Igelfutter? Gut gemeint – aber potenziell tödlich
Igelfutter-Fertigmischungen sind ungeeignet für die possierlichen Tiere. Sie schaden mehr, als sie helfen.

Veröffentlicht am 19. Juni 2026 - 14:28 Uhr

Wer Igel füttern will, informiert sich zuerst.
Der Igel hat es nicht leicht. Seine Lebensräume verschwinden. Pestizide dezimieren und vergiften sein natürliches Futter. Seit 2024 steht der westeuropäische Igel oder Braunbrustigel deshalb auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten. Und jetzt noch das: Igelfuttermischungen, die wohlmeinende Tierfreunde auslegen, bedrohen Gesundheit und Leben der stacheligen Kerlchen.
Der Verein Pro Igel hat zehn Trocken- und vier Nassfutter, die es im Schweizer Handel zu kaufen gibt, untersucht. Die Analyse beruht auf den Inhaltsangaben der Hersteller – soweit vorhanden. Auf zwei Produkten ist der Inhalt ungenügend deklariert.
Verdauungsstörungen und Nährstoffmangel
Der Befund: Kein einziges der Produkte eignet sich für Igel. Sie enthalten teils in grossen Mengen Bestandteile, die physiologisch für Igel ungeeignet oder gar gesundheitsschädlich sind.
Fast alle untersuchten Produkte enthalten zu hohe pflanzliche Anteile, etwa Mais, Weizen und Haferflocken. Igel ernähren sich aber vorwiegend von tierischem Eiweiss, fressen fast ausschliesslich Insekten, Würmer und andere Wirbellose. Pflanzliche Nahrung kann das Verdauungssystem des Igels hingegen kaum verwerten. Das führt früher oder später zu Verdauungsstörungen und Nährstoffmangel.
Extrem schmerzhaft
Auch Nüsse und Kerne gehören nicht ins Igelfutter. Sie sind viel zu fett und können das Phosphor-Kalzium-Verhältnis verschieben. Die Folge: das Metabolic Bone Disease, eine extrem schmerzhafte Erkrankung, die zu Knochenentkalkung und Skelettdeformationen und schliesslich zu Bewegungsunfähigkeit und Organversagen führt. Einige der untersuchten Tierfutter weisen einen Fettgehalt von bis zu 30 Prozent auf.
Auch zucker- und stärkehaltige Zutaten wurden gefunden, etwa Zwieback, gepuffter Reis und Honig. Sie können Zahnprobleme, Darmstörungen und Blutzuckerschwankungen hervorrufen.
Selbst jene untersuchten Produkte, die Insekten oder sonstige tierische Produkte enthalten, führen gemäss der Analyse zu einer mangelhaften Versorgung, da der Eiweissanteil zu gering ist.
Bezeichnung vermittelt falschen Eindruck
Zusammenfassend lasse sich festhalten, dass die untersuchten Produkte in Zusammensetzung, Energie- und Nährstoffprofil deutlich von den physiologischen Bedürfnissen des Igels abweichen, steht im Untersuchungsbefund. «Die Bezeichnung Igelfutter vermittelt einen falschen Eindruck von Spezialisierung und Sicherheit, der durch die tatsächliche Zusammensetzung nicht gedeckt ist.»
Pro Igel fordert, dass Igelfutter behördlich überprüft wird. Zuständig für die Futtermittelverordnung ist das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Die Futtermittelkontrolle von Agroscope ist als Vollzugsorgan für die Anwendung der Verordnung verantwortlich. Weil bislang nichts geschah, reichte der Verein 2025 sogar eine Amtsbeschwerde ein, unter anderem gegen das BLW.
Bundesamt will nicht besser kontrollieren
2025 habe die staatliche Futtermittelkontrolle 1200 Futtermittel beprobt, darunter eines für Igel. «Bei der Kontrolle wurden keine Auffälligkeiten, Fehler oder Nichtkonformitäten festgestellt», schreibt das Bundesamt dem Beobachter auf Anfrage. Darüber hinausgehende Schwerpunktkontrollen oder vertiefte Kennzeichnungs- und Zusammensetzungsprüfungen seien nicht vorgesehen. Auch die Aufnahme von Futtermitteln für Wildtiere in zukünftige Arbeitsprogramme sei aktuell nicht angezeigt.
Was können Igelfreunde also tun? Informieren Sie sich auf Websites wie Pro-igel.ch oder in Fachbüchern, wie und wann Igel korrekt gefüttert werden können. Und schauen Sie sich die Inhaltsliste von «Igelfutter» im Zweifelsfall genau an. Immerhin zwei in der Schweiz erhältliche Igelfuttermischungen sind gemäss Pro Igel für die Tiere bekömmlich: «Claus Igelfutter mit Fleisch getreidefrei» und das Igelfutter «Igelpik getreidefrei».
- Verein Pro Igel: Igelfütterung
- Bundesamt für Landwirtschaft
- Agroscope




