Er schlägt sich monatelang durch den sumpfigen Regenwald, weicht Zitteraalen und Anakondas aus, legt sich nächtelang im Tarnzelt auf die Lauer. Findet er ein Haar oder ein Häufchen Kot, sammelt er die Hinterlassenschaft auf. Er giesst Trittsiegel aus, pflückt unbekannte Blumen und ­dokumentiert all seine Beobachtungen akribisch in ­seinem Tagebuch.

Marc van Roosmalen, 65, liebt Abenteuer. Und er liebt es, neue Tierarten zu entdecken. Seit 30 Jahren ist der Niederländer in den Regenwäldern Südamerikas unterwegs. Er ist ein Getriebener, ein Feldbiologe durch und durch, ein moderner Alexander von Humboldt. Sein hagerer Körper erzählt von den Entbehrungen in der Wildnis. Seine Haut ist von der Sonne gegerbt, seine weissen Haare wuchern unfrisiert. Kein anderer Artenjäger war in letzter Zeit so erfolgreich wie van Roosmalen. Vor vier Jahren beschrieb er eine neue Hirschart, den ­sogenannten Van-Tienhoven's-Mazamahirsch. Vor fünf ­Jahren das ­Riesenpekari, ein grosses Nabelschwein. Und 2002 stiess er am brasilianischen Rio Aripuanã auf eine bislang unbekannte Seekuhart, die im Unterschied zu ­ihren Verwandten besonders klein ist. 37 neue Säugetiere hat der Artenjäger schon aufgespürt, darunter 20 Affen. Dazu, ganz nebenbei, fünf neue Vogel- und 50 Pflanzenarten.

Wie Marc van Roosmalen suchen Forscher überall auf der Erde nach unbekannten Tierarten. Und sie werden immer wieder fündig. Das ist erstaunlich in einer Welt, die bis in den hintersten Winkel vermessen ist. Und doch hat die Wissenschaft selbst so grosse Tiere wie Hirsche oder Schweine bis heute einfach übersehen.

Jedes Jahr werden 20'000 neue Arten erfasst

Die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten scheint unermesslich. Fast zwei Millionen Tier-, Pilz- und Pflanzenarten wurden bisher beschrieben. Tatsächlich muss es ­jedoch viel mehr geben – wie viele, ist eines der grossen Rätsel. Die Hochrechnungen reichen von 5 bis 20 Millionen Spezies. Auch von 100 Millionen Arten war schon die Rede. Noch nicht einmal mitgezählt sind die Einzeller, von denen es bis zu eine Milliarde Spezies geben könnte.

Als Basis für solche Berechnungen dienen meist Inventare auf einer kleinen Fläche. So analysierte der Insektenforscher Terry Erwin bereits in den achtziger Jahren die Vielfalt auf einigen tropischen Baumriesen und extrapolierte den Befund danach auf alle Regenwälder. Dabei kalkulierte er, dass allein in den Baumkronen der tropischen Wälder 30 Millionen Insekten- und Spinnenarten herumwuseln könnten. Ozeanographen haben die Diversität an 14 Punkten des Meeresgrunds erforscht und berechneten daraus eine Vielfalt von bis zu zehn Millionen Arten in den Weltmeeren.

Vor einem Jahr stellten Forscher um Camilo Mora von der University of Hawaii eine neue Methode vor: Sie analysierten das Klassifizierungssystem, nach dem alle Arten in Gattungen, Familien, Ordnungen und Klassen ein­geteilt werden. In diesem Stammbaum fanden sie kons­tante Muster, aus denen sich die Zahl der unbekannten Tiere und Pflanzen abschätzen lässt. 8,7 Millionen Arten sollen insgesamt auf der Erde vorkommen. Rund 80 Prozent wären demnach noch nicht entdeckt.

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Es scheint, als wüssten wir mehr über die Beschaffenheit von Mond und Mars als über die Schätze auf unserem eigenen Planeten. Wenig überraschend also, dass pro Jahr noch immer rund 20'000 neue Arten erfasst werden. Es sind vor allem Kleinlebewesen wie Insekten, Spinnen oder Würmer. Aber auch neue Säugetiere, Vögel, Schlangen und Frösche tauchen immer wieder auf – und widerlegen den französischen Zoologen Georges Baron de Cuvier, der ­bereits 1819 behauptet hatte, das Tierreich sei komplett erforscht und die Suche nach neuen grossen Spezies deshalb überflüssig.

Sensationelle Funde an überraschenden Orten

Viele der «unbekannten» Kreaturen geistern allerdings längst durch Legenden und Mythen. Denn der lokalen Bevölkerung sind sie schon lange bekannt. Aber erst wenn ein Tier oder ein Schädel oder eine Haut in die Hände eines Wissenschaftlers gelangt, wird aus dem ­Mythos Wirklichkeit.

Wie 1992. Damals spürte der Brite John MacKinnon in Vietnam ein mysteriöses Waldrind auf: das Saola. Die Entdeckung war eine der grössten zoologischen Sensationen des Jahrhunderts. Der Forscher fand das Tier allerdings nicht im Urwald, sondern als Trophäe an der Wand einer Jagdhütte. Dort hingen 50 Zentimeter lange Hörner, die an den Kopfschmuck von Oryxantilopen erinnerten. Später stiess MacKinnon auf drei Felle, mit denen er das Tier rekonstruieren und schliesslich beschreiben konnte. 1993 erschien sein Bericht in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Nature».

Das Saola erinnert mit seinem stromlinienförmigen Körperbau an eine afrikanische Duckerantilope und ist wie diese optimal an das heimliche Leben im dichten ­Unterholz angepasst. Es hat zwei auffällige grosse Drüsen vor den Augen, die ein gelbgrünes, stechend riechen­des Sekret absondern. Damit kann das Waldrind Duftmarken setzen und so mit anderen Tieren kommunizieren.

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Im Jahr 1996 konnten ­lokale Jäger eines dieser extrem seltenen Tiere fangen. Doch ein Saola in freier Wildbahn zu beobachten war bis heute keinem Forscher vergönnt.

Ein anderes rätselhaftes Tier, die Laotische Felsenratte, fanden Naturschützer ebenfalls weitab von seinem natürlichen Lebensraum. 2005 bot man ihnen das Tier auf einem Markt in Laos an. Die Spezies erinnert an ein grosses Hörnchen, ist aber entfernt mit den Stachelschweinen verwandt. Zuvor waren von der Gattung nur elf Millionen Jahre alte Fossilien bekannt. Dann aber präsentierte man den Forschern das Tier gegrillt und köstlich gewürzt an einem Marktstand. Und das Fossil war auf wundersame Weise wiedergeboren.

Die Legende von den niesenden Affen

Im Jahr 2010 erlangte ein mysteriöser Affe Berühmtheit, der angeblich bei Regen immer niesen muss, weil das Wasser in seine nach oben gerichtete Nase laufe. Die Tiere, die so unabsichtlich auf sich aufmerksam machten, seien für die Jäger eine leichte Beute, hiess es. Heute muss der Entdecker des Affen, der Schweizer Thomas Geissmann, darüber schmunzeln. «Ja, das war eine gute ­Geschichte», sagt er. «Bloss stimmt sie wahrscheinlich gar nicht.»

Der Primatologe vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich war in Burma unterwegs, um Gibbons zu zählen. Die Urwälder, die fast 40 Prozent des Landes bedecken, sind eine Terra incognita, ein weisser Fleck auf der Karte des biologischen Wissens. Erst seit kurzem können Ausländer in das Land einreisen; während knapp 80 Jahren war es von Kriegswirren beherrscht.

Das Gefühl, etwas Aussergewöhnlichem auf der Spur zu sein, beschlich Thomas Geissmann erstmals im Januar 2009. Mit seinen Forscherkollegen fuhr er von Dorf zu Dorf, um Jäger zu interviewen und so herauszufinden, wo noch Gibbons leben. Eines Tages erzählte ihm ein Mann, in einem weitentfernten Wald an den Hängen des Himalaja gebe es auch «Schwarzaffen». Deren besonderes Merkmal sei die markante, aufgestellte Nase.

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Thomas Geissmann wurde stutzig. Konnte der Jäger einen Stumpfnasenaffen meinen? Von diesen waren ­lediglich vier Arten aus China und Vietnam bekannt. Er glaubte die Geschichte nicht so recht, beschloss aber trotzdem, der Sache nachzugehen.

Der seltene Primat mundet den Einheimischen

Monate später fuhr das Forscherteam in das Gebiet. Die Teilnehmer durchstreiften tagelang die Wälder, kletterten felsige Hänge hinauf. Doch sie fanden nichts. Bis eines Abends ein Jäger an die Tür ihrer Unterkunft klopfte und sagte, er habe einen der gesuchten Affen zu Hause, eben erst getötet und bereit für den Kochtopf.

Am nächsten Morgen fotografierten die Forscher das blutverschmierte Tier. Die dunkel gefärbte Art war bislang völlig unbekannt. Leider bestand der Jäger darauf, den Stumpfnasenaffen zu verspeisen. Wenigstens konnten die Forscher den Schädel und das Fell erstehen.

Kurz darauf entdeckten sie auch eine Tasche aus dem gleichen Fell und zwei weitere Schädelfragmente. Einheimische hatten die Köpfe wegen des Hirns aufgeschnitten, das in Burma als Delikatesse gilt.

Wochen später schabte Thomas Geissmann das verwesende Fleisch von dem intakten Schädel, desinfizierte diesen mit einem eilig gekauften Reinigungsmittel für dritte Zähne und vermass ihn genau. Gern hätte er den Affen «Rhinopithecus burmensis» benannt: «Burmesischer Stumpfnasenaffe». Aber der Leiter des Gibbonprojekts hatte eine andere Idee: Warum nicht aus dem Namen Kapital schlagen? So nannte man die Art schliesslich Rhinopithecus strykeri, nach Jon Stryker, dem Präsidenten einer gutdotierten Stiftung. Der revanchierte sich mit einer stattlichen Summe für weitere Forschungs­projekte in Burma.

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Letztes Jahr fanden Biologen aus Kunming in einem Regenwald Chinas eine weitere Gruppe der seltenen ­Affen. Dort machten sie auch die Beob­achtung, dass die Tiere bei Regen überhaupt nicht niesen müssen, wie die einheimischen Jäger den Forschern früher zu Protokoll gegeben hatten. Was wie ein verräterisches Niesen klingt, scheint ganz im Gegenteil ein Warnruf zu sein.

Der schwer zugängliche Tropenwald ist nicht der einzige Hort unbekannter Spezies. Auch die Tiefsee erweist sich immer wieder als wahre Schatzkammer. Kein Wunder, sind doch erst rund fünf Prozent des Meeres­bodens erforscht.

Allein von 2000 bis 2010 fanden Wissenschaftler aus 70 Ländern im Rahmen des internationalen Projekts «Census of Marine Life» rund 1200 neue Arten. Allerdings ist die Arbeit in grossen Tiefen schwierig: Hochspezialisierte Roboter sind nötig, um die bizarren Lebewesen der Tiefsee zu er­kunden (siehe nachfolgend: «Tiefseeforschung»).

Auch in der Schweiz harrt noch manches Rätsel seiner Lösung. «In unseren Wäldern leben viele Arten, von denen noch niemand weiss», sagt Karin Schiegg, die am Zoologischen Institut der Universität Zürich forschte. Sie selber hat Ende der neunziger Jahre im Sihlwald bei Zürich überraschend viele neue Spezies gefunden.

Die Forscherin hatte insgesamt 100'000 Fliegen, Mücken und Käfer eingesammelt. Spezialisten bestimmten die Arten in aufwendiger Laborarbeit: Etliche Fliegen und Mücken lassen sich nur anhand des Baus der Genitalien unterscheiden. An­dere zeigen spezielle Borsten oder Flügelmerkmale. Schliesslich förderten die Taxonomen 20 neue ­Arten ­zutage – für die Schweiz grenzt das an eine Sensation.

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Normalerweise werde hierzulande etwa eine Art pro Jahr entdeckt, die der Wissenschaft komplett neu ist, schätzt Peter Duelli, emeritierter Professor an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Weitere zehn Arten sind nur für die Schweiz neu, jedoch wissenschaftlich schon bekannt. Würde aktiver gesucht, läge einiges mehr drin. Duelli geht davon aus, dass bei uns rund 70'000 Tier-, Pilz- und ­Pflanzenarten vorkommen. Beschrieben sind 49'000. Neue Arten erwartet er vor allem bei Spinnen, Insekten, Würmern, Algen und Pilzen.

Die Musik spielt jedoch sowieso längst anderswo: in den Labors der Genetiker. Sie vergleichen die Arten anhand einiger Gensequenzen. Unterscheidet sich die DNA stärker als üblich, wird eine Spezies in zwei neue auf­getrennt. Und die globale Artenliste verlängert sich, ohne dass jemand die Tiere oder Pflanzen mit blossem Auge unterscheiden könnte.

Neue Definition: Was ist eine Art?

Delphin- und Walarten wurden auf diese Weise in letzter Zeit ebenso entdeckt wie Nagetiere. Fast schon inflationär werden derzeit in Madagaskar neue Lemurenarten beschrieben. Die Bestände dieser Primaten sind durch ­Flüsse und Siedlungsräume in mehrere Popula­tionen aufgesplittert. Zapft man zum Beispiel den Mausmakis links eines Flusses und den Mausmakis rechts eines Flusses etwas Blut ab und vergleicht die DNA im Labor, findet man fast immer Unterschiede. Das Resultat: 1999 kannte man erst 31 Lemurenarten, heute sind bereits 100 bekannt. Auch die Gesamtzahl der Primaten hat sich dank den Genetikern in den letzten 20 Jahren von rund 200 auf über 400 verdoppelt.

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Möglich ist das, weil die Biologen heute eine Art ­anders definieren als noch vor 20 Jahren. «Früher galten zwei Tiergruppen als zwei Arten, wenn sich die Tiere nicht miteinander kreuzten», sagt der Primatologe Thomas Geissmann. «Dies kann aber in 99 Prozent der Fälle in freier Wildbahn gar nicht überprüft werden.» Seit ­einiger Zeit habe man deshalb zum «phylogenetischen Artprinzip» gewechselt: Zwei Tiergruppen sind dann zwei Arten, wenn sich alle Tiere der einen Gruppe von ­allen Tieren der anderen Gruppe durch mindestens ein eindeutiges Merkmal unterscheiden. Haben zum Beispiel die Tiere links eines Flusses einen schwarzen Schwanz und die Tiere rechts des Flusses einen grauen, gehören sie verschiedenen Arten an. Wie auffällig das Merkmal ist, ist nicht entscheidend: Eine unterschiedliche Gen­sequenz kann schon genügen.

Wohin diese neue Definition der Arten in der Praxis führen wird, ist nicht vorauszusehen. Klar ist nur, dass sich die Natur eigentlich gar nicht in Arten aufteilen lässt. Zu oft sind die Grenzen zwischen den Populationen fliessend. Zudem ist ständig alles im Fluss: Neue Merkmale werden häufiger, andere sterben aus. Trotzdem hat der Mensch den Wunsch, die Vielfalt der Kreatur in Schub­laden zu ordnen. Dies ist auch ein Grund dafür, dass das von Carl von Linné im 18. Jahrhundert ersonnene Taxonomiekonzept bis heute besteht.

Gleichzeitig schwindet die Artenvielfalt, weil der Mensch die Lebensräume zerstört. Zwar werden auf der Roten Liste in der Kategorie «Ausgestorben» nur 795 Tier- und Pflanzenarten geführt. In Wahrheit verschwinden ­jedoch – je nach Hochrechnung – zwischen 1000 und 50'000 Arten pro Jahr. Genaueres ist nicht bekannt. Weil wir nicht wissen, was existiert, wissen wir auch nicht, was täglich verlorengeht.

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Unverhoffte Comebacks lange vermisster Arten

Umso schöner, wenn eine vermeintlich ausgestorbene Art wieder auftaucht. Insgesamt kamen in den letzten 120 Jahren mindestens 350 vermisste Arten wieder zum Vorschein. So fingen Ornithologen vor sechs Jahren in einer thailändischen Kläranlage einen Grossschnabel-Rohrsänger. Sie waren davon ausgegangen, dass dieser kleine graue Vogel seit 140 Jahren nicht mehr existiert. Und 1999 stiessen Biologen auf der Kanareninsel La Gomera auf ­eine Eidechsenart, die vor über 500 Jahren letztmals gesehen worden war.

Ins Reich der Legenden gehört vermutlich die Geschichte vom wiederauferstandenen Elfenbeinspecht. Der Letzte seiner Art segnete das Zeitliche wohl bereits im Jahr 1944. Doch 2004 veröffentlichten Forscher des Cornell Lab of Ornithology verwackelte Filmaufnahmen aus den Sumpfwäldern von Arkansas. Sie zeigten einen riesigen Vogel, der einem Elfenbeinspecht ausserordentlich ähnlich sah. Sofort ging eine aufwendige Suchaktion los. Der ultimative Beweis für die Existenz der Art blieb jedoch bis heute aus.

Sagenhafte Züge hat auch der Java-Tiger angenommen. Diese Unterart des Tigers gilt seit den achtziger Jahren als ausgestorben. Doch 2008 fand man auf Java den Leichnam einer Frau. Laut Einheimischen war sie von einem Tiger attackiert worden. 2009 wollten Menschen eine Tigermutter mit zwei Jungen gesehen haben. Und vor zwei Jahren fand man «eindeutige» Tatzenabdrücke. Ein Beleg, dass auf Java noch Tiger leben, fehlt jedoch bis heute. Doch der Mythos rund um das gefährliche Raubtier wird fortleben.

Von solchen Legenden zehrt auch der niederländische Artenjäger Marc van Roosmalen. Zwar streift der bekannte Forscher noch ­immer täglich durch den Urwald. Aber mindestens so sehr interessieren ihn die Sagen und Mythen der lokalen Bevölkerung. In diesen, glaubt er, schlummert noch so man­ches Rätsel, das es zu lösen gilt.

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Inzwischen hat der findige Forscher eine neue Einnahmequelle entdeckt: Wer selber eine neue Spezies entdecken möchte, kann sich ihm auf seinen Expeditionen anschliessen. Es gilt mitzunehmen: eine Foto- oder Videokamera. Und ­einige Plastikbehälter. Denn aus einem Haufen Kot wird am Rio Aripuanã gut und gern ein neuer Hirsch.


Wie viele Tier- und Pflanzenarten leben in den Ozeanen? Dieser Frage ging das internationale Forschungsprojekt «Census of Marine Life» nach, das von 2000 bis 2010 lief. Über 2700 ­Wissenschaftler durchforschten die ­unterschiedlichsten Meeresgebiete.

Sie fanden insgesamt 6,4 Millionen ­Lebewesen, darunter mehr als 1200 neue Arten. Und sie errechneten, dass in den Meeren mindestens eine Million Tier- und Pflanzenarten vorkommen, wobei die Einzeller nicht mitgezählt sind. Bekannt sind erst 250'000 Arten, und bloss rund fünf Prozent des Meeres­bodens sind erforscht. In den obersten 200 Metern des Meers findet sich die grösste Artenvielfalt.

Mit fortschreitender Tiefe nimmt sie ab. Weil Pflanzen ohne Licht nicht leben können, fehlt in der dunklen Tiefsee diese wichtige Nahrungs­basis. Allerdings sind auch die tieferen Meeresschichten wissenschaftlich interessant, da in diesem ­Lebensraum erstaunlich viele Tiere vorkommen. Sie ernähren sich von der absinkenden ­toten Materie oder betreiben auf aus­geklügelte Weise Beutefang.

Die Forscher arbeiten normalerweise von Schiffen aus, indem sie zum Beispiel Wasser- und Bodenproben einholen. Immer häufiger kommen aber auch ferngesteuerte, unbemannte Unterwasserfahrzeuge zum Einsatz. Diese verfügen über Kameras, mit denen die Forscher den Meeresgrund in Echtzeit beobachten können. Interessante Tiere können mit einer Art Unterwasser-Staubsauger eingefangen werden.

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Viel Erfolg mit solchen Geräten hat das kalifornische Monterey Bay ­Aquarium Research Institute (MBARI), das mehr als 200 Personen beschäftigt. Anfang November vermeldete das MBARI zum Beispiel den Fund eines bizarren Schwamms (siehe Bildgalerie), der in 3500 ­Meter Tiefe lebt. Er besteht aus mehreren «Harfen», in denen sich kleine Tiere ver­fangen. Sobald diese ­gefangen sind, ­werden sie in einer ­dünnen Membran eingeschlossen und anschliessend ­verdaut.


Wer eine Art als Erster in einem wissen­schaftlichen Artikel beschreibt, darf sie auch benennen. Dabei ist der erste Teil des Namens, der Gattungs­name, vorgegeben, ausser die Art ­gehört ­einer neuen Gattung an. Beim zweiten Teil des Namens ist hingegen fast alles möglich – und oft Erfindungsgabe ­gefragt. Manche widmen die neue Art einem berühmten Forscher, andere ­beziehen sich auf den Körperbau des entdeckten Tiers oder auf den Fundort. Und dann gibt es jene, die Phantasie und Humor walten lassen. Einige ­besonders witzige Beispiele:

 

  • Agra schwarzeneggeri (Laufkäfer, benannt nach Arnold Schwarzenegger)
  • Campsicnemius charliechaplini (Langbeinfliege)
  • Draculoides bramstokeri ­(Zwerg­geisselskorpion)
  • Mozartella beethoveni (Wespe)
  • Gaga (Farngattung, benannt nach Lady Gaga)

 

  • Parastratiosphecomyia ­stratiosphecomyioides (Waffenfliege)
  • Archaeohystrichosphaeridium ianischewskyi (fossile Alge)

 

  • Aha ha (Wespe)
  • Ia io (Glattnasenfledermaus)

 

  • Zyzzyx (Wespengattung)
  • Ajaia ajaja (Rosalöffler)
  • Vampyroteuthis infernalis (Tintenfisch, «Vampir aus der Hölle»)
  • Bambiraptor feinbergorum ­(Dino­saurierart, benannt nach Bambi)
  • Godzilliognomus (Krebsgattung,nach dem Filmmonster Godzilla)
  • Gollumjapyx smeagol (Doppelschwanz, benannt nach einer Figur aus dem Buch «Der Herr der Ringe»)
  • Proceratium google (Ameise, benannt nach der Suchmaschine Google)
  • La cerveza (Schmetterling; der Name ist spanisch für Bier)
  • Penicillus penis (Muschel, benannt nach ihrer phallusähnlichen Form)
  • Vini vidivici (ausgestorbener Papagei, benannt nach Cäsars Ausspruch)
  • Heerz lukenatcha (Wespe, benannt nach dem Satz «Here’s looking at you», auf Deutsch: «Ich seh dir in die Augen, Kleines», gesprochen von Humphrey Bogart im Film «Casablanca»)
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