Tante-Emma-Läden waren einmal. Die neuen Bio-Supermärkte räumen mit dem Körnchenpicker-Image auf. Es sind gestylte Treffpunkte für Trendsetter, die Wert auf gesunden Lifestyle legen. Wohlfühlorte, wo man nach dem Einkauf einen Cappuccino – natürlich Bio und Fairtrade – trinken, Kochkurse besuchen oder eine Massage buchen kann. Doch was in New York, London, Berlin und München bestens funktioniert, harzt hierzulande.

Der jüngste und trendigste Schweizer ­Biomarkt, Yardo in St. Gallen, tat sich anfänglich schwer, trotz 450 Quadratmetern an bester Geschäftslage. Zwei Monate nach der Eröffnung 2006 brach der Umsatz ein, es gab Entlassungen. «Wir hatten zu viel Per­sonal, aber die Kunden wollen mehr Selbstbedienung», räumt Geschäftsführer Albert Keel ein. Immerhin steigen die Umsätze seither wieder, Yardo scheint langsam Tritt zu fassen. Doch die Pläne des Yardo-Er­finders und früheren Reformhaus-Müller-Chefs, in der ganzen Schweiz ein Netz von Filialen aufzubauen, liegen auf Eis.

«St. Gal­len ist ein stei­niges Pflaster für ein Start-up», resümiert Keel. «Wäre der Start in Zürich erfolgt, wäre es anders gelaufen.»

Tatsächlich? Im Rest der Schweiz sieht es kaum besser aus. Die wenigen Bio-Supermärkte kämpften mit Anfangs­schwie­rigkeiten und kommen trotz boomendem Markt nicht richtig auf Touren. Die Genossenschaft «Rägeboge» in Winter­thur etwa hatte sich 2005 mit einem 1,2 Mil­lionen Franken teuren Ausbau über­nom­men, die Umsätze fielen tiefer aus als erwartet. «Wir haben diesen Riesenschritt unterschätzt, auch logistisch», sagt Geschäftsführerin Marie-Claire Pellerin. «Wir waren wahrscheinlich zu idealistisch und zu wenig auf Zahlen fokussiert.» Das Schlimmste scheint jetzt überstanden: In der Bilanz 2008 weist die Genossenschaft ein Wachstum aus.

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Teures Lehrgeld zahlte auch der Öko-Pionier Thomas Vatter, der 1992 in Bern den ersten Schweizer Bio-Supermarkt gegründet hat. Von der ursprünglichen Idee eines ökologischen Warenhauses ist der studierte Ökonom mittlerweile abgekommen. «Teure Ökokleider neben Müesli und Salat – das hat nicht funktioniert», sagt Vatter. Wenig erfreulich sieht die Erfolgs­bilanz aus: ein bis drei Prozent Wachstum in den letzten Jahren. Immerhin: Der Umsatz pro Quadratmeter liegt auch im Vergleich zu konventionellen Supermärkten im Spitzenfeld – nicht zuletzt dank der Top­lage am Bärenplatz vor dem Bundeshaus.

Von solchen Frequenzen kann der Basler «Biopapst» Andreas Höhener, der seit 1995 im ehemaligen Quartier-Migros an der Schützenmattstrasse ein Biogeschäft führt, nur träumen: «Eigentlich müsste ich schon längst damit aufhören, Käse, Fleisch und Brot an bedienten Theken anzubieten. Es rentiert schlicht und einfach nicht.»

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Quelle: Jupiterimages Stock-Kollektion

Biomarkt: Coop an der Spitze


Umsätze mit Bioprodukten, die das Knospe-­Gütesiegel haben, in Mio. Franken

Legende:
1ab Bauernhof
2Warenhäuser, Metzgereien, Bäckereien usw.

Image gut, Umsatz zu klein

An der Akzeptanz von Bio kann es nicht liegen. «Bioprodukte sind längst salonfähig geworden und Teil eines nachhaltigen Lebensstils, der sich in der Gesellschaft weiter etabliert», sagt Jürg Schenkel vom Dachverband Bio Suisse. Schweizerinnen und Schweizer sind alles andere als Biomuffel: 2008 ist der Markt um elf Prozent gewachsen, der Umsatz auf rund 1,44 Milliarden Franken gestiegen. Der Biomarkt hat sich rund doppelt so stark entwickelt wie der gesamte Lebensmittelmarkt. In diesem Umfeld müssten Bio-Supermärkte boomen – wie in Deutschland, wo die grösste Kette dieses Jahr zehn neue Filialen eröffnet. Tun sie aber nicht.

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Das hängt mit einer Besonderheit des Schweizer Lebensmittelmarktes zusammen. «Die Bindung der Konsumenten an die zwei marktbeherrschenden Unternehmen Migros und Coop lässt wenig Luft für weitere Akteure», bringt es Toralf Richter, Agronom und Marketingexperte für Bio, auf den Punkt. Zwei Drittel der Bioprodukte gingen 2008 über die Ladentische von Coop (50 Pro­zent Marktanteil) und Migros (24 Prozent). Und neben den Grossverteilern – Marktleader Coop führt mittlerweile 1600 Produkte im Angebot – bau­en auch Dis­coun­ter wie Lidl, Aldi und Denner ihr Biosortiment aus. 2008 haben sie ihren Um­satz mit Bioprodukten mehr als verdoppelt.

Gegen diese Riesen zu bestehen ist für den Fachhandel mehr als eine Herausforderung, vor allem, weil sein Angebot mehrheitlich selektiv genutzt wird. «Die meisten Kunden decken ihren Grundbedarf bei Coop und Migros und kaufen im Bioladen nur zur Ergänzung ein», sagt Toralf Richter. Anders in Deutschland, wo ein Bio-Supermarkt für viele Konsumentinnen und Konsumenten eine gleichwertige Alternative zu den übrigen Supermarktketten darstellt.

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Dass viele Kunden ihre Bioprodukte lieber beim Grossverteiler kaufen, liegt auch an den Preisen. Bioläden gelten als teu­er – nicht zu Unrecht. Gemäss einer Erhebung des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) liegen ihre Preise rund 20 Prozent über denjenigen der grossen Detailhändler. «Wir sind nur teuer, weil die anderen billiger geworden sind», versucht es Andreas Höhener zu erklären. Hohe Ladenmieten und Personalkosten machen der Branche – wie den übrigen Detailhändlern – zu schaffen. Dass Bioprodukte zu Dumpingpreisen angeboten werden, gefällt dem Einzelhändler nicht: «Wo führt die ‹Billigmentalität› hin? Diese Entwicklung schadet doch nur der Qualität.»

Deshalb will der Basler Pionier in Sachen Bio den Grossen das Feld nicht kampflos überlassen: «Wir machen weiter, auch wenn uns nur noch die Nische der Nische bleibt.» In der Nische sehen auch Marketingprofis das Potential des Fach­handels: Er müsse die Lücken im Bio-Angebot von Grossverteilern besetzen – bei Käse, Wein, Tee, Brot oder Naturkosmetik.

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Wirtschaftlicher Erfolg sei damit aber noch nicht garantiert. «Erfolg hat nur, wer einen Superstandort mit einer aussergewöhnlich hohen Kundenfrequenz hat, etwa in Einkaufszentren oder Bahn­höfen», sagt Toralf Richter. Solche Standorte zu vertretbaren Mietpreisen sind in der Schweiz rar. Darum glaubt Richter nicht, dass es in der Schweiz mittelfristig weitere Bio-Super­märk­te geben wird. Yardo-Erfinder Keel ist anderer Meinung: «In der Schweiz gibt es Potential für mindestens zehn Supermarktfilialen. Was in London funktioniert, würde auch in Zürich gelingen, selbst auf 800 Quadratmetern.» Nur: Die Branche sei zu ängstlich, nur wenige gingen Risiken ein. 

Der Preis spielt kaum eine Rolle

An der Zukunft von Bio hingegen zweifelt niemand. «Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Auch für die nächs­ten Jahre ist in vielen Ländern von einem zweistelligen Marktwachstum auszugehen», so die Einschätzung von Jörg Reuter, Öko-Stratege aus Berlin. Deutschland ist mit einem Umsatzvolumen von 5,7 Milliarden Euro der grösste Wachstumsmarkt, bis 2010 dürfte der deutsche Biomarkt auf zehn Milliar­den Euro anwachsen. Für die Schweiz rechnet Reuter mit «einem Marktanteil von 10 bis 20 Prozent» innert der nächsten zehn Jahre. Vorausgesetzt, der Mehrwert von Bio werde erfolg­reich vermittelt: «Die Menschen kaufen nicht einfach Bio, sondern einen bestimmten Nutzen, der durch Bio vermittelt wird.» Doch zentrale Argumente wie der «gesundheitliche Nutzen» oder die «hohe Kulinarik» werden von vielen Anbie­tern vernachlässigt. Die Zukunft von Bio sieht Reuter denn auch im Super­premium-Bereich. Zum gleichen Schluss kommt eine Studie der Universität Kassel von 2008: Ziel müsse sein, die Konsumenten nicht nur für ein Öko-­Lebensmittel, sondern für ein Qualitätsprodukt zu begeistern. Der Preis, so die Wissenschaftler, spiele dabei keine Rolle.

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Auch in Zeiten der Krise? Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit werde in schwierigen Zeiten eher noch verstärkt, glaubt man bei Bio Suisse. Auch Trendforscher sehen in der Krise eine Chance. «Die Konsumenten vertrauen Bio», sagt Nicole Lüdi vom Zürcher Gottlieb-Duttweiler-Institut. Wer sich einmal für Bio entschieden habe, ändere seine Einstellung nicht mehr so schnell. «Bio ist eine Art Glaubensfrage. Der Konsument von Bio will gesund sein und verantwortungsvoll mit der Umwelt umgehen. Diese Haltung gibt man nicht so schnell auf. Krise hin oder her.»

Bio-Supermärkte in der Schweiz und im nahen Ausland

Bern: Vatterland
Im «Vatterland» wird «Bio» gleich auf vier Stockwerken ge­­-huldigt. Auf 400 Quadrat­metern bietet der Supermarkt ein breites Sortiment; die Naturkosmetikabteilung ist ein Eldorado für Beautyfans. Nach dem Einkauf kann man sich im Café/Restaurant mit Biofood stärken oder sich im WellnessBereich mit einer ayurvedi­schen Massage verwöhnen ­lassen.

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  • Ausprobieren: Kuchenangebot im Café.
  • Adresse:
    Bärenplatz 2
    3011 Bern
    031 313 11 11
    www.vatter.ch


St. Gallen: Yardo
Der Name Yardo leitet sich ab von «Yard», englisch für Gar-ten. Entsprechend grün und trendy ist der Auftritt des jüngsten Schweizer Players, der sogar seinen Strom aus Wasserkraft bezieht. Wer durch den loftartigen Laden kurvt, entdeckt immer wieder Neu-heiten. Etwa Bio-Feinkost von Yanick & Fée, einem jungen Schweizer Start-up-Unternehmen, 2008 als «Biomarke des Jahres» ausgezeichnet.

 

  • Ausprobieren: «Bio Knusper Müesli Honig-Mandel» oder einen indischen Chai im Bistro.
  • Adresse:
    St.-Leonhard-Str. 33
    9000 St. Gallen
    071 226 11 55
    www.yardo.ch


Winterthur: Rägeboge
Die Genossenschaft «Räge­boge» ist eine Institution seit 1982. Im neuen «Rägeboge» hinter dem Bahnhof finden sich auf 550 Quadratmetern ein Biomarkt, eine Naturdrogerie und ein Bistro (rauchfrei), das Fairtrade-Kaffee und Biokost anbietet.

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  • Ausprobieren: den Anti­stress-Tee von Ravelli und das «Blütenblätter Beauty Oil» von Robert & Josiane.

 


Basel: Höheners
In Andreas Höheners Bio-­­Feinkost-Geschäft – schlicht «Höheners» wie «Harrods» in London – kauft nicht nur die gesundheitsbewusste junge Mutter ein, sondern auch die feine Basler Gesellschaft. Beispielsweise Bio-Entrecôtes oder Rohmilchkäse. Im Angebot sind rund 60 Spezialitäte

 

  • Ausprobieren: Höheners Premiumkonfitüren, die in einem Elsässer Familienbetrieb traditionell in Kupfer­töpfen gekocht und von Hand abgefüllt werden.
  • Adresse:
    Schützenmattstr. 30
    4051 Basel
    061 274 02 60


Deutschland: Alnatura
Die deutsche Bio-Supermarktkette mit Filialen in Weil am Rhein und Konstanz ist längst auch Schwei­zerinnen und Schweizern ein Begriff.

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  • Ausprobieren: Chiemgauer Geburtstagssalami.
  • Adressen:
    Münzgasse 4a
    D-78462 Konstanz
    Rathausplatz 3
    D-79576 Weil am Rhein
    www.alnatura.de