aufwand. Heute würden wir es aber machen. Messungen – etwa des Stresshormons Cortisol – würden die Befragungsergebnisse medizinisch untermauern.

Lesen Sie dazu auch unsere Titelgeschichte zum Thema «Wald»:

Darum tut uns der Wald so gut

Warum eigentlich sind Waldspaziergänge so gesund? Was Forscher weltweit bis anhin alles über die wohltuende Wirkung von Wäldern herausgefunden haben.

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Beobachter: Wie ist es in anderen Ländern? Werden da gepflegte Wälder auch bevorzugt?
Bauer: Mir ist keine entsprechende Studie bekannt. Aber es dürfte international grosse Unterschiede geben. Im Osten Europas, in Polen, Rumänien oder Bulgarien, haben die Menschen vermutlich weniger Vorbehalte Urwald gegenüber, weil wilder Wald dort häufiger anzutreffen ist. Auch der Stellenwert des Waldes in der Gesellschaft ist international unterschiedlich.

Beobachter: Wie meinen Sie das?
Bauer: In der Schweiz ist Wald einfach da, die Bevölkerung bezieht ihn in ihr Leben ein – 42 Prozent der Bevölkerung gehen im Sommer zwei- bis dreimal wöchentlich in den Wald. Das ist ein enorm hoher Anteil. In Deutschland nutzt die Bevölkerung den Wald viel seltener. Dafür ist er Teil des nationalen Mythos und der Identität. In diesem Zusammenhang wäre es übrigens auch sehr interessant, zu erforschen, wie sehr unser Waldbild von Märchen, Kinderbüchern und Werbung geprägt ist.

«Förster erholen sich im Wald kaum. Sie sehen auch in ihrer Freizeit im Wald überall Arbeit.»

 

Nicole Bauer, Umweltpsychologin

Beobachter: In einer anderen Untersuchung, bei der Sie mitgearbeitet haben, ging es um Forstarbeiter.
Bauer: Es stellte sich heraus, dass sich Forstarbeiter in ihrer Freizeit im Wald kaum erholen.

Beobachter: Warum?
Bauer: Weil sie den Wald mit Arbeit verbinden. Der Effekt des «being away», also des Ortswechsels weg vom stresserzeugenden Arbeitsort, bleibt bei ihnen aus. Sie sehen auch in der Freizeit im Wald überall Arbeit.

Beobachter: Und für alle anderen kommt es darauf an, unter welchen Bäumen sie sich erholen?
Bauer: Aus psychologischer Sicht nicht. Zumindest ist das nicht erforscht. In unseren Breitengraden haben die meisten Menschen aber lieber Laubwälder als Nadelholzwälder. Und wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir besonders zusagt, ist natürlich auch der Erholungseffekt grösser.

Beobachter: Wieso Laubwälder?
Bauer: Das dürfte vor allem daran liegen, dass sie mehr Licht durchlassen.

Beobachter: Und welchen Wald ziehen Sie vor?
Bauer: Auch mir gefallen Laubwälder besser als Nadelholzwälder. Am liebsten mag ich Buchenwälder.

Bildergalerie: Bäume, die heilen

Heilende Bäume: Eiche
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Heilende Bäume: Eiche
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Eine Auswahl von Bäumen mit positiver Wirkung auf den Menschen: die Lärche (Larix decidua).
Anne Seeger (Illustrationen)

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