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KommentarEndlich eine Lösung für ältere Arbeitslose

Wer über 55 ist und ausgesteuert wird, hat kaum mehr Chancen auf einen Job. Es gibt eine Lösung, damit Betroffene nicht lebenslänglich verarmen. Doch Politiker bremsen. Ein Kommentar von Martin Vetterli.

3,8 Prozent der über 50-Jährigen sind in der Schweiz zurzeit arbeitslos.
von aktualisiert am 06. Dezember 2018

Die Wirtschaft läuft wie geschmiert, die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Mit 2,4 Prozent ist sie so tief wie seit zehn Jahren nicht mehr. Alles bestens, möchte man meinen. Doch die Entwicklung läuft an den über 50-Jährigen vorbei. 3,8 Prozent sind inzwischen arbeitslos. Und immer mehr werden ausgesteuert: jedes Jahr 4000 Menschen im Alter von 57 bis 62 Jahren.

Wer sagt, sie müssten sich halt einfach etwas mehr anstrengen, dann werde es schon mit einem Job, verkennt die Realität. Nur einer von sieben Ausgesteuerten über 55 Arbeitslos mit 55 Letzter Ausweg Ausland? findet noch eine Stelle, mit der sich das Nötigste zum Leben verdienen lässt.

Was würden Sie jener Frau sagen, die mich kürzlich angerufen hat? Sie hat sich 470-mal beworben, konnte sich dreimal vorstellen, ist immer noch ohne Job und hat jede Hoffnung verloren. Ihr gut zureden, dass es irgendwann klappt? Tipps geben, wie sie sich besser bewerben soll?

Lebenslang gefangen

Wer in diesem Alter ausgesteuert Ausgesteuert Wenn kein Arbeitslosengeld mehr kommt – wie weiter? ist, hat kaum mehr Chancen, sich davon jemals zu erholen. Man bleibt sein Leben lang in der Armutsfalle gefangen. Denn Sozialhilfe gibt es erst Sozialhilfe Beantragen – Welche Rechte habe ich? , wenn man sein Vermögen bis auf 4000 Franken aufgebraucht hat. Das Einzige, was dann noch hilft: erben – oder ein Sechser im Lotto.

Es gab Versuche, diese Problematik zu entschärfen. Anreize schaffen, damit Firmen mehr ältere Menschen beschäftigen, ein verbesserter Kündigungsschutz, länger Arbeitslosenhilfe zahlen. Diese Versuche sind allesamt gescheitert. Und die Zahl derer, die jenseits der 50 Sozialhilfe beziehen, steigt: um 50 Prozent zwischen 2010 und 2016.

Die oft gescholtene Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) hat eine Lösung für diese Menschen gefunden. Selbst Felix Wolffers, Co-Präsident der Skos und einer der Väter der Idee, staunt: «Ich glaube, wir haben den gordischen Knoten durchschlagen.» Das riecht zwar nach ausgeklügelter PR, ist aber genau richtig. Der Vorschlag geht so: Ausgesteuerte bekommen statt Sozialhilfe Ergänzungsleistungen (EL) Lebensunterhalt Wer kann Ergänzungsleistungen beantragen? . So haben sie noch etwas Geld auf der Seite, wenn sie in Pension gehen.

Wer Vollzeit gearbeitet hat, erhält 3100 Franken im Monat – 900 Franken mehr als mit Sozialhilfe. Das ermöglicht eine würdige Existenz. Man muss sich weiterhin um eine Stelle bemühen, bleibt beim RAV angemeldet – und wird nicht aus dem Stellenmarkt gedrängt. Nur wer mindestens zehn Jahre in der Schweiz gearbeitet hat, profitiert. So lässt sich die Einwanderung in das Sozialsystem verhindern.

Unschlagbar günstig

Es ist eine unglaublich schlanke Lösung. Und erst noch unschlagbar günstig: Sie kostet bloss 25 Millionen Franken im Jahr. Der Bund müsste 100 Millionen in die EL einschiessen, Kantone und Gemeinden würden 75 Millionen Sozialhilfe sparen. Zum Vergleich: Sozialhilfe und EL kosten zusammen 7,7 Milliarden im Jahr.

Trotzdem gibt es Widerstand. FDP-Nationalrat Bruno Pezzatti etwa findet, die heutige Sozialhilfe Existenzsicherung Sozialhilfe von A bis Z sei gut genug. SVP-Ständerat Alex Kuprecht warnt, der Sozialstaat würde weiter aufgebläht.

Die Gefahr ist gross, dass der Vorstoss im Dickicht der Berner Parteipolitik verschwindet. Letzten Sommer gab es ein Hearing. Im Dezember will die Kommission des Ständerats im stillen Amtsstübli beraten. Man ahnt, wie die Diskussion verlaufen wird: Links ist dafür, Rechts dagegen, die Mitte weiss nicht recht.

So weit darf es nicht kommen. Die 4000 Menschen, die jedes Jahr ausgesteuert werden, brauchen Hilfe. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.

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6 Kommentare

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kurto
@kiko63. Wahrscheinlich müsste es eine Übergangslösung geben, wobei die Frage auftaucht, bis wie weit zurück diese Regelung greifen soll. Eine Pauschale Einmalabfindung wäre auch denkbar. Ich finde aber die Höhe von Fr. 3100.- ist viel zu tief! Es müsste um Fr. 4000.- sein, denn sonst scheitert es an den hohen Lebenskosten von Miete und KK! Auch die heutige EL ist zu tief. Leisten könnten wir uns das locker, alleine der politische Wille fehlt, einfach erbärmlich diese CH-PolitikerInnen! Abwählen im Herbst!

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kiko63
Klar, dass es da wieder Widerstände gibt seitens der Politiker. Die sollten das selber mal erleben und durchmachen, dann würden sie ganz anders reden. Was passiert mit den Ausgesteuerten ü50, die schon eine Weile in der Situation sind? Werden die auch wieder überführt in die ALV bzw. in die EL?
georg stamm
kiko63: Die Ausgesteuerten, ob 50+ oder darunter, landen in der Sozialhilfe. Das ist das Thema des Beitrags oben. Die ALV käme erst wieder zum Zug wenn einer zwischendurch gearbeitet hat weil er eine Stelle gefunden hat; dann beginnt alles von vorne. Die EL können erst ab Eintritt des AHV-Bezugs beantragt werden. So sehe ich das, ich bin aber kein Sozialexperte.
kiko63
@ Georg Stamm: Ich habe es so verstanden, dass die neue Lösung wäre, diejenigen, welche mit 55+ vor der Aussteuerung stehen, bei der ALV zu belassen, jedoch auf einem Lohnniveau von CHF 3'100.- (inkl. EL), damit sie eben nicht ihr Vermögen komplett runterbrauchen müssen und dann im Alter kein Erspartes mehr haben. Ein Zwischenverdienst spielt hier keine Rolle. Meine Frage dazu war, was denn mit denen passiert, die heute 55+ und schon einige Jahre ausgesteuert sind. Fallen die durch die Maschen?

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georg stamm
Wenn ich recht verstehe, reden wir hier über Mehrkosten von 25 Mio./a beim Vorschlag der Skos gegenüber der bisherigen Regelung. Von den Kosten her also geradezu lächerlich. Vergessen wir nicht, dass die Schweiz jedes Jahr gegen 8 Milliarden/a für die Asylpolitik ausgibt (Bund, Kantone, Gemeinden) und die Entwicklungshilfe von weiteren Milliarden noch dazu kommt. Das sind ganz andere Beträge, die ins Ausland abfliessen. Die Arbeitslosigkeit mir 50+ ist bis zu einem gewissen Grad der Personenfreizügigkeit geschuldet. Diese älteren Arbeitnehmer zahlen die Zeche für das schöne Kandidatenangebot für Firmen aus dem ganzen EU-Raum. Da ja die PFZ so etwas Tolles ist, das die Schweiz erblühen lässt, sollen auch die Menschen 50+ nicht deswegen darben müssen.
kiko63
@Georg Stamm: Das sehe ich ganz genau so. Die Sozialhilfe ist viel zu tief angesetzt, das ist Fakt, aber so wie sie urpsrünglich gedacht war, reichte das. Heute sind die Bedingungen ganz anders, daher muss alles angepasst werden.

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