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SchönheitsmedizinGanz schön gefährlich

Nicht nur in minderwertigen Brustimplantaten stecken Gefahren: Der Internet-Markt für Schönheitsmedizin ist ausser Kontrolle – und birgt massive Gesundheitsrisiken.

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Kein Tag ohne Spam-Mails: «Endlich schlank statt fett», «Natürliches ­Anti-Aging». Und kaum ein Monat, ohne dass die Heilmittelkontrollstelle Swissmedic warnt: «Ungebrochener Trend: Illegale Arzneimittel kommen vermehrt in die Schweiz».

Gemeinsam mit der Oberzolldirektion konfisziert Swissmedic regelmässig gefährliche Waren, aber: «Was der Zoll stoppt, ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt Ruth Mosimann von Swissmedic. Aufgrund von Hochrechnungen vermutet das Institut, dass jährlich rund 50'000 illegale Sendungen in die Schweiz gelangen – und noch einmal so viele quasi-legale. Denn die Kunden hätten inzwischen gelernt, dass sie ihren Bedarf für einen Monat legal importieren können. Die Grundlage dafür bildet ein Gesetzesartikel aus der Vor-Internet­zeit. Es geht darum, Touristen zu ermöglichen, zum Beispiel ihren Insulinbedarf für eine Reise durch die Schweiz mitbringen zu können – eine Privatperson darf also für sich selber, aber nicht für Drittpersonen, Arzneimittel in der Grössenordnung eines Monatsbedarfs einführen.

Seit 2008 hat sich der illegale Import von Medikamenten verdreifacht. Spitzenreiter sind neben Potenzmitteln die Schlankheitsmittel. Laut Swissmedic sind 40 bis 50 Prozent dieser Ware nicht bloss wirkungslos, sondern geradezu gesundheitsgefährdend.

Fett weg – und Komplikationen aller Art

Besonders heikel ist der Schlankmacher HCG: Das Schwangerschaftshormon soll den Stoffwechsel ankurbeln und den Fettabbau fördern – besonders an den Pro­blemzonen. Spritzen sich Frauen HCG ­ohne ärztliche Aufsicht, kann das Hormonsystem aus dem Gleichgewicht geraten. Zudem können bestehende Tumoren zu wuchern beginnen. Auch verursacht die unsachgemässe Anwendung von Spritzen diverse Komplikationen.

Bis 2010 wurde der Appetitzügler Sibutramin in allen Industrieländern vom Markt genommen – wegen massiver psychischer Nebenwirkungen, Suchtgefährdung und weil es wegen falscher Anwendung zu Todesfällen gekommen war. Doch das verbotene Amphetamin-Derivat wird weiterhin im Internet verkauft.

Gefährlich sind auch «Fett-weg-Spritzen», deren «natürlicher Wirkstoff aus der Sojabohne» Fett gezielt auflösen soll. Ursprünglich wurde das Mittel zur Verhin­derung von Thrombosen entwickelt – es löst Fette im Blut auf. Direkt in die «Reiterhosen» gespritzt, werden ungleich grössere Mengen Fett frei, die in die Leber gelangen und massive Komplikationen wie Hepatitis nach sich ziehen können.

Sogenannte «sanfte Medizin» hat es ebenfalls in sich. Viele illegale Schlankheitsmittel sind angeblich rein pflanzlicher Natur. Für Ruth Mosimann von Swissmedic ist genau das ein klarer Warnhinweis: «Die Kombination von ‹pflanzlich› und ‹asiatisch› ist ein ziemlich sicheres Indiz dafür, dass das Mittel nicht nur diejenigen Inhaltsstoffe enthält, die aufgelistet sind.» In diesen Mitteln werde regelmässig auch das verbotene Sibutramin nachgewiesen, und zwar in massiver Überdosis.

«Irgendwann verlieren sie jegliches Mass»

Laut der plastischen Chirurgin Cynthia Wolfensberger sind im Moment das im Internet bestellte Nervengift Botulinumtoxin («Botox») und sogenannte Filler – Substanzen zum Unterspritzen von Falten et cetera – die grösste Gefahr. «Früher spritzten sich zum Beispiel Transsexuelle flüssiges Silikon. Das dürfte eigentlich nicht mehr vorkommen. Aber man kann sich im Internet problemlos selber Hyaluronsäure zum Spritzen bestellen», sagt die Zürcher Ärztin. Das Problem dabei: Der Laie kennt weder die verschiedenen Präparate noch im Falle von Botox die korrekte Dosierung. Und beim Spritzen können fatale Fehler passieren. Es bilden sich Klumpen, es kommt zu Infektionen oder zum Absterben von Gewebe. Dazu kommt das Risiko des Kontrollverlustes. Chirurgin Wolfensberger: «Ich weiss von vielen Frauen, die sich selber spritzen: Irgendwann spüren sie sich nicht mehr und verlieren jegliches Mass.» Ähnlich wie bei Magersüchtigen ­gehe der Bezug zur Realität verloren. Die Korrektur wird zur Sucht.

Wer Wunder verspricht, lügt

Fast die Hälfte der illegal in die Schweiz importierten Mittel stammt aus Indien. Da ausländische Lieferanten nicht der Schweizer Gesetzgebung unterstellt sind, brauchen sie sich auch nicht an die Deklara­tionspflicht zu halten. Ob ein Anbieter se­riös ist, lässt sich für Laien kaum überprüfen. Klar ist der Fall aber, wenn ein Mittel absurde Wunder wie eine Gewichtsreduktion von zehn Kilo pro Monat verspricht oder wenn Angaben von jeglichen Nebenwirkungen fehlen. Dann muss man davon ausgehen, dass es sich um Schwindelei handelt. Swissmedic rät dringend, auf Bestellungen bei nicht bekannten Anbietern zu verzichten.

Sämtliche in der Schweiz zugelassenen Medikamente findet man unter www.kompendium.ch. Was dort nicht registriert ist, ist auch nicht von der Schweizer Heilmittelkontrolle zugelassen.

Die Krankenkassen führen keine Sta­tistik darüber, welche Folgekosten wegen Schönheitsoperationen und Schönheitsprodukten aus dem Internet entstehen. Bei Schönheitsoperationen sei die Haltung der Schweizer Chirurgen meist klar, sagt Cynthia Wolfensberger: «Wenn eine Frau sich privat Brustimplantate machen liess und diese nun ohne medizinische Not entfernen lassen möchte, besteht keine Möglichkeit, diese Kosten der Kasse zu belasten.»

Anders verhält es sich bei Problemen wegen einer Selbsttherapie: Wenn jemand sich eine Fett-weg-Spritze injiziert und dann mit akuten Problemen im Spital landet, ist das ein Fall für die Krankenkasse. Oft wird aber die Diagnose dadurch erschwert, dass Patienten die Ursache des Schadens nicht erkennen können oder sie bewusst verschweigen.

Gemäss Wolfensberger betrifft die Problematik nicht alle Frauen im gleichen Ausmass: «Speziell Frauen, die sich vor ­allem über ihre optische Erscheinung de­finieren, geraten leicht in Versuchung, die scheinbar günstigeren Angebote aus dem Netz zu nutzen. Sie tauschen sich in Foren aus, wo sie mit Gleichgesinnten die billigsten Angebote diskutieren und immer noch abstrusere Wege finden, an Schönheits­mittel zu kommen.»

Hier ist Vorsicht geboten

  • Online höchstens bei seriösen und überprüfbaren Anbietern mit Adresse und Telefonnummer bestellen.

  • Absurde Erfolgsversprechen deuten auf Betrug hin.

  • Finger weg von Schlankheitsmitteln, die als «rein pflanzlich» und «asiatisch» angepriesen werden.

  • Bestellen Sie nichts, was Sie sich ­selber spritzen müssten. Hier bergen nicht nur die Substanzen Risiken, ­sondern auch das Spritzen selber.
Veröffentlicht am 12. März 2012