Beobachter: Die grossen Städte wollen die Autos loswerden. Kann das funktionieren?
Simonetta Sommaruga: Ich glaube nicht, dass es den Menschen in der Stadt darum geht, Autos loszuwerden. Sie wollen genügend Platz. Und Platz gibt es in den Städten nun mal wenig. Trotzdem will sich die Bevölkerung sicher und bequem fortbewegen. Zudem möchten wir alle möglichst wenig Lärm und ­Abgase. Das sind berechtigte Forderungen – und die Politik muss versuchen, sie umzusetzen.


Wie?
Wir müssen den Verkehr so planen, dass möglichst wenig Platz verbraucht und die Landschaft geschont wird. Damit Städte gut erreichbar sind, hat man das Tram-, Bus- und Bahnnetz ausgebaut und tut es weiter. Und es braucht schnelle und sichere Velorouten. Das wirkt. In Bern etwa sind die Autos viel weniger präsent als früher. Ich habe schon hier gewohnt, als der Bundesplatz noch ein Parkplatz war, jetzt spielen im Sommer dort Kinder.


Trotzdem: Vielerorts leiden Stadtbewohner unter dem Verkehr. Doch die Städte können die Schotten nicht dichtmachen, sonst kollabiert das System. Das hat Ihr Amtschef vom Bundesamt für Strassen gesagt.
In der Stadt sind Tram, Bus oder Velo oft das effizienteste Verkehrsmittel. Ausserhalb der Städte kommt man häufig mit dem Auto schneller vorwärts. Die Frage ist, wie wir Stadt und Land sinnvoll miteinander verbinden. Ich bin überzeugt, dass wir dafür die Vorteile von ÖV und Auto miteinander kombinieren sollten. Es braucht deshalb Orte, an denen die Leute ­einfach umsteigen können, wenn sie ins Stadtzentrum wollen.

«Von einem Fast-Gratis-ÖV würden nur die Leute in den urbanen Gebieten profitieren.»

Sollte man nicht den ÖV und das Velo für die Fahrt in die Stadt priorisieren?
Wie gesagt, es geht nicht für oder gegen etwas, es geht auch nicht darum, den Leuten etwas zu verbieten, sondern darum, Gutes, Sinnvolles zu ermöglichen. Für die Fahrt vom Land in die Stadt müssen wir deshalb das Auto mit anderen Verkehrsmitteln kombinieren. Der Bund hat dafür das Programm Verkehrsdrehscheiben angestossen: Orte, an denen man schnell und bequem vom Auto auf den ÖV wechseln kann. Wir sind jetzt dabei, solche Drehscheiben mit Städten und Kantonen zu planen.
 

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Park and Ride, das gibt es doch schon – und es ist wenig attraktiv.
Die Verkehrsdrehscheiben, die wir anstreben, sollen mehr sein als Park and Ride. Es stimmt, ein riesiger, finsterer Parkplatz und ein trister ÖV-Anschluss, das funktioniert nicht. An den Drehscheiben muss es lebendig sein, es braucht Läden, Büros oder Schulen. Umsteigen muss attraktiv, schnell und einfach sein. Es braucht Kombitickets und ein intelligentes Parkierungssystem. Ein Pendler, der aus der Stadt kommt, soll an der Drehscheibe gleich noch Einkäufe erledigen können, die er dann im Auto verstaut.


Wo sollen diese Verkehrsdrehscheiben entstehen?
Zum Beispiel an Orten wie Bern-Wankdorf: Seit das Quartier besser mit dem Zug erschlossen ist, belebt es sich. Es stehen schon neue Bürogebäude, Schulen, Einkaufsmöglichkeiten. Hier kann man eine Drehscheibe umsetzen. So gute Umsteigemöglichkeiten braucht es aber auch weiter draussen, bei geeigneten S-Bahn-Haltestellen etwa. Es gibt viele Möglichkeiten. Wichtig ist, die verschiedenen Verkehrsmittel zu kombinieren.

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Glauben Sie wirklich, so die Leute zum Umsteigen bewegen zu können? Rund um Zürich etwa fahren die S-Bahnen im Viertelstunden­takt, die nächste Bushaltestelle ist kaum je mehr als 300 Meter entfernt. Trotzdem wird der allergrösste Teil der Wege mit dem Auto zurückgelegt.
Umsteigen ist ein Prozess. Wir stehen erst am Anfang. Lange hatten wir Gräben: Die einen sind ÖV-Nutzer, die anderen Autofahrer. Mir scheint, das geht zu Ende. Die meisten entscheiden sich heute für das Angebot, mit dem sie am schnellsten am Ziel sind. Es gibt sicher Gründe, dass viele Leute in der Agglomeration noch das Auto bevorzugen. Darum müssen wir Alternativen anbieten.

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Warum macht man den ÖV nicht attraktiver, indem man die Preise senkt?
Das geht nicht so einfach. Wir können Mobilität nicht völlig losgelöst von den Kosten anbieten, die sie verursacht. Von einem Gratis- oder Fast-Gratis-ÖV würde zudem nur ein Teil der Bevölkerung profitieren, jener in den urbanen Gebieten. Auf dem Land braucht man für die meisten Strecken ein Auto.


Seit 1990 ist Autofahren 20 Prozent teurer geworden, der ÖV hingegen 50 Prozent. Muss man es sich leisten können, auf ein Auto zu verzichten?
Es stimmt, der ÖV ist teurer geworden, man ­erhält aber auch sehr viel dafür. Und es gibt Abos und Sparbillette, um günstiger zu reisen.

«Früher hat man Strasse und öffentlichen Verkehr zu stark getrennt geplant.»

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Sie sprechen viel von Angeboten, die zum Umsteigen bewegen sollen. Der Bund baut aber auch die Autobahnen aus, macht «Engpass­beseitigungen», was nachweislich mehr Verkehr generiert. Das ist doch ein Widerspruch zur Förderung von ÖV und Velo?
Sie haben recht: Es bringt nichts, einen Engpass zu beseitigen, wenn wir damit anderswo gleich den nächsten Engpass produzieren. Deshalb ist es so wichtig, dass wir planen, wie man von der Autobahn runterkommt. Denn dort, wo die Autobahnen enden, gibt es am meisten Stau. Eine Lösung können die Verkehrsdrehscheiben sein.
 

Wurde in der Vergangenheit bei der Verkehrsplanung zu oft nur auf die Strasse geschaut?
Mein Eindruck ist, dass man früher Strasse und öffentlichen Verkehr zu stark getrennt geplant hat. Das schauen wir nun aber gemeinsam mit den Kantonen an. Der neue Programmteil des Sachplans Verkehr schreibt vor: Mobilität und Raumplanung müssen künftig von Grund auf zusammen geplant werden. Nach klaren Grundsätzen. So können wir Widersprüche zwischen Strassenbauprogrammen und ÖV-Förderung aufbrechen.


Wenn Autobahnen ausgebaut werden, führt das oft zu Konflikten mit der Bevölkerung, die im Umfeld lebt. Müssen umstrittene Projekte wie die Spange Luzern oder der Westast Biel unter diesen neuen Grundsätzen nochmals neu angeschaut werden?
Bei diesen Projekten müssen Bund, Kantone und Gemeinden eng zusammenarbeiten. Wichtig ist, dass die betroffene Bevölkerung einbezogen wird, so wie das in Biel gemacht wurde.
 

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Ob mit Auto oder ÖV, die Kosten für unsere Mobilität sind enorm – finanziell, aber auch in Bezug auf den Verbrauch von Land und die Schäden an der Umwelt. Muss man alles von überallher erreichen können?
Mobilität ist ein Bedürfnis. Das merkt man ­gerade dann, wenn man nicht mehr mobil ist. Und dass wir in der Schweiz auch zu den Randregionen schauen, ist für mich selbstverständlich. Die Leute sollen von überallher am Arbeits- und Gesellschaftsleben teilnehmen können. Dafür müssen wir die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Und damit meine ich nicht nur Schienen und Strassen. Für mich braucht es auch leistungsfähige Datenautobahnen. Wenn wir im ganzen Land eine gute Internetab­deckung haben, bleiben auch abgelegene Orte attraktiv. Man kann dort wohnen und digital arbeiten und erspart sich das regelmässige Pendeln. Das reduziert den Verkehr.

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Raphael Brunner, Redaktor

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